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Ein Tag mit Kopftuch

Selbstversuch Ein Tag mit Kopftuch

Mädchen mit Kopftuch werden oft diskriminiert und ausgeschlossen. So das Klischee. ZiSH-Autorin Katharina Kunert hat getestet, ob die Vorurteile stimmen – und ist mit Kopftuch in die Moschee und in den Club gegangen.

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Es ist ein komisches Gefühl, als einziges Mädchen mit Kopftuch der deutschen Mannschaft zuzujubeln.

Quelle: Kunert

"Mashallah“, ruft eine Gruppe junger Männer und dreht sich mit anerkennendem Blick nach uns um. Ich habe keine Ahnung, was das Wort bedeutet, und die Situation ist mir unangenehm. Haben sie mich gerade beschimpft? Und das ist nicht das einzige sonderbare Erlebnis heute. Einen Tag teste ich, wie es ist, ein Kopftuch zu tragen.

Laut einer Studie der Anti-Diskriminierungsstelle hat fast jeder zweite Zuwanderer schon Erfahrungen mit Diskriminierungen gemacht. Besonders oft auf dem Arbeitsmarkt und in der Schule. Von den in Deutschland lebenden vier Millionen Muslimen haben laut einer Studie des Bundesinnenministeriums sogar 80 Prozent schon einmal Erfahrungen mit Ausgrenzung gemacht. Grund genug, einmal selbst zu testen, wie es sich anfühlt, ein Kopftuch zu tragen.

In der Innenstadt

Während ich die Georgstraße in Richtung Bahnhof entlanglaufe, fühle ich mich von den Passanten beobachtet. Ständig bleiben die Blicke an mir hängen. Vielleicht liegt das an meiner Selbstwahrnehmung – ich fühle mich heute unangenehm auffällig. Als Christin ist mir die religiöse Kopfbedeckung fremd. Meiner muslimischen Mitschülerin Elif (Name geändert) fallen die Blicke gar nicht auf.  „Es fühlt sich ganz natürlich an, wenn ich es trage, es ist ein Teil von mir. Mit dem Kopftuch fühle ich mich beschützt“, sagt sie. Auch in der Schule fühlt sie sich nicht benachteiligt. „Wenn ich eine schlechte Note bekomme, habe ich einfach zu wenig gelernt“, sagt sie. Ihre muslimischen Mitschüler sehen das aber manchmal anders und vermuten eine Vorverurteilung wegen ihres Kopftuchs.
Bis auf die Blicke bemerke ich in der Innenstadt nichts Außergewöhnliches. Dabei vergesse ich fast, dass ich ein Kopftuch trage. So entspannt ist der Alltag von Muslimas aber nicht immer: Eine muslimische Mitschülerin, die mit Freundinnen in Berlin spazieren ging, wurde von einem Passanten abfällig beschimpft: „Zur Moschee geht’s in die andere Richtung.“

Beim Public Viewing

Mit Deutschland-Trikot und Kopftuch bin ich auf dem Weg zum Uni-Sportcampus. Dort habe ich mich mit meinen Freunden zum Public Viewing verabredet. Ich bin aufgeregt und habe regelrecht Herzrasen – und das liegt nicht am Gegner Nordirland. Innerlich mache ich mich auf doppelte Taschenkontrollen und Pöbeleien von betrunkenen Fußballfans gefasst. Was passiert, ist lapidar: Meine Freunde laufen am Eingang versehentlich vorbei, und selbst meine Schwester erkennt mich nicht wieder – obwohl sie von meinem Experiment wissen. Trotzdem ist es ein komisches Gefühl, als einziges Mädchen mit Kopftuch der deutschen Mannschaft zuzujubeln. Die anderen Zuschauer behandeln mich den ganzen Abend betont höflich – fast zu sehr, wie ich finde. An der endlos langen Schlange vor den Frauen-Toiletten werde ich sogar vorgelassen. Ob das wegen des Kopftuchs ist, weiß ich nicht. Nett ist es aber allemal. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, fühle ich mich isoliert: Bevorzugung ist schließlich auch eine Art der Sonderbehandlung.

In der Moschee

Im Frauen-Gebetsraum liegen Teppiche, mattes Licht strahlt durch die bunt verzierten Scheibe und das meditative Gemurmel der Betenden erfüllt die Luft. Neugierige Blicke ernte ich hier kaum. Nur als ich etwas unbeholfen versuche, die komplizierten Gebets-Bewegungen zu imitieren, die Elif mir vorgemacht hat, werde ich beobachtet. Arme heben, in die Knie gehen, zweimal in Hocke. Wie war das noch mal?
Schon junge Mädchen führen routiniert die Bewegungen aus. Auch sie tragen Kopftücher. Wie viele Muslimas begann auch Elif mit 14 Jahren, das Kopftuch zu tragen. Da war sie in der achten Klasse und durfte auf den Schulhof der älteren Schüler. Bis heute bereut sie die Entscheidung nicht: „Für mich hat es einen Neuanfang bedeutet“, sagt sie. Ihren Freunden hatte sie von dem Entschluss erzählt, ihre Lehrer mussten sich erst mal an das verhüllte Mädchen gewöhnen.  Ihr Sportlehrer bot ihr in der Fastenzeit sogar an, zusätzliche Pausen zu machen. Unpraktisch findet Elif es nicht, mit Kopftuch Sport zu machen, ganz im Gegenteil: „Während die anderen Mädchen Probleme damit haben ihre Haare zurückzubinden, ist bei mir alles sicher verpackt“, sagt sie.

Beim Feiern

Erst als ich dem Einlasser meinen Personalausweis hinhalte, fällt mir ein, dass ich auf dem Foto ganz anders aussehe als jetzt – mit Kopftuch. Mir wird ganz warm, als der Blick des Einlassers zwischen mir und dem Foto hin und her wandert. Aber anscheinend fällt dem Einlasser meine Kopfbedeckung nicht auf, denn er lässt mich passieren.
Den Rest des Abends vergesse ich, dass ich ein Kopftuch trage. Meine Freunde haben sich mittlerweile daran gewöhnt, und kaum jemand schaut mich seltsam an. Einzig die Wärme unter dem Stoff erinnert mich an meine Kopfbedeckung. Erwartet hatte ich Vorurteile, Pöbeleien und hitzige Konfrontationen – das einzig Hitzige ist aber meine Stirn unter dem Kopftuch.  
Als ich es abnehme bleibt die erwartete Erleichterung aus – zwar wurde ich wegen des Kopftuchs nicht besonders schlecht behandelt, aber doch besonders. Meine Freundin Elif erklärt mir, dass türkische Männer „Mashallah“ rufen, wenn sie die Frau schön finden. Es ist ein Ausruf der Bewunderung, wörtlich übersetzt bedeutet er etwa „was Gott will“. Statt mich zu beschimpfen, wollten mir die Männer also nur ein Kompliment machen.   

Katharina Kunert

Streitobjekt und Religionssymbol

Das Kopftuch, der „Hidschab“, ist ein religiöses Symbol und Streitobjekt. Besonders im öffentlichen Dienst ist das Tragen von Kopftüchern umstritten. Aktuellstes Beispiel ist die angehende Richterin Aquila S: Die Referendarin erstritt sich vor Gericht das Recht darauf, auch auf dem Richterstuhl ein Kopftuch tragen zu können. Ob die Kopfbedeckung erlaubt ist oder nicht, variiert je nach Bundesland und Rechtssprechung: In Niedersachsen werden Kopftücher mittlerweile toleriert, in Berlin sind sie verboten. Auch international herrscht kein Konsens: Länder wie Frankreich, in denen Kirche und Staat getrennt sind, verbieten Kopftücher meist. In der Türkei ist die religiöse Verschleierung erst seit 2014 erlaubt, dabei sind fast alle Türken muslimischen Glaubens. Etwa vier Millionen Muslime leben in Deutschland, fast die Hälfte davon sind Frauen. Etwa ein Drittel der Muslimas trägt ein Kopftuch. Es darf ab der ersten Monatsblutung getragen werden, dann gelten muslimische Mädchen als religionsmündig. Im Koran selbst gibt es keine explizite Anweisung zum Tragen eines Kopftuchs. Frauen wird lediglich geraten, sich durch Verhüllung vor Belästigungen zu schützen. Deswegen reicht ein Kopftuch auch nicht aus, die Frauen sollen auch umspielende Kleidung tragen.

Kira von der Brelie

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