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Urlaub auf der Couch

ZiSH war bei Hannovers Couchsurfern Urlaub auf der Couch

Die weite Welt in die eigenen vier Wände holen? Das geht über das Internetportal „Couchsurfing“. ZiSH-Autorin Lydia Tittes hat zwei Hannoveraner besucht, die ihr Heim gratis für Reisende anbieten. Und dabei mehr erleben, als in manchem Sommerurlaub.

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Quelle: Surrey

Ein Wohnzimmer wie Omas Stube: Vergilbte Porträts an der Wand, staubige Bücher im Regal und in der Ecke ein kaputter Fernseher. Bettina fühlt sich wohl in diesem braunen Häuschen in Döhren. Und sie ist nicht allein damit. Die 28-Jährige ist Mitglied beim Internetportal Couchsurfing und hat in den vergangenen drei Jahren schon über 90 Surfer, also fremde Gäste, kostenlos hier übernachten lassen.

Besucher aus Australien, Polen oder England haben schon in den leeren Zimmern ihrer Geschwister übernachtet. Die Bude ihres Bruders ist heute „zu unaufgeräumt“. Bettina grinst. In das Zimmer ihrer Schwester gewährt sie einen Blick, doch besonders wohnlich ist es nicht. Auf dem Fußboden liegen zwei Matratzen ohne Bettzeug, daneben zwei Regale und ein Schreibtisch. Sonst nichts. Keine Bilder, keine persönlichen Andenken. Trotzdem ist Bettinas Bude sehr beliebt: Der 24-jährige Russe Eugene kam im Juli nach Hannover, um an einem deutsch-russischen Symposium teilzunehmen. Er klickte sich durch die Profile und stieß auf Bettinas Seite. Und bereute es nicht: „Vom alten Conti-Gelände bis hin zur hannoverschen Altstadt hat Betti mir alles gezeigt. Ich habe Plätze gesehen, die ich als normaler Tourist verpasst hätte Das ist das Tolle am Couchsurfing.“

Die Idee dahinter: Menschen kennenlernen, andere Lebensweisen und Städte erkunden. In anderen Ländern macht die Weltenbummlerin Bettina es genauso: Bei ihren Trips nach Brasilien, Uruguay, Estland und Südafrika bezahlte sie nie für Hotels, sondern schlief stets auf fremden Sofas. Denn sie ist nicht nur Host, also Gastgeberin, sondern auch leidenschaftliche Couchsurferin. Wenn die Fotografin und Gemüsezüchterin aber mal im heimischen Döhren bleiben will, ist sie trotzdem irgendwie im Urlaub. Denn die Übernachtungsgäste bringen stets neue Erfahrungen mit, die sie mit ihr teilen. Am Ende trägt sich jeder ins bunte Gästebuch ein – natürlich in seiner eigenen Sprache. Eine Südkoreanerin zum Beispiel hinterließ unverständliche Schriftzeichen.„Darüber freue ich mich sehr. Trotzdem verstehe ich das meiste leider nicht“, sagt Bettina lachend.

Auch Marcus und Daisy holen sich den Urlaub ins eigene Heim. Das Pärchen aus Langenhagen hat in einem Jahr schon über 50 Surfer aufgenommen. „Wir zeigen unseren Gästen nicht die Oper am Kröpcke, wir gehen lieber ins Café Glocksee zum Ruby Tuesday“, sagt die 47-jährige Daisy. „Für uns ist das wie Urlaub – nur eben auf der Couch.“

Vor ihrem Haus steht ein VW-Bus, neben der Tür ein Plüschteddy. Drinnen liegen schwarze Koboldmasken und Gummifüße herum. „Das gehört zu unserer Fantasy-Sammlung für Live-Rollenspiele“, sagt der 44-jährige Marcus, der als Bauingenieur arbeitet und nebenbei Bienen züchtet. Daisy und Marcus haben vier Kinder. Und drei Hunde. Und fast jede Woche neue fremde Gäste auf ihrer Couch. Zu viel wird es den beiden nie. „Zum Glück müssen wir die Surfer nicht erziehen. Das Klo putzen die meisten schon selber.“ Daisy lacht herzlich, ihre schwarzen Dreadlocks hüpfen auf und ab.

Die Surfer reisen aus unterschiedlichen Gründen. Mal sind es ausländische Studenten auf der Durchreise. Mal sind es Messegäste. Doch alle haben eins gemeinsam: Sie wollen eine Unterkunft für lau. Einige Surfer haben das Prinzip aber nicht ganz verstanden. „Manche verwechseln Couchsurfing mit einem Datingportal und schreiben, sie möchten sich als Dank mit einer Massage revanchieren“, sagt Bettina. „Ich habe aber auch schon härtere Sachen gehört. Deswegen ist es besonders wichtig, auf die Referenzen im Netz zu achten.“

Wenn ein Profil viele negative Bewertungen erhalten habe, sollte man besser die Finger davon lassen. Trotzdem kann man sich vorab nie sicher sein, dass am Ende beide glücklich sind. Es kann immer mal vorkommen, dass der nett lächelnde Surfer doch nicht so cool ist. „Nachdem eine Surferin abreiste, war einmal die ganze Heizung mit Kaugummis vollgeklebt“, sagt Bettina. Da war sie enttäuscht, blieb aber gelassen: „Solche Unfälle kommen vor.“ Richtig schlechte Erfahrungen hat sie nie gemacht.

Für die meisten Nutzer ist das „Gastfreundschaftsnetzwerk“, wie es liebevoll genannt wird, mehr als eine kostenlose Unterkunft: Es ist eine Community, ein persönlicher Lebensstil, eine eigene Kultur. Manchmal quetschen sich über 40 Surfer und Hosts in Bettinas Stube. Denn die Fotografin organisiert auch Konzerte über das Onlineportal. Dann lädt sie Bands und Surfer – darunter auch Marcus – aus verschiedenen Ländern ein. „Einmal war ein Typ mit Gitarre dabei, ein anderes Mal eine vierköpfige Band mit Schlagzeug. Die Nachbarn habe ich auch immer eingeladen. Doch bis jetzt ist noch keiner gekommen“, sagt die 28-Jährige.

Konzerte, gemeinsames Kochen und Ausflüge in die Stadt finden die drei gastfreundlichen Hannoveraner schöner als einen Pauschalurlaub auf Malle. „Hotels gehen gar nicht!“, da sind sich Marcus, Daisy und Bettina einig.Und was bleibt nach dem Besuch? „Wir erwarten keine Gegenleistung. Trotzdem bekommen wir die verrücktesten Geschenke“, sagt Daisy. Zum Beispiel Hundeleckerlis oder eine abgeschnittene Haarsträhne. Die hinterließ ein blond gelockter Surfer von Usedom. Das besondere Souvenir hat sich die 47-Jährige nun in ihr eigenes Haar eingeflochten.Und sie ist sich sicher: Wenn sie selbst mal eine Unterkunft im Norden braucht, auf seiner Couch ist bestimmt noch ein Platz für sie frei.

Lydia Tittes

Spaß in fremden Betten

Urlaub für umme: Flug, Verpflegung, Hotelzimmer – da kommt bei einer gewöhnlichen Reise einiges zusammen. Wer trotzdem nicht darauf verzichten möchte, die Welt zu sehen, kann sich das Geld für eine Unterkunft sparen. Oder sich gleich einen Gast aus einem fremden Land nach Hause holen. Beim Couchsurfen schlafen die Reisenden einfach auf dem Sofa eines Gastgebers – kostenlos.

Das Prinzip ist einfach: Der Host inseriert im Internet auf dem Portal 
www.couchsurfing.org seinen freien Schlafplatz. In den meisten Fällen sind das sogar Gästezimmer mit richtigen Betten statt durchgesessene Sofas im WG-Wohnzimmer. Der Surfer kann die passende Couch zum gewünschten Reisetermin auswählen.

Seit zehn Jahren surfen vor allem junge Menschen nun schon über die Couches dieser Welt. 2004 hat der US-Amerikaner Casey Fenton zusammen mit drei Freunden das „Gastfreundschaftsnetzwerk“ ins Leben gerufen. AufCouchsurfing.org sind rund neun Millionen Menschen registriert. Es gibt auch kleinere Portale wie Hospitalityclub.org oder Bewelcome.org.

Wer auf der Couch eines Fremden übernachten will, sollte sich über den potenziellen Gastgeber informieren. Hier können die Bewertungen anderer Surfer und das Profil des Hosts Auskunft geben. Außerdem rät das Portal, vorher mit dem Host in Kontakt zu treten, um einen ersten Eindruck zu bekommen.

ZiSH

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