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Barden der Innenstadt

Straßenmusik Barden der Innenstadt

Mit Geige, Gitarre und selbst geschriebenen Pokémon-Songs: Wo andere shoppen, spielen Straßenmusiker wie Michel, Shad oder Christian ihre Songs – für eine kleine Spende und die spannenden Begegnungen mit wildfremden Menschen.

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Ob Oma oder Punk: „Auf der Straße treffe ich sie alle“, sagt Michel Ryeson.

Quelle: Privat

Von Folk 
bis Funk

Wenn Michel Ryeson mit seiner Gitarre in der Innenstadt spielt, landet schon mal Ungewöhnliches in seinem Gitarrenkoffer. „Auf dem Weihnachtsmarkt stellte mir einmal eine Gruppe von Leuten einfach eine Sektflasche in den Gitarrenkoffer. Die tranken wir dann nachher gemeinsam“, erzählt er.

Genau diese spontanen Erlebnisse liebt Michel an der Straßenmusik. So lernte er seinen guten Freund Juan kennen: Der Vocalcoach gab ihm seine Nummer und bis heute sind sie Freunde. Im Moment studiert der 22-Jährige Journalistik in Hannover, kommt aber ursprünglich aus Bremen. An der Uferpromenade Schlachte, direkt an der Weser erspielte er sich einmal in anderthalb Stunden 70 Euro. An seinem hannoverschen Stammplatz, dem Kröpcke, fällt sein Verdienst trotz des großen Publikums aber meist nicht so üppig aus: „Besonders in der Weihnachtszeit sind die Menschen sehr großzügig, manchmal komme ich aber auch nicht mal über 12 Euro hinaus“, sagt er. Ob Folk, Hip-Hop oder Funk – mit Gitarre und Gesang spielt er „alles, was die Leute schnell erkennen“. So unterschiedlich wie sein Musik-Stil ist auch sein Publikum: „Bei Auftritten in der Bar ist immer eine bestimmte Gruppe von Leuten unterwegs – auf der Straße treffe ich sie alle“, sagt er.

Katharina Kunert

Pokémon-Songs to go

Sie spielen unverstärkt – und trotzdem hallt die kehlige Stimme von Sängerin Shad Valkyrie über den ganzen Kröpcke-Platz. Oh! Some Heroes! wirken so selbstsicher, wie die Superhelden, die sie alle begeistern und die es bis in ihren Bandnamen geschafft haben. „Heldenrock“ nennen sie ihren Musikstil, der sich nach eigener Aussage an der „nerdigen Popkultur“ rund um Comicfiguren, Pokémon und – eben – Superhelden orientiert.

Der erste Song, den sie spielen, ist „Kryptonyte“ von 3 Doors Down – er spielt auf Supermans einzige Schwachstelle an: das fiktive Material Kryptonit. So lässig, wie ihr Pop-Rock-Stil klingt, geht der Auftritt aber nicht von der Hand. „Ich habe schon zwei Whisky intus“, gesteht Shad. „Das hilft mir, locker zu werden und auf die Leute zuzugehen.“ Denn heute macht die Band zum ersten Mal Straßenmusik.

Bevor sie vor einem Jahr erst Schlagzeuger Neal Brandt und dann Bassist Andy Pohl in die Band holten, machten Shad und Ehemann und Gitarrist Skalp Barbarian zu zweit Musik – zum Vergnügen. Heute aber stehen sie nicht nur zum Spaß auf der Straße, sie haben einen Auftrag: „Wir wollen eine Studioaufnahme von unserem Song ‚Like a Charmander‘ machen – das kostet fast 400 Euro, und die wollen wir uns jetzt erspielen“, erzählt Shad. In dem Song geht es darum, dass man sich – wie das Feuer-Pokémon Glumanda – auch unter widrigen Umständen seine innere Flamme erhalten solle.

Nach einer halben Stunde Heldenrock liegt ein Zehner im Gitarrenkoffer. Es könnte besser laufen für eine Band mit Pokémon-Songs. Passend dazu sagt Shad Valkyrie mit einem erstaunlich glücklichen Lächeln: „Man darf nicht verzweifeln, wenn es mal nicht klappt – mit der Musik ist es wie seine Liebe zu gestehen.“

Katharina Kunert

Die erste Geige auf der Straße

Für Christian Böhmeke von den Violin Guys ist die Straßenmusik wie eine Wundertüte. „Die Leute wissen erst mal nicht, was sie erwartet“, sagt er. „Und umgekehrt weiß man selbst nicht, wie die Menschen auf die Musik reagieren.“ Vor drei Jahren stellten sich der 22-Jährige und sein Bruder Roman das erste Mal mit ihren Violinen in Hannovers Innenstadt. „Einfach so, weil wir Lust hatten“, sagt Christian. Sie probierten die Genres durch und beobachteten, auf welche Lieder die Passanten am besten reagierten. Hängen geblieben sind sie bei bekannten Popsongs wie „Viva la Vida“ von Coldplay – das kommt bei ihren Zuhörern besonders gut an.

Über eine gemeinsame Lehrerin lernten die beiden ihr drittes Bandmitglied Paul Krämer kennen. „Paul kann besonders gut Songs adaptieren“, sagt Christian, also die Lieder so umwandeln, dass sie auf den Instrumenten gut klingen. Zu dritt spielten sie nicht nur in Hannover, sondern auch in anderen Städten wie Hildesheim oder Hamburg. Auch dort gilt: Jeder Auftritt ist neu und anders. In Köln erlebte das Trio seinen bisher kuriosesten Auftritt. „Uns hat ein Mann angesprochen, ob wir nicht etwas für einen Heiratsantrag spielen können“, erzählt Christian. Auf einer Rheinbrücke wurden die drei Musiker so selbst die Überraschung.

Mittlerweile machen die Violin Guys nur noch selten Musik auf der Straße. Mit größerer Bekanntheit kamen Anfragen für Auftritte auf Hochzeiten und eigene Konzerte. Wenn die Violin Guys nicht spielen, jobben die Brüder im Musikbrunnen, einem Laden für Musikinstrumente, der ihrem Vater und ihrem Onkel gehört. Paul studiert an der Hochschule für Musik und Theater Hannover – Instrumentalpädagogik im Master.

Ab und zu spielen sie noch immer in Fußgängerzonen. „Denn ganz viele Leute wissen noch nicht, dass es uns gibt.“ Und das soll sich möglichst schnell ändern.

Sabine Gurol

Vom Asphalt auf die Bühne: Berühmte Straßenmusiker

Passenger: Für Mike Rosenberg alias Passenger ist Straßenmusik ein Lebensstil. Nachdem sich seine Band aufgelöst hatte, reiste er mit seiner Gitarre im Gepäck nach Australien und spielte auf der Straße. Obwohl Rosenberg schnell entdeckt wurde und zurück in Großbritannien mit Superstar Ed Sheeran auf Tour ging, spielte er weiterhin auf der Straße, unter anderem auch in Deutschland.

Zaz: Im Viertel Montmartre in Paris tummelten sich bereits im 19. Jahrhundert berühmte Künstler wie Vincent van Gogh oder Pierre-Auguste Renoir. Seit 2010 kann es eine weitere Berühmtheit verzeichnen: die französische Chanson-Sängerin Zaz alias Isabelle Geffroy. Bevor sie ihren Durchbruch mit „Je veux“ feierte, spielte die heute 36-Jährige mit zwei weiteren Musikern für ein paar Groschen im Kultviertel rund um die Kirche Sacré-Cœur.

Eric Clapton: Die Zeitschrift „Rolling Stone“ kürte ihn nach Jimi Hendrix zum zweitbesten Gitarristen aller Zeiten: Eric Clapton („Tears in Heaven“, „Layla“), der bei seinen Großeltern im England der Nachkriegszeit aufwuchs, entdeckte mit 17 Jahren seine Liebe zum amerikanischen Blues – und brach für ihn sein Kunststudium ab. Weil das Geld knapp wurde, verdiente er sich als Bauarbeiter und Musiker ein Jahr lang sein Geld auf der Straße.

Kelly Family: Ob Doppeldeckerbus, Schloss oder Hausboot – ein spießiges Zuhause kam für die Kelly Family („An Angel“) nicht infrage. Denn in den Siebzigern reisten die aus Amerika stammenden Kellys durch Europa, um auf der Straße Musik zu machen. Anfang der Neunziger Jahre spielte sie sogar auf dem Steintorplatz in Hannover. Zu dieser Zeit lag ihr Hausboot laut Sänger und Gitarrist Joey Kelly fast ein halbes Jahr am Mittellandkanal in Höhe Nordhafen vor Anker.
Amy Belle: Ihre Geschichte könnte auch aus einem Hollywood-Film stammen. Amy Belle stand im Oktober 2004 in Glasgow auf der Straße, um mit ihrer Musik ein bisschen Geld zu verdienen, als sie damit einem Freund von Rod Stewart auffiel. Der stellte sie einander vor, und nur kurze Zeit später performte die junge Schottin den Song „I Don’t Want to Talk About It“ mit dem Rocksänger höchstpersönlich. Ihr großer Durchbruch blieb bisher jedoch aus.

saz

Straßenmusik: Was erlaubt ist und was nicht

Manchmal nervt Straßenmusik. Sicher: Wenn sanfte Pianoklänge oder die Songs einer Indie-Rock-Band sich mit dem Stimmenwirrwarr in der Innenstadt vermischen, ist das meist schön. Doch wenn man nicht die Möglichkeit hat, ihr zu entgehen, dann ist so manch einer auch schnell genervt. Etwa, wenn ein einsamer Trompeter direkt vor dem Café in sein Instrument trötet oder Musiker in der U-Bahn spielen und sich dann mit dem Hut durch die engen Fahrgastreihen quetschen.

Damit sich niemand gestört fühlt, gibt es Regeln für Straßenmusiker – und zwar in jeder Stadt individuelle. In München etwa müssen Straßenmusiker vor einer Jury vorspielen. Pro Tag bekommen die zehn besten je eine Zulassung. Auch in London gibt es seit 2014 keinen Stadtbezirk mehr, wo Bands spontan und ohne Lizenz auftreten dürfen. Berlin hingegen geht liberaler mit den Musikern um: Solange sich niemand beschwert, dürfen sie spielen, wo sie wollen – außer in U-Bahn-Zügen.

In Hannover beschwerten sich einige Ladenbesitzer über schlechte Straßenmusik in der City. Deshalb müssen die Musiker ab dem 1. Januar 2017 nun einen Antrag bei der Stadt stellen, wenn sie ihre Songs auf der Straße performen wollen. „Eine Jury wie in München wird es aber nicht geben“, sagt Stadtsprecher Udo Möller. Bis Jahresende gelten noch die alten Regeln: Bands dürfen nicht mehr als vier Mitglieder haben. Verstärker und laute Instrumente wie ein Schlagzeug oder Saxofon sind veboten. Musiker müssen alle 30 Minuten um mindestens 100 Meter weiterziehen. Außerdem ist Straßenmusik nur zu bestimmten Zeiten gestattet. Wer sich nicht daran hält, kann sein verdientes Geld gleich in ein Bußgeld investieren.

jac/saf

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