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Junge "Laubenpieper" Raus ins Grüne

Schrebergärten gelten als Parzelle gewordene Spießigkeit. Dabei werden ihre Besitzer immer jünger. ZiSH hat zwei Kleingärtner besucht, die so gar nicht kleinkariert sind. Trotz des Gartenzwergs.

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Kleingarten statt Supermarkt: Jung-„Laubenpieper“ Tobias (27) baut sein eigenes Obst und Gemüse in seiner Parzelle in der Kolonie Leineblick an.

Quelle: Michael Wallmüller

Hannover. Ein Gartenzwerg ist das letzte Relikt aus der Spießigkeit. Einsam steht er am Fuße eines Fahnenmastes in der Mitte des Schrebergartens. Er sieht aus wie einer der Zwerge vom Disneys „Schneewittchen“: mit dicken Bäckchen und einem hellblauen Gewand. „Der ist noch vom Vorbesitzer“, entschuldigt sich Tobias. Vor vier Jahren hat der 27-jährige Elektriker mit seiner Freundin Hannah den Garten in der Kolonie Leineblick von einem alten Ehepaar übernommen. Die Senioren konnten sich nicht mehr um den Garten kümmern. Und Pflege und Ordnung sind die obersten Gebote in den Schrebergärten. Wer sich nicht an die Regeln hält, bekommt einen Brief vom Vereinsvorstand. Das hat Tobias erst vor Kurzem erlebt: Seine Konifere, ein Nadelholz, neben dem Gartentor ist höher als zwei Meter – und das geht gar nicht.

„Ich hatte am Anfang schon Angst, dass es hier zu viele Regeln gibt“, sagt Tobias. Und trotz des herrschenden Vorurteils, Kleingartenkolonien seien die Parzelle-gewordene Spießigkeit, wollten er und seine Freundin einen Ort im Grünen für sich. Weil der Balkon ihrer Wohnung in Stöcken nur Platz für eine Kiste Bier bietet und für Kurzurlaube in den Bergen oder an der See dem jungen Paar im Alltag die Zeit fehlt, schien eine Parzelle im Leineblick die beste Alternative, einmal rauszukommen, auch, ohne dafür weit fahren zu müssen. Ihr Garten liegt nur wenige Minuten Fußweg von der Wohnung entfernt.

Damit liegen die beiden im Trend: Kleingärtner werden laut dem Bund Deutscher Gartenfreunde (BDG) immer jünger. 45 Prozent der Neuverpachtungen der letzten fünf Jahre gehen an junge Familien – auch wenn die meisten von ihnen bereits Kinder haben. „In den Metropolen steigt die Nachfrage extrem an“, sagt Thomas Wagner vom BDG. Denn in den Städten gibt es kaum Wohnungen, die einen Garten mit Beeten und Obstbäumen für die Bewohner haben.
Katharina hat Glück gehabt: Vor vier Monaten hat die 27-Jährige die 50 Quadratmeter Grünfläche im Innenhof ihres Wohnblocks in Kleefeld von der Wohnungsgenossenschaft bekommen. Mit nervigen, vielleicht auch etwas kleinkariert anmutenden Regeln eines Kleingartenvereins muss sie sich nicht herumschlagen. Bei ihr gibt es nur eine Regel: Der Garten muss gepflegt werden. Was sie pflanzt, wie kurz der Rasen ist, oder ob sie eine Laube baut, ist vollkommen egal. Ein ganzes Stück Arbeit musste sie trotzdem hineinstecken. „Als ich den Garten übernommen habe, wucherten die Sträucher und der Rasen bestand fast nur noch aus Moos. Wahrscheinlich hat die Vormieterin die Gartenarbeit altersbedingt nicht mehr bewältigen können“, sagt sie. Zusammen mit Freunden und ihrem Vater ging sie fast täglich runter, um die wilden Brombeeren zu bändigen und tote Büsche herauszureißen. Die ganzen Mühen haben sich gelohnt: Zwischen Brombeersträuchern und Fliederbüschen kann sie sich vom stressigen Uni-Alltag erholen. Die Häuserfront hält die Geräusche und Abgase von der stark befahrenen Berckhusenstraße fern. Mit ihrer Freundin Andrea hat sie Kräuter, Erbsen, Tomaten, einen Apfelbaum, Trauben, Erdbeeren und einen Kürbis gepflanzt. Wie viel Wasser die Tomaten brauchen und wann man am besten Laubbäume schneidet, hat sie von ihrem Vater gelernt. Der hat selbst schon seit Jahrzehnten einen Schrebergarten.

Auch Tobi und seine Freundin mussten erst einmal recherchieren, wie das mit dem Mähen und Vertikutieren funktioniert und was wann ausgesät werden muss. Im Internet und bei der VOX-Doku-Soap „Ab ins Beet“ gab es wertvolle Tipps. Jetzt kümmert er sich im Garten um das verwucherte Gemüsebeet, um die Laube, an der die letzte Leineüberflutung nicht spurlos vorbeigegangen ist, den Apfelbaum und eine tote Sauerkirsche. Dafür braucht das Pärchen kaum Gemüse aus dem Supermarkt zu kaufen. „Und geschmacklich ist das auch nicht vergleichbar“, sagt Tobias. Bewusste Ernährung mit regionalen Produkten ist vielen wichtig. Mit dem Interesse an der Herkunft der Nahrung steigt auch das Bedürfnis nach einem eigenen Garten – gerade bei jungen Städtern. Zwar ist der durchschnittliche Schrebergärtner immer noch 60 Jahre alt, aber nur weil viele ihre Gärten bis ins hohe Alter behalten.

Das ist auch in Tobias Kolonie so. Misstrauische Blicke warfen die anderen, deutlich älteren „Laubenpieper“ anfangs über den Zaun, zurückgegrüßt wurde nur verhalten. Vielleicht auch, weil Tobi nicht der typische „Laubenpieper“ ist: Seine Haare kämmt er mit ordentlich Gel zurück, den Bart lässt er gerne mal ein paar Tage stehen, seine Lieblingssongs von Metallica hört er gerne etwas lauter. Doch spätestens seit einem gemeinsamen Bier zwischen den Lauben war das Vertrauen da. „Die freuen sich ja auch, dass junge Leute in den Verein kommen“, sagt Tobias. Neben ihm und seiner Freundin gibt es noch ein Paar Mitte 30 in der Kolonie Leineblick. Weil sie erst am Abend von der Arbeit nach Hause kommen, schlugen die bei einer Versammlung vor, die Ruhezeiten etwas einzuschränken. „Das wurde strikt abgelehnt“, sagt Tobias. Denn in der Gartenordnung der Stadt Hannover steht es schwarz auf weiß: Die Ruhezeiten unter der Woche zwischen 
13 und 15 Uhr und ab 19 Uhr sowie sonnabends ab 13 Uhr sind einzuhalten. Rasenmähen und laute Musik sind dann verboten. „Dabei ist es durch die Bundesstraße sowieso immer laut“, sagt er. Stress wegen Lärmbelästigung hatte er mit seinen Kleingartennachbarn aber noch nie. Auch nicht, wenn Freunde zu Grillpartys vorbeikommen. „Danach haben meine Freunde gleich gefragt, als sie das mit dem Garten erfahren haben“, sagt Tobias. Zwar müssten abends eigentlich Ruhezeiten eingehalten werden. Aber zum Glück sind die meisten Gärten abends ohnehin leer. Beim Unkrautjäten und Umgraben sind er und seine Freundin wieder allein. Jetzt müssen sie erst einmal die Konifere kürzen.

Theresa Kruse und Sarah Seitz

Ein Stück heile Welt

400 Quadratmeter mit Gartenzwergen, Deutschlandfahne und Grillgeruch: Kleingärtner haben einen spießigen Ruf. Dabei wollen „Laubenpieper“, wie sie oft abschätzig genannt werden, vor allem ein Stück Natur abseits des hektischen Stadtlebens.

In Hannover besitzen vier Prozent der Menschen einen Schrebergarten. Damit liegt die Landeshauptstadt im Bundesvergleich auf Rang drei hinter Leipzig und Dresden. In Ostdeutschland liegt auch der Geburtsort des Schrebergartens: 1864 gründete Moritz Schreber die erste Gartenanlage in Leipzig. Dass der Kleingarten typisch Deutsch ist, wird auch im europäischen Vergleich deutlich: Den EU-Dachverband der Kleingärtner führt die Bundesrepublik mit 970.000 Mitgliedern an. Obwohl es immer mehr junge Familien in Kleingärten zieht, ist der deutsche Gärtner im Durchschnitt immer noch 60 Jahre alt. Denn viele „Laugenpieper“ nutzen ihren Garten bis ins hohe Alter.
Auf dem Land hält sich der Andrang auf die Kleingärten noch in Grenzen: „In ländlichen Regionen herrscht viel Leerstand“, sagt Thomas Wagner vom Bundesverband Deutscher Gartenfreunde.

man

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