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Tim tanzt seinen Namen

Vorurteile gegenüber Waldorfschülern Tim tanzt seinen Namen

Waldorfschüler werden täglich mit Klischees überhäuft. Sie sollen wallende Wollkleider tragen und Bäume umarmen. 
ZiSH-Autor Tim hat die Vorurteile gegen seine Schule satt. Und räumt mit ihnen auf.

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Im Fach Eurythmie lernt man, seinen Namen zu tanzen.

Quelle: Wallmüller

Ja, okay, ich kann meinen Namen tanzen. Um die Antwort auf die erste Frage, die mir als Waldorfschüler regelmäßig gestellt wird, vorweg zu nehmen: Seit der ersten Klasse lernen wir im Fach Eurythmie, wie man mit seinen Armen und Händen bestimmte Buchstaben und Töne gestalten kann. Ich gebe zu, dass klingt wirklich komisch – und ein bisschen albern finden es eigentlich fast alle meine Mitschüler. Andererseits kann es im stressigen Schulalltag manchmal aber auch wirklich entspannend sein.

Wir sind nämlich tatsächlich – allen Vorurteilen zum Trotz – ganz normale Schüler. Wir müssen uns durch mathematische Gleichungen quälen, in Deutsch die Nibelungensage lesen und Chemie und andere Naturwissenschaften belegen. Nur, dass unsere Eltern im Schnitt 160 Euro Schulgeld im Monat an die privaten Waldorfschulen zahlen.
In einigen Punkten sind wir aber tatsächlich etwas speziell. Wir müssen ein Pflichtpraktikum auf dem Bauernhof machen und haben zwei Schulesel. Paula und Sascha werden von Schülern des Faches Gartenbau, das man bis zur siebten Klasse hat, gepflegt und spazieren geführt. In Fächern wie Aquarellieren, Kupfertreiben oder Handarbeit lernen wir außerdem früh, mit Materialien und Werkzeugen umzugehen. Topflappen zu häkeln und Mützen zu stricken ist zwar manchmal langweilig, aber dafür kann ich wenigstens mein Fahrrad selber reparieren. Seit sich das herumgesprochen hat, muss nun immer ich helfen, wenn meinem Kumpel auf dem Weg zum Badesee die Kette abgesprungen ist. Und das T-Shirt, das ich gerade trage, musste ich mir auch nicht selber kaufen.

Deswegen laufen wir aber nicht alle in Batik-Shirts und Wildledersandalen über unseren selbstgebauten Schulhof. Wir essen auch nicht alle nur Vollkornbrot und Getreide-Müsli. Im Gegenteil: Unsere halbe Schule geht in der Mittagspause zum Dönerladen um die Ecke.

Trotzdem werden wir immer wieder belächelt. Das ist bei allen Absonderlichkeiten manchmal verständlich, auf die Dauer aber ziemlich ermüdend. Wenn man selbst beim Smalltalk im Tanzkurs aufgefordert wird, seinen Namen zu tanzen, würde man mit seiner Tanzpartnerin eigentlich viel lieber über seine Lieblingsband reden. Aber das ist nicht so wild.
Nur, wenn wir als die dümmeren Schüler dargestellt werden, nervt es wirklich. Dabei machen wir auch das Zentralabitur. Wir haben in der Oberstufe die gleichen Fächer und müssen am Ende unserer Schullaufbahn die gleichen Prüfungen ablegen.

Nur unser Weg dorthin ist etwas anders. Bis zur zehnten Klasse bekommen wir keine Noten und können nicht durchfallen. Wir haben keine Halbjahreszeugnisse, aber von der ersten bis zur achten Klasse den gleichen Klassenlehrer. In den Hauptfächern haben wir sogenannten Epochen-Unterricht. In vier Wochen bekommen wir dann das Vollprogramm in einem Fach. Das scheint zu funktionieren, jedenfalls hat im letzten Jahr jeder Waldorfschüler in Hannover sein Abi bestanden. Und solange ich am Ende meinen Abschluss bekomme, tanze ich von mir aus auch zweimal die Woche meinen Namen.

Tim Klein

Typische Vorurteile

Waldorfschüler... 


... umarmen gerne Bäume.
Wir sind im Schnitt vielleicht naturverbundener als andere Schüler. Aber Bäume umarmen wir deswegen noch lange nicht.

... tragen alle Sandalen mit Socken und lange Wollkleider mit Filzaufdrucken.
Bei uns tragen die Jungs Jeans und Sneakers und die Mädels machen auch die neusten Modetrends mit. Wir leben ja schließlich nicht im Wald.

... essen entweder vegan oder wenigstens ausschließlich Bioprodukte.
Es gibt schon einige, die auf Bioprodukte und ökologisch angebautes Essen viel Wert legen. Aber die meisten essen auch mal gerne Fast Food.

... tanzen alle ihren Namen.
Da ist schon was dran. Nur Mitschüler mit besonders langem Namen haben manchmal Probleme. Aber beliebt ist das Fach trotzdem nicht.

... bekommen keine Noten.
Das stimmt. Jedenfalls bis zur zehnten Klasse bekommen wir schriftlich ausformulierte Zeugnisse. Sitzen bleiben kann man auch nicht.

... bekommen nur einen minderwertigen Abschluss.
Wir machen das Zentralabitur und bekommen die gleichen Prüfungen aus den Leistungskursen vorgesetzt wie Regelschüler auch.

... sind nicht so ehrgeizig wie andere Schüler.
Schon bevor wir Noten bekommen, lässt sich aus den Leistungsberichten gut ablesen, wie man bewertet wird. Da kommt gesunder Ehrgeiz ganz von selbst.

... haben unsinnige Unterrichtsfächer und stricken den ganzen Tag.
Hausschuhe muss ich nicht jeden Tag filzen. Ich wüsste nicht, warum handwerkliche Fächer unsinnig sein sollten. Vor allem, da wir nebenbei ja auch noch regulären Unterricht haben.

... leben in ihrer eigenen kleinen Welt.
Unsere Schule ist keine Insel. Im Tanzkurs oder beim Tischtennis habe ich auch Freunde von staatlichen Schulen gefunden. Wir sind auch bei Facebook.

... wählen alle links oder grün.
Das kann man so nicht sagen. Viele dürfen ja noch gar nicht wählen. Außerdem kenne ich nicht die politischen Favoriten aller meiner Mitschüler.

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