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Wir Kinder vom Dorf

Aufwachsen auf dem Land Wir Kinder vom Dorf

Das Landleben hat einen schlechten Ruf – wer von dort kommt, verschweigt später gerne die eigene Vergangenheit. 
ZiSH-Autorin Kira von der Brelie feiert trotzdem weiter in Zeltdiscos mit Fanta-Korn. Ein Plädoyer für die Vorzüge einer Dorfjugend.

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Traditioneller Volkstanz statt Feiern im Szeneclub – für ZiSH-Autorin Kira war ihre Jugend auf dem Land mehr als nur ein Dorfklischee.

Quelle: Fabian Kretschmer

Wenn es nach meinen Großstadtfreunden geht, hatte ich eine schreckliche Jugend. Wenn ich auf Partys von Dorftraditionen erzähle, werde ich oft belächelt. Ich bin in dem 1400 Einwohner kleinen Örtchen Lauenhagen im Landkreis Schaumburg aufgewachsen. Bis zur nächsten Großstadtparty musste man erst ewig fahren und für den Rückweg auch noch stundenlang auf den Regionalzug warten. Kein Club innerhalb der nächsten 30 Kilometer, in dem hippe Bands spielen. Nix los auf dem Land. So weit das Klischee.

Ich dagegen fand es super! Auch wenn ich heute gern in netten Szenecafés in Großstädten meinen Cappuccino trinke – gefehlt haben sie mir früher nicht. Dafür hatte ich schon mit 17 Jahren meinen Führerschein. Den haben einige meiner Kommilitonen mit Mitte 20 noch nicht. Wie sollte man auch sonst zum nächsten Baggersee kommen, wenn der Bus nur dreimal am Tag fährt?

Zum Leben und Aufwachsen auf dem Land gehören auch die Dorftraditionen.

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Für einen Spaziergang im Grünen musste ich dafür nur vor die Haustür gehen und nicht erst mit der Bahn zum Stadtpark fahren. Ich mochte unsere Landidylle und ich mag sie noch immer. Bis zum nächsten Nachbarn sind es fast 100 Meter – da guckt mir keiner zu, wie ich Gurken schnippele. In meiner Stadtwohnung brauche ich für ein bisschen Privatsphäre gleich blickdichte Gardinen. Und spätestens wenn das Erntefest näher rückt, ist es auch bei mir auf dem Land vorbei mit der Ruhe.

Das Erntefest ist bisschen wie ein Mini-Festival. Es ist eine dieser Dorftraditionen, die in den Großstädten längst ausgestorben sind und die für Außenstehende auf den ersten Blick fürchterlich altbacken wirken müssen – vor allem, da unsere Eltern mitfeiern.

Trotzdem freue ich mich auch jetzt mit 23 Jahren jedes Jahr wieder auf das Erntefest. Ich plane schon Wochen vorher, dass ich am ersten Wochenende im September möglichst nichts für die Uni zu tun habe – nur um pünktlich im Regionalzug sitzen zu können.

Früher, als ich noch zu Hause wohnte, habe ich schon Wochen vorher mitgeholfen das gemähte Korn zu zupfen. Das war für jeden selbstverständlich, wichtigere Termine gab es quasi nicht. Schließlich musste unser Erntewagen mit Korn und Blumen geschmückt werden. Denn wenn wir in unseren traditionellen Kleidern, der Schaumburger Oesterten-Tracht, tanzend beim Höhepunkt des Erntefestes in einer langen Schlange durch das Dorf zogen, sollte unser Wagen schließlich der schönste sein.

Zugegeben: Für Außenstehende wirken unsere Dorftraditionen vielleicht ein bisschen wie Karneval – und den liebt man entweder oder man versteht ihn überhaupt nicht. Wahrscheinlich ist es deswegen auch so schwer, meinen Freunden zu erklären, warum ich an diesem Wochenende eben lieber zur Zeltparty gehe als auf die WG-Geburtstagsparty einer Bekannten. Meine Freunde in der Stadt rollen dann mit den Augen. Doch zu Hause auf dem Land bin und war ich längst nicht so unerreichbar abgekapselt, wie sie immer meinen. Es geht nur alles etwas gemächlicher zu.

Denn, auch wenn es für meine Großstadtfreunde schwer nachzuvollziehen ist, auch wir im Schaumburger Landkreis haben vor einigen Jahren neue Internetleitungen bekommen. Wir Kinder vom Dorf bewegen uns im Netz, besitzen Spotify-Accounts und hören Bands, die gerade angesagt sind. Nur für deren Konzerte müssen wir dann mit dem Zug in die Stadt fahren. Aber das lässt sich gerade noch aushalten.

Früher, vor dem Internet kamen Trends vielleicht tatsächlich etwas spät bei uns auf dem Dorf an. Zweimal im Jahr und immer in den Ferien fuhr ich mit meiner Mutter nach Hannover zum Ganztags-shoppen. Es war jedes Mal ein Kraftakt und machte keinen Spaß, wenn neben Schuhen und Jeans bei C&A und H&M gleich auch noch eine Daunenjacke und Handschuhe für den Winter gekauft werden mussten. Ich war von den ganztägigen Einkaufstouren irgendwann so genervt, dass ich mir einbilde, mein Geld für Klamotten seitdem bewusster auszugeben. Obwohl ich jetzt ein paar Dutzend toller Läden vor der Nase habe, kaufe ich nur noch, was mir wirklich gefällt – und komme damit günstiger weg.

Heute lebe ich gerne in der Stadt und genieße es, beim Feiern nicht immer gleich erkannt zu werden. Ich mag aber auch die Traditionen meiner Jugend, für die ich mich immer noch gerne in meine Tracht zwänge und bis in den frühen Morgen im Discozelt tanze – egal, was meine Freunde sagen.

Kira von der Brelie

Verwaiste Dörfer: Düstere Prognosen zur Flucht in die Stadt

Jeden Tag ist in irgendeinem Club eine neue Band, nach der durchtanzten Nacht muss man auf keine Regionalbahn warten und das Lieblingscafé ist auch gleich um die Ecke. Es gibt viele gute Gründe, warum junge Leute vom Dorf in größere Städte ziehen, nicht zuletzt zum Studium. Doch was passiert mit den Dörfern, die sie zurücklassen?

Durch die Landflucht schrumpfen viele Dörfer, während in großen Städten immer mehr Studenten nach Wohnungen suchen. Zusammen mit der zunehmenden Überalterung in Deutschland werden so sehr bald ganze Landstriche geradezu entvölkert.

Während die Bevölkerung in Hannover beispielsweise bis 2035 schätzungsweise um 14 Prozent wachsen wird, verliert Schaumburg, der Landkreis, aus dem unsere Autorin kommt, bis dahin 17 Prozent seiner Einwohner. Von den jetzigen 156.000 verlassen also in den kommenden Jahren schätzungsweise 26. 500 Einwohner den Landkreis, so prognostiziert es eine Studie der NBank.

Diese Landflucht ist nicht nur traurig für die Dörfer, die immer kleiner werden und vielleicht sogar ganz verschwinden. Sie ist auch eine große Gefahr für kleine und mittelständische Unternehmen, die Arbeitskräfte und vor allem Kunden verlieren.

Doch warum flüchten so viele Menschen vom Land in die Stadt? Die Menschen gehen dorthin, wo sie Arbeit finden. Und die meisten Arbeitsplätze gibt es eben in den Städten und ihrem Umland. Daneben suchen sich viele junge Familien, die nur Arbeitsverträge auf Zeit bekommen, lieber eine Mietwohnung in der Stadt als ein Haus im Grünen – dort sind sie flexibler und mobiler.

Von Dora Volke

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