Konzentriert blickt Lars auf den Bildschirm. Immer wieder wird sein blau angestrahltes Gesicht von Lichtblitzen durchzuckt. Seine Hände liegen auf dem Keyboard und der Maus – sie lassen ihn damit ganze Armeen kommandieren. Lars spielt Computer, nicht allein, sondern mit zahlreichen anderen Spielern – auf einer LAN-Party.
Es ist Freitagabend, 20 Uhr. Während sich ihre Altersgenossen fürs Wochenende fertig machen, sitzen die 59 Jugendlichen im Kurt-Partzsch-Haus der Arbeiterwohlfahrt in Hannover und ballern mit computeranimierten Waffen. Da, wo sonst Besprechungen und Sitzungen abgehalten werden, spielen an diesem Wochenende kleine und große Jungs mit digitalen Soldaten und Panzern. Einmal im Jahr organisiert die Arbeiterwohlfahrt die „AWO LAN“-Party. Frauen sind, wie so oft, keine da. Dabei sind Mädchen nicht unerwünscht, wie Organisator Fred Langius betont. Es gebe aber einfach keine Nachfrage.
Der 48-Jährige arbeitet beim AWO -Bezirksverband im Bereich Informations- und Kommunikationstechnik. Vor sechs Jahren rief er gemeinsam mit Kollegen die erste „AWO LAN“-Party ins Leben. Wegen Nachwuchsproblemen der AWO wollten sie junge Leute ansprechen. „Mittlerweile ist die Veranstaltung ein Selbstläufer. Jedes Jahr ist sie zwei Wochen nach der Ankündigung ausgebucht“, sagt er. Trotzdem erweitern sie die Teilnehmerzahl nicht. „Die familiäre Atmosphäre macht unsere LAN-Party aus.“
Der Begriff LAN kommt aus der IT-Branche und steht für Local Area Network. Das heißt, alle Computer im Raum sind durch ein Netzwerk verbunden. An drei langen Tischreihen sitzen von beiden Seiten die Spieler, die meisten in Jeans und Pullover, einige haben Kopfhörer auf. Neben den Tastaturen türmen sich Kaffeetassen, Wasserflaschen und Bier. Hier laufen Turniere in verschiedenen Spielen, wie dem Strategiespiel „Command & Conquer“, bei dem man eine Militärbasis aufbauen, Rohstoffe sammeln und den Gegner mit Panzern und Soldaten bekämpfen muss. Auch der Ego-Shooter „Battlefield 2“, bei dem die Spieler in die Rolle eines Soldaten schlüpfen, der sich durch kriegerische Konflikte in Nah- und Fernost kämpfen muss, steht auf dem Programm. Beide Spiele sind immer nah an den Kriegen der Realität.
15 Euro zahlen die Teilnehmer für ein Spielewochenende mit Vollverpflegung. Die Jugendlichen werden beim Spielen betreut, niemand soll alleine Aggressionen aufbauen können. „Wir bieten den Spielern hier einen geschützten Bereich und achten auf jeden Einzelnen“, sagt Organisator Langius. Nicht erst seit dem Amoklauf von Winnenden stehen Computerspiele unter Generalverdacht, Kinder und Jugendliche aggressiv und gewalttätig zu machen. Auch Veranstalter Langius ist sich der Problematik bewusst: „Das Gewaltpotential ist nicht wegzureden, aber ein Verbot solcher Spiele bringt nichts – es übt erst recht einen Reiz aus.“
Um an die Opfer des Amoklaufs und die Verantwortung der Computerspieler zu erinnern, haben die Veranstalter am Anfang der LAN-Party eine Gedenkminute abgehalten. Der 28-jährige Mirko kann mit so etwas wenig anfangen. Ihn ärgert die pauschale Verurteilung von Online-Zockern. „Bin ich ein schlechter Mensch, nur weil ich Computerspieler bin?“ Das Vorurteil, dass alle Menschen, die am Computer Ego-Shooter (Spiele, bei der man aus der Ichperspektive mit Waffen gegen andere Spieler angeht) zu Amokläufern werden, findet er falsch. „Die Spiele sind nicht wahrheitsgetreu, jeder kennt den Unterschied zwischen Spiel und Realität.“ Vor allem die Medien würden das Thema immer wieder hochschaukeln. „Für die meisten ist es nur ein Hobby, wie jedes andere auch.“
Ein Hobby allerdings, das vom Bundesfamilienministerium inzwischen als mögliche Sucht eingestuft wurde. Besonders Spiele wie „World of Warcraft“ bei dem man sich beispielsweise als Elf, Zwerg oder Zauberer in einer Fantasy-Welt herumtreiben kann, stehen im Verdacht, Jugendliche süchtig zu machen. So ergab eine Studie des Kriminologischen Instituts Niedersachsen, dass „World of Warcraft“-Spieler durchschnittlich vier Stunden damit verbringen, Kräuter zu sammeln, Monster zu töten und Rätsel zu lösen. Jeder fünfte Spieler sei zudem abhängigkeitsgefährdet oder sogar schon hochgradig abhängig.
Auch die Spieler auf der „AWO LAN“-Party kennen das Gefühl, einfach nicht mit dem Spielen aufhören zu können. Lars, mit seinen 13 Jahren der jüngste Teilnehmer, spielt etwa zwei Stunden täglich. Auf der LAN-Party sitzt ihm sein Vater gegenüber und spielt ebenfalls mit Leidenschaft. Doch ein Stubenhocker ist Lars trotzdem nicht: Genauso gern wie vor dem PC ist er draußen, am liebsten auf seinem BMX-Rad. Auch die anderen Jugendlichen verbringen ihre Freizeit nicht ausschließlich in virtuellen Welten. Der 15-jährige Lukas spielt Fußball, trifft sich mit Freunden oder geht ins Kino – ganz normale Hobbys eines Teenagers. Am Computer spielt er am liebsten online „Warcraft 3“. Mehr als ein bis zwei Stunden pro Tag sind aber nicht drin. „Die Schule steht im Vordergrund“, erklärt Lukas. Er besucht die neunte Klasse eines Gymnasiums. Für die LAN-Party ist er gemeinsam mit seinem älteren Bruder extra aus Leipzig angereist. Es gefällt ihm hier.
Dass der Amokläufer von Winnenden die gleichen Spiele wie sie mochte – auch das ist Thema bei den Jugendlichen. „Bei manchen erhöht das Spielen bestimmt die Gewaltbereitschaft“, meint Jan-Phillip. „Aber es ist sicher nicht der Hauptgrund für einen Amoklauf.“ Der 16-Jährige ist gemeinsam mit seinem Kumpel Hendrik hier, beide besuchen die 10. Klasse eines Gymnasiums. „Eine Sucht ist das Spielen irgendwo schon“, sagt Hendrik. „Aber nicht jeder wird Amokläufer. Schließlich spielt ein Großteil der Jugendlichen solche Spiele, ohne auszurasten.“
Für ihn steht nicht die Gewalt im Vordergrund, sondern die Strategie – die Abstimmung, die nötig ist, um als Team den Sieg über eine andere Gruppe zu erlangen. Zu Hause spielt Hendrik deshalb auch gern den Taktik-Shooter „Counter Strike“, der nach Amoklauf von Winnenden besonders in der Kritik stand. Dort kann man sich entscheiden, ob man als Terrorist oder Mitglied einer Anti-Terror-Einheit kämpft. Über ein Headset wird dabei der Kontakt zu den Teamkollegen gehalten. „Dabei kann man Aggressionen abbauen und einfach abschalten.“ Bis zu vier Stunden pro Tag verbringt Hendrik vor dem Computer. Dann kappt seine Mutter die Internetverbindung.
Bei der „AWO LAN“-Party ist „Counter Strike“ aber tabu: Fred Langius und seine Mitarbeiter wollten sich nicht Vorwürfen aussetzen, sie würden Jugendliche Killerspiele spielen lassen. Deswegen werden in Badenstedt nur Titel gezockt, die keine Altersbeschränkung haben. Im Vorfeld durften sich die Teilnehmer bestimmte Spiele wünschen. „Wir wollten mit der Veranstaltung ja nicht völlig an der Spielrealität der Jugendlichen vorbeigehen.“ Auch eigene Regeln wurden festgelegt, bei denen eher Strategie belohnt wird, als blindes Rumgeballer. Das beste Team kann am Sonntag Preise wie Monitore oder Festplatten mit nach Hause nehmen.
Das Konzept funktioniert: Die Spieler gehen respektvoll miteinander um. Keiner beschimpft sich, niemand rastet aus. Das Klackern der Tastaturen und Computermäuse wird nur vom Gemurmel der Spieler unterbrochen. Langius und sein Team haben auch dafür gesorgt, dass es einen Ruheraum gibt, falls jemand abschalten möchte. In der Küche stehen außerdem immer genug Getränke und Brötchen als Nervennahrung bereit. Die Spieler werden umsorgt und betreut – etwas, das Jugendlichen zu Hause manchmal fehlt. „Eltern sollten sich einfach mehr mit dem Computerverhalten ihrer Kinder auseinandersetzen und vielleicht sogar mal mitspielen.“ So wie Lars’ Vater, der sich gerade von seinem Sohn beim Autorennspiel „Nascar 2003“ überholen lässt.
von Mareike Zoege
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Kommentare
bald geht es wieder los Gehirn – 26.11.10
... es laufen schon wieder die Vorbereitungen für die AWO Lan 8. Ich bin dabei :-)AWO LAn ghost – 15.06.10
finde hier gerade einen Artikel über die AWO-LAN: Der Artikel beschreibt die AWO-Lan wirklich gut. Aber dabei sein ist noch VIEL besser. Auch dieses Jahr war sie einfach nur gut. Wenn ich einen Platz kriege bin ich auf jeden Fall wieder dabei!weiter gehts Z. – 06.03.10
Und auch dieses Jahr geht es mit dem Fun weiter. Wie immer viel zu schnell ausgebucht. Freue mich auf einen Haufen netter Leute, witzige Lan Partien (NASCAR !) und viel Spaß... start your engine Großmaul alias Mirko – 03.04.09
.. wie kann man nur mit einem 6 Jahre alten Rennspiel so viel Spaß haben :-). Wie immer hat die Orga es verstanden alle zu überraschen. Bin selber öfter auf LANs, aber auf der AWO LAN ist irgendwie alles anders. Getränke gut, Essen gut.. man schläft sogar ein paar Stunden und duscht in einem Altersheim! Ich war noch NIE in einem Altersheim!!Wenn ich einen Platz kriege, bin ich auf jeden Fall wieder dabei.
Lan-Party Tim -> x-C ³ / Cyb3rsh0t – 03.04.09
Ich war auch das erste mal auf dieser Lan und muss sagen das sie genau meinen Vorstellungen entsprach.Dabei habe ich auch viele neue Freunde kennen gelernt wie den Heiko oder Steffan.
Ich fand es positiv eine tolle Stimmung, mega Atmospäre und ein toller Service mit Essen und Getränken.
Im grossen und ganzen kann man glaube ich sagen das die "AWO-Lan" eine der wenigen LAN's ist die auf den Zusammenhalt setzt und das alle Spßa haben, so hab ich es empfunden.
Wir sehen uns nächstes Jahr ;)
Mit freundlichen Grüßen Tim
Angenehme Stimmung auf der AWO-Lan markshp aka Lisamarie – 03.04.09
Für mich war es die erste Lan-Party. Obgleich ich eher ein Rollenspieler bin, hat mir die gesamte Athmosphäre der Veranstaltung sehr gefallen. Nascar 2003 hatte einen ungeahnten Spassfaktor, da wohl einige zu sehr dem Bleifuss verfielen und ihre Fahrzeuge zu ungeahnten 'Tänzchen' brachten. In Company of Heroes ist es bewiesenermaßen Fakt, das 4 defensive Spieler eine durch aus langatmige Partie hinbekommen. Überaschenderweise machte mir Battlefield 2 am meisten Spass, denn die Interaktion mit Teampartnern war mitnichten immer trivial.Sofern es meine Zeit erlaubt werde auch ich an der nächsten AWO-Lan wieder teilnehmen.
Das Thema Amokläufe und Computerspiele wird immer wieder sehr pauschalisiert geführt. Es wird immer davon ausgegangen, das ein Spiel, welches gewaltartige Szenen beinhaltet, Jugendliche zu dem oben angesprochenen antreibt. Dem ist keinesfalls zuzustimmen, denn es vielmehr andere Faktoren im Umfeld des Betroffenen, die eine solche Reaktion hervorrufen. Computerspiele sind hierbei maximal als eine begleitende Randerscheinung vorzufinden.
Zocken ohne Zorn Heiko aka Craven – 03.04.09
Also ich muss sagen das ich jetzt schon seit vier jahren an der AWO-Lan teilnehme und noch nie enttäuscht worden bin. Diese familiäre Stimmung und die netten Leute, das ist einfach toll. Natürlich würde das nie so super ablaufen wenn nicht die ORGA ihren Job so gut machen würde und sich um jeden kümmert! Ich freue mich jetzt schon wieder darauf an der nächsten AWO-Lan teilzunehmen. Ich kann nur sagen: mehr Lan´s dieser sorte!!!