Die schwarze Farbe tropft auf den Rasen, der mit Scheren, Schminke, Stoffbergen und Tüten voller Accessoires bedeckt ist. Maj reibt ihren Freund Timo mit der zähen Masse den hellen Oberkörper ein. „Jetzt habe ich mir die weiße Hose eingesaut“, stöhnt Timo. Gar nicht so einfach, von einem Azubi aus Neustadt zu einem Comic-Superhelden zu werden.
Bald ist Timo Mr. Popo, eine Figur aus der japanischen TV-Serie „Dragonball“. Hier begibt sich der Held, ein Kampfsportler mit Affenschwanz, auf die Suche nach den Dragonballs, mit denen sich Wünsche erfüllen lassen. Mr. Popo ist darin ein unsterblicher Gärtner mit übermenschlichen Kräften. „Eigentlich bin ich ja eher ein ruhiger Kuscheltyp“, sagt der 19-jährige Timo. In der Parallelwelt schlüpft er aber immer in Charaktere, die extrem männlich und stark sind. „Ich glaube, man sucht sich die Charaktere danach aus, wie man selber gerne sein würde“, sagt er. Maj sitzt neben ihm vor dem Zelt, reibt ihre Arme mit leuchtend blauer Farbe ein. So wird sie langsam zu Meister Kaio, dem Kampfsportmeister, der einer Kakerlake ähnelt und den Helden der Serie trainiert.
Timo Siebert gehört mit seiner Freundin, der 17-jährigen Gymnasiastin Maj Demant, zur deutschen Cosplay-Szene. Cosplay, das ist das möglichst originalgetreue Kostümieren als eine Figur aus Film, Fernsehen, Videospielen oder einem Comic. Mehrere Millionen Mangas werden pro Jahr in Deutschland verkauft, unzählige TV-Produktionen, hauptsächlich aus Japan, flimmern im Nachmittagsprogramm des deutschen Fernsehens. An diesem Wochenende ist das junge Paar gemeinsam mit mehr als 15 000 anderen Fans bei der Connichi 2010, der größten deutschen Cosplay-Messe.
„Ich habe fast jede freie Minute an der Nähmaschine verbracht – schließlich sollte es perfekt werden.“ Etwa 200 Euro hat das Ensemble gekostet. Maj steht zufrieden vor dem Zelt, in dem sie sich drei Stunden lang fertig gemacht hat. Sie trägt einen langen schwarzen Umhang mit gelben Rändern, eine schwarze Mütze mit Antennen und eine dunkle Sonnenbrille. Der Rest ist blaue Haut. Ihre Fäuste streckt sie geballt nach vorne und posiert für Fotos. Die Kostüme von Timo und Maj sind besonders aufwendig. Stolz erzählt die 17-Jährige, dass bislang noch nie jemand auf so einer Veranstaltung in diese Rollen geschlüpft ist.
Cosplay ist ein Phänomen, das sich nicht jedem erschließen will. „Aber es sind sehr angenehme Gäste“, sagt die Betreiberin des Campingplatzes, auf dem Timo und Maj ihr Zelt aufgestellt haben. „Ein lustiges Völkchen.“ Man kenne es ja von anderen Jugendlichen, dass sie Alkohol trinken und dann Mist bauen, so die Dame, aber bei den Connichi-Besuchern hätte es in der Hinsicht noch nie Probleme gegeben. Tatsächlich ist es überaus friedlich, die überwiegend jungen Cosplayer fragen höflich, ob sie besonders gelungene Outfits fotografieren dürfen.
Maj ist vor zwei Jahren durch Timo in diese besondere Welt gekommen. „Die Szene ist wie eine Familie, man teilt alles“, sagt Timo. Sie treffen sich mit Gleichgesinnten im Cosplay-Forum Animexx, das schon mehr als 130 000 Mitglieder hat. Dort tauschen sie Kostüm-Ideen aus, chatten, verabreden sich. In ihrer Heimat Neustadt tragen Timo und Maj die Kostüme nicht. In der beschaulichen Kleinstadt würden sie in solcher Kostümierung wohl eher komische Blicke ernten. „Meine Mutter ist aber total begeistert von diesem Hobby. Sie ist immer ganz gespannt, wie unsere neusten Kostüme aussehen“, sagt Maj. Timo und Maj sind aber nicht nur in der Cosplay-Welt unterwegs. Auch für Taekwondo, Trompete und gleich sieben Haustiere in der gemeinsamen Zweizimmerwohnung bleibt noch Zeit. Wuselig geht es auch in Kassel zu. Mario und Luigi aus dem Videospiel Super Mario Bros. hüpfen über den Asphalt, gemeinsam mit ihren Erzrivalen, der fleischfressenden Pflanze und dem großen Steinblock mit der hässlichen Grimasse. Sie werden von einem dürren Mädchen in Schuluniform, in dessen Haare zwei rot leuchtende Spangen eingeflochten sind, fotografiert. Ein perfekt bemalter Avatar aus dem gleichnamigen Film lehnt derweil an einem Baum. Die gesamte Szenerie wirkt wie ein bunter Traum nach einem zu langen Tag vor Fernseher und Spielkonsole.
Überall ist es bunt, schrill, plüschig. Auch auf dem Vorplatz der Stadthalle fotografieren sich die Cosplayer gegenseitig. Hier sind fast alle Model und Fotograf zugleich. Dazwischen tanzen etwa 50 kostümierte Jugendliche den Neunziger-Strand-Hit „Macarena“, darunter auch ein halb nackter, narbenübersähter Mann mit einem riesigen Metallklotz anstelle eines Kopfes und eine blutbespritzte, einäugige, mumienhafte Gestalt. So würde es wohl aussehen, wenn sich die Super-Mario-Clique und eine Horde Untoter am Ballermann treffen würden.
Den Großteil der Besucher bilden Schülerinnen. Viele dieser Cosplayerinnen tragen für Anime und Manga typische knappe Tops und Röcke. Nicht unbedingt ein Platz für alte Engel. Und so sticht Rudolf Amond, in der Szene als „Naisho“ bekannt, hier besonders heraus. Per Knopfdruck kann er am Rücken befestigte plüschige Flügel zu einer Spannweite von knapp drei Metern ausfahren. Der 56 Jahre alte Mathematiklehrer verkörpert auf der Connichi den netten Dämon Titius, wie er sagt. „Wir tragen zwar alle eine böse, dämonische Seite in uns, jedoch hindert es uns nicht daran, nett zu sein, so Amond. Er fühlt sich sichtlich wohl auf dem Gelände. Cosplay ist eben längst mehr als eine reine Nischen-Jugendkultur.
Doch über das Gelände hüpfen nicht nur fröhliche Mädchen und Engel, sondern auch düstere Gestalten. Eine junge Frau im Endzeit-Military-Look trägt eine kleine schwarze Lautsprecherbox in der Hand, aus der pompöse Orchestermusik scheppert. Hinter ihr folgen zwei schwarz gekleidete Leibwächter im Gleichschritt, ihre großen, futuristischen Waffenattrappen in die Menge gerichtet.
Herzstück der Convention sind die Gruppen-Cosplay-Wettbewerbe. Hunderte Zuschauer sind in den prunkvollen Festsaal gekommen, um kleine Gruppen von Cosplayern bei der Aufführung von selbst ausgedachten Sketchen zuzusehen. Drei Minuten haben die Cosplayer Zeit, um ihr Kostüm perfekt in Szene zu setzen. Eine Gruppe spielt dabei etwa eine lustige Episode aus dem Leben der Videospielhelden Mario und Luigi, eine andere zeigt eine eigene Version des Liedes „The Internet Is For Porn“ aus dem amerikanischen Handpuppen-Musical „Avenue Q“. Manche Cosplayer führen auch Choreografien zu japanischen Songs auf.
Um japanische Musik geht es auch beim Karaoke-Wettkampf. Mehr als 50 zumeist junge Menschen drängen sich in einem kleinen Tagungsraum, schwitzen, keuchen. Die Luft ist dick, die Achseln sind feucht, die Stimmen überschlagen sich beim Versuch, die Rock- und Pop-Klassikern vom Band mitzusingen – eine asiatische Tradition, die hier nicht fehlen darf.
Für Timo und Maj sind Sketche und Karaoke Nebensache. Für sie steht das Schaulaufen im Mittelpunkt. Sie haben auf der Connichi keinen Titel gewonnen – dafür aber viel Aufmerksamkeit von den Cosplay-Fans. Wenn sie nächstes Jahr wieder dabei sind, dann mit einem neuen, noch aufwendigeren Outfit.
Joss Döbler und Sarah Kniep
Mangas in Leipzig
Neben der Connichi ist die Leipziger Buchmesse eines der größten Treffen der deutschen Cosplayer. Die farbenfrohen Kostüme sind dort aber nur ein Teil des Programms. Auch Manga-Freunde ohne Verkleidungsfaible können künstlerisch aktiv werden. Denn zum zehnten Mal suchen die Leipziger Buchmesse und der Carlsen Verlag Nachwuchstalente im Manga-Zeichnen. Die jungen Künstler können in Einzelbildern das japanische Kirschblütenfest darstellen.
Das Thema der mehrseitigen Manga-Geschichten lautet „Japan-Deutschland – so weit und doch so nah“. Wichtig ist die Anordnung der Bilder nach der typisch japanischen Leserichtung: von rechts nach links und von hinten nach vorne. Auf der Leipziger Buchmesse (17. bis 20. März 2011) erhalten die Gewinner Sachpreise. Weitere Infos gibt es unter www.comicsinleipzig.de.
Vom 1. bis 3. Oktober treffen sich Cosplay-Fans auf der „NiCon‘10“ außerdem in Hannover, im Freizeitheim Vahrenwald. Alle Infos gibt es unter www.niconvention.de. zish
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