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Flucht auf die Bühne

Junge Flüchtlinge Flucht auf die Bühne

Im Theaterprojekt „Tor zur Freiheit“ erzählen junge Flüchtlinge ihre Geschichten. ZiSH-Autorin Johanna Hasse hat die Proben besucht.

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Unsichere Zukunft: Abdoul (18) aus Liberia möchte unbedingt zur Schule gehen und besser Deutsch lernen. Im Moment hat er nur die Proben im Ballhof, die ihm Halt geben.

Quelle: Philipp von Ditfurth

Hannover. Als Flüchtling hat er gelernt wegzulaufen und sich klein zu machen. Jetzt steht Abdoul im Scheinwerferlicht und richtet sich langsam auf. Zögerlich schaut er in die Dunkelheit der Ränge, die sich bald mit Zuschauern füllen werden. Abdoul ist 18 Jahre alt und Waise. Alleine ist er aus seinem Heimatland Liberia geflohen. Seit 14 Monaten ist er in Deutschland – richtig angekommen ist er vielleicht erst jetzt.

Zusammen mit rund 30 anderen jungen Flüchtlingen und Zuwanderern steht Abdoul auf der Bühne im Ballhof. „Tor zur Freiheit – Reisen nach Hannover“ heißt das Projekt, das viel mehr ist als nur ein Theaterstück. Es ist eine Begegnung mit den Jugendlichen, eine Reise in ihre Welt. Sie verpacken ihre Gedanken und Gefühle in Bilder, Texte, Lieder und Tänze – eine Collage aus Geschichten und Träumen. Dafür müssen sie in keine Rolle schlüpfen, sie spielen sich selbst.

„Tor zur Freiheit – Reisen nach Hannover“ heißt das Projekt den Jungen Schauspiel Hannover. 50 junge Flüchtlinge erzählen ihre Geschichten auf der Bühne des Ballhofs.

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Nacheinander treten die Jugendlichen nach vorn an den Rand der Bühne und tragen ihre selbst geschriebenen Texte vor. Sie erzählen von der Armut und Gewalt in ihrer Heimat, von der Flucht, von der Polizei, aber auch vom Ankommen in Deutschland, von Hoffnung und Zukunft. Unbeholfen stolpern ihre Zungen dabei über fremde Laute. Die deutschen Worte wollen noch nicht recht über ihre Lippen gehen. Ein Murmeln, ein Haspeln. Es fällt schwer. Und trotzdem wollen sie ihre Geschichten auf Deutsch erzählen.

Abdoul gibt sich Mühe. Konzentriert und aufmerksam ist er bei den Proben dabei. Seine Nervosität lässt der 18-Jährige sich nicht anmerken. Oft ermutigt er die anderen und versucht jeden in die Gruppe zu integrieren. Er ist selbstbewusst, aber trotzdem einfühlsam und höflich. Mit seiner ruhigen, weichen Stimme spricht Abdoul über die Probleme in Afrika. Seine Eltern sind im Bürgerkrieg ums Leben gekommen, den Kontakt zu seiner Schwester hat er verloren. Er fühlt sich allein – doch es tröstet die Gewissheit, dass es den anderen hier ähnlich geht. Sie vermissen ihre Familien, viele haben Heimweh. Doch eine Rückkehr zurück nach Syrien, Afghanistan, Eritrea, Ghana, in den Kosovo, Iran oder Irak kommt für sie im Moment nicht infrage.

Die Jugendlichen haben lange, schwierige Reisen hinter sich. Jetzt sind sie angekommen in Hannover, viele von ihnen erst vor ein paar Monaten. Seit sechs Wochen kommen sie fast jeden Tag zur Theaterspielstätte im Ballhof. Hier arbeiten sie nicht nur mit Regisseurin Anna Horn und Dramaturgin Lucie Ortmann zusammen, sondern auch mit Technikern, Bühnenbildnern und Künstlern. „Das Theater soll ein Raum der Möglichkeiten sein“, sagt Horn.
Den Kontakt zu den Jugendlichen haben Horn und Ortmann schon vor Monaten aufgenommen. In Kooperation mit zwei Berufsschulen haben sie vor allem Sprachförderklassen besucht, die Schüler zu Vorstellungen eingeladen und Workshops gegeben. Es war ein langsames Vortasten. Viele der Jugendlichen waren vorher noch nie in einem deutschen Theater.

Im Ballhof bekommen sie Möglichkeiten, Freiräume, Vertrauen – das, was sie vorher nicht hatten. Manche sind damit überfordert und kommen nicht wieder, andere bringen Freunde mit. „Auch für uns war es eine völlig neue Situation, jeder Tag war eine Herausforderung“, sagt Regisseurin Horn.

Abdoul ist gerne hier. Jedes Mal ist es ein Ankommen, ein Aufatmen – ein Stück mehr Freiheit. Für ihn und die anderen hat sich das Foyer des Theaters zum Treffpunkt entwickelt. Hier sitzen sie zusammen, reden, hören Musik oder spielen draußen Fußball. Wie ganz normale Jugendliche.

Viele von ihnen gehen mittlerweile in Hannover zur Berufsschule. Sie wollen später einmal Kfz-Mechaniker, Lackierer, Koch oder Friseur werden. Abdoul kann sich darüber noch keine Gedanken machen. Er wünscht sich erst mal nur eins: „Ich will zur Schule gehen, so wie die anderen auch. Das ist mein Traum“, sagt der Junge mit den kurzen Dreadlocks und den dunklen Augen. Doch sein Status in Deutschland ist noch ungeklärt, bis auf Weiteres wird er geduldet. Nach dem Sprachkurs wollte er gerne auf eine normale Schule gehen. Doch er scheiterte an der Bürokratie. Einen Betreuer, der ihm bei den Behördengängen helfen könnte, hat er nicht. Er muss warten. Im Moment sind die Proben seine einzige Beschäftigung. Dort ist er aufmerksam und konzentriert dabei, er lernt schnell.

Doch nicht alle haben so viel Energie. „Manchmal wollen sie einfach nur da sein“, erzählt Regisseurin Anna Horn. Dann haben sie keine Lust zu proben oder sitzen lethargisch in der Ecke. Einige der Jugendlichen kommen aus aktuellen Kriegsgebieten. Von Familie oder Freunden bekommen sie Nachrichten auf ihre Handys und erfahren direkt, was in ihrer Heimat passiert. Das quält sie. „Man merkt, dass es ihnen nicht gut geht und dass sie kämpfen, aber trotzdem versuchen sie fröhlich zu sein“, sagt Horn.

Auch Abdoul führt diesen Kampf. Er weiß, dass jede Reise zu einem Ende kommt – er hofft, dass seine ein gutes nimmt.

Johanna Hasse

Das Tor zur Freiheit

Sie kommen aus Syrien, dem Irak oder dem Kosovo: Die Darsteller des Theaterprojektes „Tor zur Freiheit – Reisen nach Hannover“ sind keine Schauspieler. Sie sind junge Zuwanderer. In einer Mischung aus Tanz, Gesang und Schauspiel erzählen sie ihre Geschichten über Flucht, Angst und Ankommen. Mit dem Projekt erinnert das Junge Schauspiel an das Grenzdurchgangslager Friedland, das seit dem Zweiten Weltkrieg für Millionen Vertriebene und Kriegsgefangene die erste Anlaufstelle in Deutschland war und als Tor zur Freiheit bezeichnet wurde.

Für die Premiere am Donnerstag, 11. September, um 19 Uhr gibt es noch Restkarten. Weitere Aufführungen beginnen am Freitag um 19.30 Uhr, Sonnabend und Sonntag jeweils um 17 und 19.30 Uhr. Karten kosten 19 Euro, für Sonntag 
16,50 Euro. Das Foyer im Ballhof 1, Ballhofplatz 5 ist zudem für alle Interessierten von 16 bis 21 Uhr mit einer Informationsausstellung geöffnet.

Johanna Hasse

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