Babybrei - Püriert im Glas
Zwischen Muttermilch und fester Nahrung war es der Höhepunkt meiner kulinarischen Kindheit: Babybrei. Mit herzhaftem Spaghetti-bolognese-Geschmack oder fruchtig mit dem Besten aus Banane und Birne.
Eine Zeit lang gerieten die Köstlichkeiten aus dem Gläschen bei mir in Vergessenheit. Doch spätestens seit meiner Weisheitszahnoperation stehen sie wieder ganz oben auf meiner Liste der Leibgerichte. Nichts gleitet ohne Kauen so geschmeidig die Kehle hinunter. Natürlich verzehre ich die kleinen Leckerbissen stilecht mit einem Plastiklöffel. Denn neben der Gaumenfreude kann ich damit auch prima Schießübungen machen. Wer sagt da, Brei sei nur was für Babys? Auch mit funktionsfähigem Gebiss schmeckt das pürierte Allerlei gut. Was brauche ich da noch Knusperflakes und Schokokringel? Auch ohne Knirschen zwischen den Zähnen ist der Brei ein Genuss. Und was für die Kleinsten gesund ist, kann für meinen Magen nicht verkehrt sein.
Friederike Vogel
Tetris - Klötze stapeln
Ich bin ein beliebter Umzugshelfer – weil ich so gut stapeln kann. Viereckige, stabile Kartons zuerst, Latten und anderes Schnittholz an die Flanken. Wenn ich Mobiliar verstaue, liegen sich Stuhl und Tisch in den Armen wie Yin und Yang. Diese Fähigkeit ist nicht angeboren, sie ist Ergebnis jahrelangen Trainings. Anfang der Neunziger bekam ich meinen ersten Gameboy zu Weihnachten geschenkt. Mit dabei war das Spiel der Spiele, der Klassiker: Tetris. Hier triumphiert Einfachheit über Komplexität. Auf stundenlangen Autofahrten von Hannover über Füssen und Florenz bis zum Fuße des Vesuvs zockte ich. Meine Grundschülerdaumen wirbelten über das schwarze Steuerkreuz und die beiden rosa Knöpfe. Die simplen 8-Bit-Klänge trieben mich zu Höchstleistungen. Das hat sich bis heute nicht geändert. Wenn niemand Zeit hat, das Fernsehprogramm nicht überzeugt, hilft mir der Griff zum grauen, klobigen Plastikkasten, der vor 20 Jahren Ordnung in die Kinderzimmer brachte. Auch in meins.
Felix Klabe
Seilspringen - Um die Hüfte
Mindestens 30 Minuten waren es. Mit dicken Kopfhörern und rückenfreiem Einteiler tanzte die junge Frau an einem Sommerabend über eine Wiese im Görlitzer Park in Berlin. Dabei kreiste ein Reifen geschmeidig um ihren drahtigen Körper. Pausenlos. Ich war beeindruckt – und dachte an das Stück Rasen, auf dem ich etliche Stunden meiner Kindheit verspielte. Während Opa Willy auf der anderen Seite des Jägerzauns seine Blumenbeete hegte, vergnügte ich mich mit Stelzen, Seilen oder Hula-Hoop-Reifen. Das ist doch wie Radfahren, überlegte ich – das verlernt man nie. Drei Wochen später stand ich in einem Sportgeschäft und testete „Gym Hoops“, wie mir das Preisschild verrät. Ich entschied mich für die Kindergröße, zahlte beschämt und brachte den blauen Plastikreifen auf den Dachboden. Dort eifere ich jetzt regelmäßig, nach einer Springseileinheit, dem Hüftschwung der Parkfrau nach. Meine bisherige Bestzeit liegt bei drei Sekunden. Hätte ich sie mal nach ihrer Musik gefragt.
Nicole Wehr
Gummitwist - Mit Gummi
Mitte, außen, drauf und rein – was sich wie eine Fußballübung anhört, machte auch mir vor Kurzem Beine. Beim Aufräumen im Keller entdeckte eine Freundin ein altes Gummitwist-Seil und animierte mich zum Mitspringen. Wie damals auf dem Schulhof hüpften wir zunächst einfache, dann schwierigere Choreografien auf ihrem kleinen Balkon – und mit jedem Sprung ging es ein Stück zurück in die Vergangenheit in der schwäbischen Kleinstadt. Das Bild der Deutschlehrerin, das kleine Grundschulgebäude am Fluss, der Trinkkakao im Glas und die ständig kabbelnden Jungs zogen an meinem inneren Auge vorbei. Das Leben damals schien aus Schulbrottauschs und Schönschrift, Zooexkursionen und Zeichenstunden zu bestehen. Einfach und leichtfüßig, wie Mitte, außen, drauf und rein. So vergingen die süßen, unbeschwerten Kindheitstage. Aber allzu viel Sehnsucht verspüre ich heute nicht mehr. Das stupide Auf- und Abgespringe wird bald langweilig. Gut, dass das Leben nicht nach dem gleichen Schema läuft!
Sarah Kniep
Hörspiele - Hex! Hex!
Das sind Bibi und Tina auf Amadeus und Sabrina. Sie jagen im Wind, sie reiten geschwind, weil sie Freunde sind.“ Der Titelsong zum Hörspiel „Bibi und Tina“ geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Die Geschichten von der kleinen Hexe Bibi Blocksberg haben mich meine ganze Kindheit begleitet.
Und seitdem ich die Kassetten vor ein paar Wochen wieder aus einer vergessenen Ecke meines Kinderzimmers gekramt habe, habe ich jeden Abend eine Verabredung mit Bibi und Tina.
Denn die Abenteuer der kleinen Hexe, die mit ihren "Hex! Hex!"-Zaubersprüchen immer mehr Schaden anrichtet, als dass sie helfen würde, tragen mich zurück in die träumerische Welt meiner Kindheit. Eingewickelt in meine warme Bettdecke, denke ich nicht mehr an Schulprüfungen und Zukunftspläne. Dafür stelle ich mir vor, mit Bibi und Tina reiten zu gehen. Auch wenn ich älter bleibe, die beiden warten auf mich. Das ist wahre Freundschaft.
ZiSH/Larissa Kleinert
Fußballmanagerspiele - Bis zum Meistertitel
Ein Freund und ich sitzen vor dem 13-Zoll-Monitor eines 133-MHz-Rechners. Nichts und niemand kann uns stören. Wir spielen „Anstoss 3“, das Managerspiel aus dem Jahr 2000, bei dem man alles in einem fiktiven Fußballverein regeln muss: Transfers, Finanzen, Stadionbau und die Mannschaftsaufstellung für jedes Spiel.
In Stunden detailreicher Arbeit machte ich aus einem Unterklasseverein eine gefürchtete Weltklassemannschaft. Gemeinsam mit Freunden wurden so über Wochen Saisons gespielt. Der Höhepunkt: wenn unsere beiden Mannschaften aufeinandertrafen und wir die Meisterschaft unter uns ausmachten. Bei jeder der simulierten Szenen mit erfundenen Spielern fieberten wir mit. Bis die Meisterschaft entschieden und meist ich stolz auf meine Pixelhelden sein durfte. Meine Kindheit ist geprägt von solchen Momenten. Damals haben wir heimlich Cola getrunken, meine Eltern mit der Daddelei in den Wahnsinn getrieben und Hausaufgaben vernachlässigt. War das Managen eines Vereins für uns doch ungleich komplexer und wichtiger.
Heute sitzen wir wieder gemeinsam vor dem alten Monitor. Wir brauchen keine hochauflösende Grafik, kein modernes Gameplay. Dafür gibt es Bier, und anstatt der Hausaufgaben leiden die Prüfungen an der Uni unter den abendlichen Zockereien. Manches ändert sich eben nie.
Steffen Gremmelt
Sandburgen bauen - Strandkönigin
Ich sitze am Strand und langweile mich. Meine Hände schieben Sand hin und her, bis ein kleiner Haufen entsteht. Plötzlich ist mein Ehrgeiz geweckt, denn schon früher war ich als beste Sandburgenbauerin, als Strandkönigin bekannt. Warum sollte das mit 18 Jahren anders sein?!
Ich platziere Steine auf dem Haufen, schaufele einen Graben herum und lasse die Burg höher und höher wachsen. Immer mehr Kinder werfen mir neidische Blicke zu. Als die Flut kommt, beende ich die Burg und schaue voller Stolz auf mein Werk. Als wäre ich sechs Jahre alt, plane ich schon die nächsten Burgen in meinem Kopf. Wenn ich wieder zu Hause bin, geht’s ab in den Sandkasten.
Rebecca Gerigk
Saure Kaugummis - Kauen, bis die Haut schrumpft
Vor elf Jahren waren wir die beste Clique: Hendrik, der unbedingt Fußballprofi werden wollte. Timo, mit dem ich gemeinsam zu Michael Jacksons Liedern tanzte. Und ich, der weinen musste, als Stefan Raab im Fernsehen ein Schlagzeug demolierte.
Jeden Tag pilgerten wir zum Kiosk an der Ecke. Der freundliche Mann gehobenen Alters verkaufte uns aber keine Schlümpfe, Spielkarten oder Schaummäuse. Wir standen auf das ganz harte Zeug: „Center Shocks“. Die kleinen weißen Kaugummikissen waren im ersten Moment so sauer, dass man dachte, einem würde die Haut schrumpfen. Nur der Biss brachte die Erlösung: Die fruchtig-süße Cremefüllung im Inneren entspannte die Geschmacksnerven. Für uns Kinder ein Tanz auf dem Drahtseil der Gesichtsakrobatik.
Heute haben wir uns aus den Augen verloren: Hendrik studiert BWL, Timo ist in Berlin untergetaucht – und ich bin vom Schlagzeug an Gitarre und Mikrofon gewechselt. Und die „Center Shocks“?
Vor ein paar Wochen stellte jemand eine große Packung der sauren Bonbons auf den Tisch, und wir alle waren wieder zurück im Jahr 1999. Unterschied: Die Kaugummis wirkten lange nicht mehr so sauer wie damals. Vielleicht liegt’s an den abgestumpften Geschmacksnerven. Oder die Kids von heute vertragen nicht so viel wie wir damals.
Joss Doebler