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Per Anhalter bis an den Bosporus

Trampen in Europa Per Anhalter bis an den Bosporus

Die Semesterferien haben angefangen – Zeit für Urlaub. Doch was tun, wenn der Geldbeutel mal wieder leer ist? 
ZiSH-Autor Ansgar Nehls ist ohne Geld von Hannover nach Istanbul getrampt. Ein Reisebericht.

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Daumen hoch: So trampen jährlich viele junge Menschen durch Europa – auch beim Tramprennen, wo über 150 Teilnehmer um die Wette reisen.

Quelle: Tramprennen.org (2)

Ich kann Irxleben nicht leiden. Die kleine Stadt zehn Kilometer vor Magdeburg verbinde ich mit Frust, trockenem Pumpernickel und einer kalten Nacht, nach der ich das Eis von unserem Zelt abkratzen musste. Wahrscheinlich tue ich Irxleben unrecht. Denn mehr als einen Autohof und die anschließende Grünfläche habe ich gar nicht gesehen, als ich beim Trampen dort gestrandet bin.

An Silvester hatte ich zusammen mit drei Freunden den wahnwitzigen Plan gefasst, von Hannover nach Istanbul zu trampen. Wir hatten kein Geld und wollten keines ausgeben. Damit wir trotzdem über Ostern noch in die Sonne kamen, teilten wir uns im April in Zweierteams auf, stellten uns mit dem Daumen nach oben an die Raststätte Garbsen Süd und hofften auf nette Menschen, die Lust hätten, uns mitzunehmen. Am ersten Tag trafen wir nicht viele. Ein älteres Pärchen mit eingehäkelter Klopapierrolle auf der Hutablage, ein schnöseliger Pharmareferent – dann wurde es dunkel und wir saßen mitten im sachsenanhaltschen Nichts fest.

Bis Istanbul sind es von Hannover aus 2  300 Kilometer. Wir hatten am ersten Tag 129 Kilometer geschafft. Wäre es in diesem Tempo weitergegangen, hätten wir Ostern auf einer bulgarischen Raststätte verbringen müssen.

Autor Ansgar Nehls auf seiner Reise.

Doch mein erster Tramptag war auch der schlimmste. Denn der restliche Trip hat für das Pech der ersten Etappe mehr als entschädigt. Nachdem wir am Morgen unser Zelt verstaut und uns wieder an die Straße gestellt hatten, besserte sich alles. Die Frühlingssonne kam hervor und wir fanden immer bessere und nettere Lifts, wie Tramper die Mitfahrgelegenheiten nennen. Etappenziel um Etappenziel konnten wir von der Route streichen, die wir uns vorher überlegt hatten. Prag, Bratislava, Budapest, Belgrad, Sofia. Nach fünf Nächten blickten wir auf den Bosporus.

Meine erste Trampreise war bis dahin aufregend, aber trotzdem überraschend entspannt und unglaublich anekdotenreich verlaufen. Wir hatten einen 28-jährigen Ungarn kennengelernt, der in Ostdeutschland als Chirurg arbeitete und uns, kettenrauchend, von der tschechischen Grenze bis kurz vor Budapest mitnahm. Wir waren bei Dimitri im Tomaten-Laster mitgefahren und hatten uns von Petr mit Händen und Füßen rumänische Politik erklären lassen.

Die wohl verrückteste Geschichte erlebten wir direkt an der ungarisch-serbischen Grenze. Da Serbien nicht der Europäischen Union angehört, müssen sich alle Lkws in einer langen Schlange anstellen und werden besonders kontrolliert. Tramper sind bei diesen Kontrollen unerwünscht – also wurden wir kurzerhand von unserem bulgarischen Fahrer in der Lkw-Schlange ausgesetzt. Mit unseren Rucksäcken wanderten wir so nachts um 2 Uhr einsam die Leitplanke entlang, stellten uns in der Autoschlange an der Grenze an und reichten den verwunderten serbischen Grenzern unsere Reisepässe. Dass wir auf der Raststätte kurz hinter der Grenze zum ersten Mal auf unsere beiden Freunde trafen, die über Wien gereist waren, macht das Erlebnis noch absurder.

Die Anekdote ist im Nachhinein witzig, steht aber auch für die ein oder andere Situation auf unserer Reise, die ich nicht hätte allein erleben wollen. Ohne Begleitung zu trampen, ist zumindest als Anfänger ein nicht zu unterschätzendes Risiko. Auch Ole Röntgen, Mitorganisator des Wettreisens Tramprennen, rät besonders Frauen davon ab, ohne männliche Begleitung zu reisen: „Wir hören immer wieder, dass es gut ist, einen Mann dabei zu haben. Nach unserer Erfahrung würde ich Anfängerinnen nicht unbedingt raten, allein oder mit Freundinnen zu trampen.“

Mit meinem Kumpel habe ich den wohl spannendsten Urlaub erlebt. Reich an Abenteuern und Anekdoten – und komplett kostenlos. Zum Beginn dieser Semesterferien reicht das Geld wohl wieder nicht für eine große Reise. Zum Glück weiß ich jetzt, wie ich trotzdem in den Urlaub komme.

Ansgar Nehls

Nachgefragt...

... bei Ole Röntgen (29), Mitorganisator des Tramprennens.

„Seifenblasen sind immer eine gute Idee“

Ole Röntgen, wie bist du zum Trampen gekommen?
Freunde von mir sind nach dem Abi mal Richtung Mittelmeer getrampt. Sie haben danach so sehr geschwärmt, dass sie einige Leute begeistern konnten, um die Wette nach Spanien zu trampen. Einer davon war ich – und so bin ich auf der ersten Tour gleich mal 2 000 Kilometer durch Europa per Anhalter gefahren. Losgelassen hat’s mich danach nie.

Seit 2008 organisiert ihr das Tramprennen, bei dem in diesem Jahr über 150 Teilnehmer um die Wette reisen. Wie läuft das ab?
Wir suchen vorher mehrere Routen zum Zielort raus und geben den einzelnen Teams Simkarten. Sonst sind die Teilnehmer auf sich allein gestellt und müssen sich auch um Unterkünfte selbst kümmern.
Dieses Jahr liegt das Ziel in Albanien und damit, wie in fast jedem Jahr, auf dem Balkan. Was fasziniert euch an dieser Region?
Wir haben festgestellt, dass die Leute dort unglaublich hilfsbereit sind. Und in Albanien war noch nie Endstation. Außerdem mögen wir Ziele, die den Horizont erweitern können. Wir wollen auch zeigen, dass es Urlaubsziele außerhalb der Côte d’Azur und Mallorca gibt.

Du trampst jetzt seit vielen Jahren regelmäßig. Welche Tipps würdest du Anfängern geben?
Einen Autoatlas würde ich dabei haben, um zu wissen, wann eine Raststätte kommt. Leute anzusprechen ist auch wichtig und ein bisschen Aufmerksamkeit schadet nie: Man kann zum Beispiel jonglieren oder eine Seifenblasenpistole dabei haben.

Interview: Ansgar Nehls

Das Tramprennen

Das Highlight der diesjährigen Anhalter-Saison beginnt am 22. August. Dann starten wie jedes Jahr gut 50 Teams und insgesamt über 150 Tramper, um zwei Wochen lang quer durch Europa um die Wette zu reisen.
Seit 2008 veranstaltet Ole Röntgen zusammen mit Freunden das Rennen. Ziel ist fast immer ein Land des Balkans. Dieses Jahr geht es ins nordalbanische Omarë.

Einen großen Preis gibt es nicht zu gewinnen. Der Spaß und die Lust am Trampen stehen im Vordergrund. Die einzigen Teilnahmebedingungen sind gemischte Teams – damit Sicherheit und Spaß gewährleistet sind – und ein kleiner Kreis an selbstgesuchten Sponsoren. In diesem Jahr gehen die Einnahmen zu je 50 Prozent an Viva con Agua und Pro Asyl.

Wer Lust hat, mitzumachen, kann sich noch unter tramprennen.org bewerben. Für alle anderen gibt es in diesem Jahr wieder einen Liveticker der Teilnehmer zum Mitlesen auf der Homepage www.tramprennen.org.

Ansgar Nehls

So geht Reisen mit Interrail

Wem das Trampen zu unsicher ist, der kann auch günstig mit dem Zug durch Europa reisen. Ob in die Natur der französischen Alpen oder ein Citytrip nach Barcelona: Mit dem Interrail-Pass kann man europäische Länder per Zug entdecken.

Dabei gibt es zwei Möglichkeiten: Mit dem Global Pass kann man für einen Festpreis ab 192 Euro in einem bestimmten Zeitraum durch bis zu 30 europäische Länder fahren. Mit dem One Country Pass hingegen lässt sich nur ein europäisches Land bereisen. Dafür kostet der Pass aber auch nur ab 42 Euro. So lohnt es sich manchmal bei einer Reise durch nur zwei oder drei Länder, einzelne One Country Pässe für die verschiedenen Länder anstelle des Global Passes zu kaufen.

Für viele Schnell- oder Nachtzüge im Ausland werden jedoch Platzreservierungen benötigt. Die Kosten für die Reservierung sind nicht im Ticket enthalten. Und ganz spontan vom einen auf den anderen Tag geht eine Reise mit Interrail-Pass auch nicht. Denn den muss man auf www.interrail.eu bestellen und dann wird er per Post geschickt. Dort gibt es auch weitere Infos zum Reisen mit Interrail.

Hannah Scheiwe

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