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Im Kreisel kracht’s am häufigsten

Brennpunkte im Straßenverkehr Im Kreisel kracht’s am häufigsten

Der Deisterkreisel bringt die Experten an ihre Grenzen. „Markierungen, Ampeln, Schilder. Wir haben alles getan“, sagt Hauptkommissar Gerd Schöler, Verkehrssicherheitsexperte der Polizeidirektion Hannover.

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Auf dem Westschnellweg/Anschlussstelle Limmer in Richtung Stöcken fehlt ein Beschleunigungsstreifen.

Quelle: Uwe Dillenberg

Der Deisterkreisel bringt die Experten an ihre Grenzen. „Markierungen, Ampeln, Schilder. Wir haben alles getan“, sagt Hauptkommissar Gerd Schöler, Verkehrssicherheitsexperte der Polizeidirektion Hannover. Und dennoch: Der Deisterplatz in Linden-Süd ist und bleibt der Unfallschwerpunkt Nummer eins in der Landeshauptstadt. An keiner anderen Stelle ereignen sich so viele Unfälle wie in dem Kreisverkehr, an dem Westschnellweg, Bornumer Straße und Deisterstraße aufeinandertreffen.

Insgesamt 105 Unfälle haben die Beamten dort im vergangenen Jahr aufgenommen, die sich alle aus ein und demselben Grund ereigneten: Autofahrer missachteten die Markierung, wechselten trotz eines durchgehenden Mittelstreifens die Spur und kollidierten dabei reihenweise mit anderen Fahrzeugen. Zumeist blieb es bei Blechschäden.

Im Stadtgebiet Hannovers gibt es insgesamt 13 sogenannte Unfallhäufungsstellen. „An diesen Stellen kommt es immer wieder zu der gleichen Art von Unfall. Also beispielsweise eine bestimmte Kreuzung, an der Autofahrer wiederholt von rechts nahende Radfahrer übersehen“, sagt Verkehrssicherheitsexperte Schöler. Er führt lange Tabellen und hält genau fest, wo es in der Stadt im Laufe des Jahres zu welchen Verkehrsunfällen gekommen ist. Sobald es fünf oder mehr gleichartige Unfälle an einer Stelle sind, gilt der Ort als Schwerpunkt. Dann nimmt die Unfallkommission der Stadt ihre Arbeit auf.

Der Deisterplatz beschäftigt die Experten bereits seit Jahrzehnten. In den neunziger Jahren kam es dort jährlich zu etwa 300 Unfällen. Um steuern zu können, aus welchen Richtungen kommend die Autos zu welchem Zeitpunkt in den Kreisel einfahren dürfen, ließ die Stadt im Jahr 1999 eine 3,5 Millionen Mark teure Ampelanlage installieren. Seitdem haben sich die Unfallzahlen um zwei Drittel reduziert. „105 Unfälle sind trotzdem zu viel“, sagt Schöler.

Inzwischen stehen entlang dem Westschnellweg und schon viele Meter vor dem Kreisel große Tafeln, die über die Verkehrsführung auf dem Deisterplatz informieren. Die Autofahrer sollen möglichst schon vor der Einfahrt in den Kreisel auf die richtige Spur wechseln. „Aber die Unfallzahlen verharren weiterhin auf hohem Niveau“, sagt Schöler und klingt etwas ratlos.

Auf der Suche nach einer Lösung hat der Hauptkommissar bereits mehrfach am Deisterplatz genau beobachtet, was dort vor sich geht. „Interessant ist, dass es überwiegend hannoversche, also ortskundige Autofahrer sind, die dort die Vorschriften missachten und wild die Spuren wechseln“, sagt Schöler. Er mag nicht mehr so recht daran glauben, dass sich das noch einmal ändern wird. „Alle baulichen, optischen und verkehrstechnischen Möglichkeiten sind ausgeschöpft“, sagt Schöler. Der Risikofaktor Mensch aber bleibe. „Wenn Fahrer sich einfach nicht an die Regeln halten wollen, müssen wir passen.“

Mit Blick auf einen anderen Unfallschwerpunkt hat die Unfallkommission nun in gewisser Weise resigniert: Auch am Klagesmarktkreisel ist die Situation seit Jahren nicht in den Griff zu bekommen, immer wieder passieren dort gefährliche Zusammenstöße zwischen Radfahrern und Autos. 66 Unfälle waren es allein im vergangenen Jahr, dabei wurden 22 Personen verletzt, eine Person davon schwer. „Zunächst waren die Radfahrer das Problem. Sie nutzen unerlaubterweise die Zebrastreifen“, sagt Hauptkommissar Schöler. Darauf seien viele Autofahrer nicht vorbereitet gewesen. Inzwischen hat die Stadt leuchtend rote Radfahrstreifen innerhalb des Kreisels markiert. „Nun missachten Autofahrer häufig die Vorfahrt der Radler.“ Die Unfallzahlen seien zwar rückläufig, aber weiter alles andere als zufriedenstellend“, sagt Schöler. Im vergangenen Jahr empfahl die Unfallkommission, den Kreisverkehr zurückzubauen. Voraussichtlich von 2013 an soll der Knotenpunkt zwischen Otto-Brenner-Straße, Goseriede und Celler Straße nicht mehr Kreisel sein – sondern eine Kreuzung.

Auch auf der anderen Seite der hannoverschen Innenstadt haben Schilder und rote Markierungen nichts genutzt. „Weil ein Großteil der Verkehrsteilnehmer sie einfach missachtet“, sagt Schöler. An der Einmündung der Karmarschstraße auf den Friederikenplatz verunglückten im Laufe des vergangenen Jahres 30 Radfahrer, 2008 waren es 21. „Autofahrer, die von der Karmarschstraße kommen, können an dieser Stelle in Richtung Leibnizufer eine Rechtsabbiegerspur nutzen und sich in den laufenden Verkehr einordnen. Eine Ampel gibt es für sie nicht“, erklärt Schöler. Dabei übersähen sie aber allzu leicht und trotz des üppigen roten Streifens auf dem Asphalt von rechts nahende Radfahrer. „Denn die dürfen den Radweg in diesem Bereich in beide Richtungen befahren“, sagt Schöler.

An der Stelle steht ein Vorfahrt-gewähren-Schild, das bekannte weiße Dreieck mit rotem Rand, Spitze nach unten. „Es verpflichtet den Autofahrer, mit mäßiger Geschwindigkeit an die Einmündung heranzufahren“, sagt Schöler. Dabei weiß er nur zu gut: Das ist Theorie, die Praxis sieht anders aus. Die wenigsten Fahrer bremsen ihr Auto wirklich ab, blicken links, rechts, links – am Lenkrad herrscht oft Ungeduld.

Inzwischen liegt ein Beschluss vor: Die Rechtsabbiegerspur verschwindet, eine Ampelanlage soll installiert werden. In Zukunft wird sich der Verkehr von der Karmarschstraße also nicht mehr fließend in Richtung Königswor-ther Platz einfädeln können. Das wird zu Wartezeiten und Rückstau führen und dürfte damit so gar nicht im Interesse der Autofahrer liegen. Verkehrsexperte Schöler rät ganz allgemein zu Ruhe und Geduld am Steuer. Am Friederikenplatz hätte es sich ausgezahlt.

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