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Wann sollen Senioren den Führerschein abgeben? Karl-Friedrich Voss: „Seltsame Gewohnheiten“

Interview Karl-Friedrich Voss: „Seltsame Gewohnheiten“

Karl-Friedrich Voss ist Diplom Psychologe aus Hannover. Im HAZ-Interview spricht er über ältere Autofahrer, seniorengerechte Fahrzeuge und spezielle Fahrsicherheitstrainings.

Karl-Friedrich Voss ist Diplom Psychologe aus Hannover. Im HAZ-Interview spricht er über ältere Autofahrer, seniorengerechte Fahrzeuge und spezielle Fahrsicherheitstrainings.

Quelle: Handout

Welche Rolle spielen ältere Autofahrer in der Praxis eines Verkehrspsychologen?

Keine besonders herausgehobene. Bei Älteren steht das Fahrverhalten im Vordergrund, manche fahren zu schnell, manche zu langsam. Neben medizinischer Beeinträchtigung ist es auch Fehlverhalten mit Unfallfolgen, das dazu führen kann, dass einem Senior die Beratung durch einen Verkehrspsychologen nahegelegt wird – meist von den Fahrerlaubnisbehörden.

Wie gut oder schlecht ist der Ruf der Oldies hinterm Steuer?

Durchaus gemischt, es ist ja keine homogene Gruppe, Ältere entwickeln manchmal seltsame Gewohnheiten. Die sollte man erkennen und abbauen. Sie machen zwar durch Erfahrung in der Praxis viele Fehler wett, dennoch ist es sinnvoll, sich zum Beispiel einmal im Jahr in Begleitung eines Fahrlehrers hinters Steuer zu setzen, um „eingefahrene“ Rituale abzulegen.

In einigen EU-Ländern gibt es Gesundheitschecks oder allgemeine Tests ab 60 oder 65 Jahren. Ist der Führerschein auf Lebenszeit ein Auslaufmodell?

Wichtig ist, keinen Prüfungsdruck aufzubauen. Am Ende einer solchen Überprüfung sollte nicht der Entzug der Fahrerlaubnis drohen, sondern es sollten Wege aufgezeigt werden, ein sich abzeichnendes Fehlverhalten in den Griff zu bekommen. Denkbar sind auch die Pflichtteilnahme an Nachschulungen und Gesundheitschecks, Fahrverbote bei Dunkelheit oder die Auflage, sich in bestimmtem Radius zu bewegen.

Die in der Werbung als seniorengerecht gepriesenen Fahrzeuge stoßen auf wenig Gegenliebe. Können Sie das verstehen?

Grundsätzlich sollte man Älteren keinen Stempel aufdrücken. Es muss ja nicht gleich seniorengerecht heißen, sondern einfach praktisch. Tatsache ist, dass Fahrzeuge mit erhöhter Sitzposition, guter Rundumsicht und der Verzicht auf elektronische Überfrachtung Älteren das Leben erleichtern.

Was halten Sie in diesem Zusammenhang von Fahrassistenzsystemen?

Meiner Meinung nach sind solche Systeme nicht besonders hilfreich, vor allem dann nicht, wenn sie durch die Bedienung vom Geschehen auf der Straße ablenken. Sinnvoll sind Navigationssysteme, bei denen die aktuellen Verkehrszeichen und Geschwindigkeitsbegrenzung angezeigt werden.

Sind spezielle Fahrsicherheitstrainings für Ältere sinnvoll?

Ich sehe das zweischneidig. Die falsche Schlussfolgerung könnte sein: Jetzt fühle ich mich sicher, jetzt gebe ich Gas. Wenn solche Kurse verkehrspsychologisch begleitet werden, können sie aber helfen, eigene Grenzen im Wortsinn zu erfahren und sich besser einzuschätzen.

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Von Redakteur Jutta Krause