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Der Straßenfeger

Cadilac im Fahrtest Der Straßenfeger

Wer sich mit dem Cadillac CTS-V anlegt, erlebt sein blaues Wunder – ein Testbericht.

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Der Cadillac CTS-V: Die amerikanische Limousine ist dank des Smallblocks aus der Corvette ein echter Kraftprotz.

Quelle: Hersteller

Zugegeben, der Wagen sieht etwas prollig aus, sehr amerikanisch eben. Trotzdem lässt sich nur schwer sagen, woran es liegt, dass dieser Wagen besonders auf die jungen Fahrer einer bayerischen Automarke augenscheinlich eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausübt. Sie wollen es immer wieder wissen, spielen mit dem Gaspedal und rechnen sich unbegreiflicher Weise eine Chance aus, vermutlich weil sie einem Irrtum erliegen und den Cadillac CTS in die falsche Schublade packen. Offenbar glauben sie, es mit der amerikanischen Mittelklasselimousine und so um die 250 PS zu tun zu haben und halten die aggressiven Anbauteile für das optische Tuning eines Spinners. Wenn es die Straße dann hergibt und sie im Abgasstrahl des Monsters verrauchen, dämmert ihnen wohl, dass da etwas schief gelaufen ist. Sie haben ganz einfach das „V“ in der Signatur übersehen. Das steht für 649 PS unter der Motorhaube. Werden sie von der Leine gelassen, fliegen die Fetzen.

Der Hersteller bewirbt den Cadillac CTS-V mit Formulierungen wie „für die Rennstrecke optimiert“ oder „ein individuelles Fahrerlebnis in jeder Situation“. Nun, das sind  freundliche Umschreibungen für den wilden Ritt, der mit diesem Auto möglich ist. Denn bei dem Motor handelt es sich um den Smallblock aus der Corvette-Z06-V8, der aus 6,2 Litern Hubraum ein Drehmoment von 855 Newtonmetern auf die Hinterachse wuchtet. Das garantiert eine höchst explosive Leistungsentwicklung: Von 0 auf 100 km/h hechtet der Wagen in 3,7 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit gibt der Hersteller mit 320 km/h an. Damit gehört der Cadillac in den exklusiven 300er-Club, der eine äußert überschaubare Zahl an Mitgliedern aufweist.

Unser Testwagen ist mit dem Karbonpaket ausgerüstet, zu dem auch eine Spoilerlippe an der Frontschürze zählt, von der wir uns anständigen Abtrieb für den Vorderwagen erhoffen. Doch wie wir schnell erfahren, kann es nicht viel sein, denn wenn man das Gaspedal durchtritt, geht auf den ersten Metern die Schnauze hoch, der  über fünf Meter lange und knapp zwei Tonnen schwere Straßenfeger bockt, zerrt nach links oder rechts und man tut gut daran, das Lenkrad recht fest in den Händen zu halten und sich auf die Straße zu konzentrieren. Dabei hätten wir gewarnt sein müssen, denn in welchem Auto klebt schon ein Button, der die Höchstgeschwindigkeit der Winterbereifung auf 270 km/h begrenzt?

Den Amerikanern ist bei der Entwicklung ihrer Wuchtbrumme offenbar selbst nicht ganz wohl gewesen, denn sie haben über die Elektronik eine Menge getan, um den Wagen auf der Straße zu halten: Die „Magnetic Ride Control“ erfasst die Beschaffenheit der Straße tausendmal pro Sekunde und reagiert ab Tempo 50 über das blitzschnelle Ansprechen der Dämpfer auf jeden Zentimeter Asphalt. Das klingt gut, doch richtig zahm hat das System die Fuhre auch nicht gemacht.

Es ließe sich jetzt sicherlich lange darüber diskutieren, welchen Sinn die Leistung eines Supersportwagens in einer Limousine der oberen Mittelklasse macht. Denn trotz der individuellen Einstellmöglichkeiten für Fahrwerksabstimmung und Motorkennlinie ist ein solches Fahrzeug in der Straßenkonfiguration kein echter Sportwagen sondern irgendetwas dazwischen. Und genau deshalb braucht man nicht darüber zu streiten. Denn das irgendetwas dazwischen hat sich in den vergangenen Jahren als äußerst erfolgreiches Segment entpuppt. Die AMGs der Mercedestuner aus Affalterbach oder die Performance-Modelle aus der BMW Motorsport GmbH gehen weg wie geschnitten Brot, der Wolf im Schafspelz erfreut sich großer Beliebtheit. Wobei wohl die wenigsten Autofahrer das Potenzial ihres Autos jemals ausloten werden. Es geht den meisten Besitzern vermutlich mehr um das „ich könnte, wenn ich wollte“-Gefühl. Und vielleicht um den Show-Effekt. Über Verbrauchs- und Umweltwerte dürften sie sich dagegen weniger Gedanken machen, die sind jenseits von gut und böse.

Natürlich lässt sich der Cadillac auch ganz moderat bewegen. Wie eine normale Limousine. Da kann man dann das Ambiente genießen und feststellen, dass dieses Modell in Nichts denen der deutschen Hersteller nachsteht. Das geht solange gut, bis der nächste junge Fahrer auftaucht, der es wissen will. Verkehrserziehung auf der Straße, das ist uns klar, ist niemals eine gute Idee. Aber der Mensch ist ein fehlerhaftes Wesen und deshalb darf man den Heißspornen hin und wieder eine Lektion erteilen. Zumal die Sache in wenigen Sekunden erledigt ist.

Von Gerd Piper

Cadillac CTS-V

Motor 6,2-l-V8-Kompressor
Leistung 477 kW/649 PS
Max. Drehmoment 855 Nm
0-100 km/h 3,7 s
Spitze 320 km/h
Verbrauch 13,0 l Super Plus
CO 2-Emission 298 g/km
Länge/Breite/Höhe 5,02/1,86/1,45 m
Kofferraum 388 l
Getriebe Achtgang-Automatik
Preis ab 98.500 Euro

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