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Das Porsche-Wunder

HAZ-Autotest Das Porsche-Wunder

Erstmals präsentiert der Sportwagenhersteller ein Hybridauto als Topmodell einer Baureihe. Einsteigen, anschnallen, los geht die Probefahrt.

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Unter Strom: Der Porsche Panamera Turbo S E-Hybrid ist das neue Flaggschiff der Baureihe und wirbt mit einer Menge Superlativen.

Quelle: Hersteller

Der Diesel ist durch die Betrugsaffäre von Volkswagen schwer beschädigt. Kein Wunder also, dass bereits mehrere Hersteller an Ausstiegsszenarien arbeiten, um den Übergang in alternative Antriebstechnologien so geräuschlos wie irgend möglich zu vollziehen. Einer, der sich öffentlich zu diesen Gedankenspielen bekannt hat, ist Porsche. Für die Zuffenhausener Sportwagenschmiede wäre der Ausstieg leichter zu bewerkstelligen als für andere Marken, denn der Dieselanteil bei Porsche beträgt gerade einmal 15 Prozent. Und: Die Motoren stammen nicht aus eigener Produktion, sondern werden von Audi dazugekauft und für die Stuttgarter Modelle getunt. Weil Porsche als Hersteller hochgezüchteter Sportwagen besondere Schwierigkeiten hat, die Klimaziele zu erreichen, braucht es bei einem Ausstieg neue Technologien als Alternative. Eine Möglichkeit hat die Marke jetzt mit dem Panamera Turbo S 4 E-Hybrid präsentiert: Bei einer Systemleistung von 680 PS und einem Drehmoment von 850 Newtonmetern beträgt der Durchschnittsverbrauch gerade einmal 2,9 Liter – man möchte an ein Wunder glauben.

Bei Porsche ist man auf die Leistungsdaten des hybriden Panameras stolz: „Erstmals ist ein Hybrid das Topmodell einer Baureihe“, sagt Baureihenleiter Gernot Döllner, „das Fahrzeug schlägt den Turbo in allen Bereichen.“ Das Drehmoment von 850 Newtonmetern stünde ab 1400 Umdrehungen zur Verfügung „und ist abrufbar, bis der Benzintank leer ist“. Dass der Wagen Distanzen zwischen 25 und 50 Kilometern rein elektrisch zurücklegen kann, ist laut Döllner eher als Zufall zu bewerten und war offenbar kein fest definiertes Ziel im Lastenheft der Entwickler: „Bei unserer Performance-orientierten Hybridstrategie war die Reichweite ein Abfallprodukt.“

Foto: Das Cockpit wurde um einige Anzeigen für den Hybridbetrieb ergänzt.

Das Cockpit wurde um einige Anzeigen für den Hybridbetrieb ergänzt.

Quelle: Hersteller

Die Sach mit den Vergleichswerten

Und dann stehen da im Datenblatt die 2,9 Liter Durchschnittsverbrauch. Sie schreien einen förmlich an: 2,9 Liter, generiert aus einer 136 PS starken E-Maschine, die auch als elektrischer Zusatzturbo funktioniert, und einem mächtigen 4,0-Liter-Biturbo-Achtzylinder. Ein Wert, bei dem man sich angesichts der krachenden 680 PS zweimal die Augen reibt. Wie, bitte schön, geht das? Porsche scheinen diese Daten selbst nicht ganz geheuer zu sein, der Hersteller schreibt im Internet: „Die angegebenen Werte wurden nach dem vorgeschriebenen Messverfahren ermittelt. Die Angaben beziehen sich nicht auf ein einzelnes Fahrzeug und sind nicht Bestandteil des Angebots, sondern dienen allein Vergleichszwecken zwischen den verschiedenen Fahrzeugtypen.“

Im Klartext heiß das: Was die Hersteller bei Plug-in-Hybriden an Verbräuchen angeben, ist juristisch zwar korrekt, hat mit der Wirklichkeit aber nichts zu tun. Die Werte werden nach einer komplizierten Formel speziell für diese Antriebstechnologie auf dem Prüfstand ermittelt und anschließend vom wahren Leben förmlich hinweggefegt. Selbst Fachleute finden die Formel haarsträubend. Im Grunde sind die Werte das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben sind. Aber sie entsprechen den von der Politik definierten Standards.

Wie sauber ist der Saubermann?

Was der 550 PS starke Achtzylinder schluckt, wenn die elektrische Reichweite verbraucht ist, darüber geben die technischen Daten keine Auskunft. Vermutlich ist das besser so. Der Verdacht liegt nahe, dass der Saubermann dann nicht mehr ganz so sauber daherkommt. Zwar kann die Batterie während der Fahrt wieder aufgeladen werden, doch dazu braucht es einen zusätzlichen Schuss Leistung aus dem Verbrenner. Da das Fahrzeug dank des Batteriepaketes mindestens 2,3 Tonnen schwer ist, dürfte eine Menge Sprit durch die Brennkammern fließen, um diesen Panamera voranzuschieben – mit dem entsprechenden Ausstoß an Kohlendioxid. Denn das Leistungsprofil hat es in sich: In 3,4 Sekunden wuchtet der Antrieb das Auto aus dem Stand auf Tempo 100, die Höchstgeschwindigkeit beträgt 310 km/h. Wirklich erstaunlich ist, was an Querbeschleunigung möglich ist: Der Wagen zischt um die Ecken wie Bruder Leichtfuß. Durch den Einsatz aufwendigster Fahrwerkstechnik scheinen die Pfunde nur so dahinzuschmelzen. Im Vergleich zu einem Elfer wird dann aber doch deutlich, dass die Physik irgendwann ihre Grenzen setzt. Kein Problem, für die Rennstrecke ist der Panamera ja sowieso nicht gebaut.

Dafür dürfte er all jene Zeitgenossen in Verzückung versetzen, die sich im Zeichen des begehrten Porsche-Logos Leistung satt wünschen, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Denn genau das suggeriert dieses Auto. Man hat sehr viel Geld hingelegt und ist mit dem Gefühl unterwegs, zu den Guten zu gehören. Auch wenn man es tief im Innern besser weiß.

Von Gerd Piper

Porsche Panamera Turbo S E-Hybrid

Motoren V8-Biturbo, E-Maschine
Systemleistung 500 kW/680 PS
Benziner 404 kW/550 PS
Max. Drehmoment 850 Nm
0–100 km/h 3,4 s
Spitze 310 km/h
Verbrauch 2,9 l Super Plus
CO 2-Emission 66 g/km
Länge/Breite/Höhe 5,05/2,17/1,43 m
Kofferraum 405–1245 l
Radstand 2,95 m
Getriebe Achtgang-Doppelkupplung
Preis ab 185.736 Euro

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