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Zwei vom selben Stamm

HAZ-Autotest Zwei vom selben Stamm

VW und Skoda haben Golf und Octavia gleichzeitig überarbeitet und digitalisiert. Was sich verbessert hat, haben wir getestet...

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Mit dem Abenteuer-Gen

Der Golf spielt seine neuen Stärken hauptsächlich in der Fahrzeugelektronik aus. Das hat er dem Octavia voraus.

Quelle: Hersteller

Es sind zwei vom selben Stamm, Produkte des Modularen Querbaukastens, und doch sind sie in ihrer Seele grundverschieden: Volkswagen und Skoda haben ihre Erfolgsmodelle Golf und Octavia mit umfangreichen Updates versehen und so für die zweite Lebenshälfte fit gemacht. Während die Wolfsburger ihr Hauptaugenmerk auf die technische Ausstattung ihres Weltbestsellers gelegt und den Wagen durchdigitalisiert haben, sind die Tschechen auch ans Blech gegangen und haben dabei durchaus mutige Änderungen vorgenommen. So kommt der Octavia künftig mit einem Vieraugengesicht und optionalen Voll-LEDs auf den Markt. Wir haben in beiden Modellen bereits Platz genommen und sind sie gefahren.

Individuelles Cockpitdisplay

Über den Golf etwas zu sagen, was noch nicht geschrieben wurde, ist schwierig. Denn das Auto, das alle 40 Sekunden irgendwo auf der Welt vom Band läuft, ist in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten ausgiebig in allen Facetten beleuchtet worden. Versuchen wir es trotzdem: Es gibt einen neuen 1,5-Liter- TSI-Motor, der 150 PS leistet und demnächst um eine sparsame BlueMotion-Variante mit 130 PS ergänzt wird. Der legendäre GTI bringt es künftig auf 230 PS, was ein ordentlicher Kick ist, bei dem ganzen PS-Gebratze in der Kompaktklasse innerhalb und außerhalb des VW-Konzerns aber trotzdem wie ein laues Lüftchen anmutet.
Wirklich neu ist das, was sich im Innenraum getan hat: Zwei große Touchscreens beherrschen Cockpit und Mittelkonsole, über die sich eine Vielzahl von Funktionen bedienen lassen. Denn dank neuer Fahrerassistenzsysteme fährt nun auch der Golf teilautonom bis Tempo 60 im Stop-and-go-Verkehr mit. Das Cockpitdisplay lässt sich zusätzlich individualisieren. Ein Highlight ist laut Volkswagen die erstmals in dieser Fahrzeugklasse erhältliche Gestensteuerung. VW-Marketingspezialistin Martina Biene: „Das ist die Zukunft. Damit bleiben während der Bedienung die Augen auf der Straße.“ Liebe Frau Biene, das ist natürlich Unsinn, denn schließlich will man wissen, was man da so hin- und herwischt. Und das geht nur mit Hinsehen. Ein Dilemma, das die Hersteller inzwischen auch beschäftigt. Denn die Fülle an Informationen, die das digitale Zeitalter ins Auto spült, nährt, sofern vorhanden, den Spieltrieb und sorgt damit eher für Ablenkung als für Entspannung.

Ein Freund auf vier Rädern

In einem hat Frau Biene allerdings recht, wenn sie sagt: „In einem Golf zu fahren ist für mich, wie einem alten Freund zu begegnen.“ Denn das Fahrwerk ist nach wie vor wunderbar neutral, die Lenkung direkt. Egal, ob nun mit Schalt- oder den Sechs- bzw. Siebengang-Doppelkupplungsgetrieben, mit der entsprechenden Leistung macht Golf-Fahren einfach Spaß. Der Wagen geht zackig um die Kurven, ohne seinen gutmütigen Grundcharakter zu verlieren.

VW Golf

Motoren 4 Diesel, 4 Benziner
Diesel 66/135 kW–90/184PS
Benziner 63/168 kW–85/230 PS
Max. Drehmoment 175–380 Nm
0-100 km/h 6,4–11,9 s
Spitze 180–250 km/h
Verbrauch 4,8/6,4 l Super, 4,1/4,4 l Diesel
CO 2-Emission 106–148 g/km
Länge/Breite/Höhe 4,26/2,03/1,49 m
Kofferraum 380–1270 l
Radstand 2,62 m
Preis 17.850 bis 31.975 Euro

Staunen im Skoda

Wer sich jetzt zum Vergleich in einen Skoda Octavia setzt, staunt: Obwohl die technische Schnittmenge riesig, Antriebstrang und Motoren in vielen Varianten identisch sind, wähnt man sich in einem anderen Auto. Natürlich liegt das zuerst einmal am Platzangebot. Da schlägt der Octavia die Brücke zur Mittelklasse. Was sich auch am üppigen Kofferraumvolumen zeigt. Dass die Materialien im Innenraum nicht ganz dem Niveau des Golf entsprechen, fällt nur dem auf, der genauer hinsieht. Die Ausstattung ist insgesamt etwas einfacher, ein virtuelles Cockpit gibt es nicht, die Gesten-steuerung bleibt ebenfalls dem Golf vorbehalten. Der Touchscreen liegt nun unter Glas, was ihn edel macht. Trotzdem bleibt das Markengefälle innerhalb des Konzerns erkennbar – allen neuen Freiheiten der einzelnen Marken zum Trotz.

Aber der Octavia ist ein verführerisches Angebot – nicht zuletzt wegen der neun  Motorisierungen (vier Diesel, vier Benziner, ein Erdgasmotor) und des neuen Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe, das es allerdings nur in Kombination mit dem großen 184-PS-Diesel und Allradantrieb gibt.

Foto: Attraktiver Tscheche: Als Kompaktwagen geht der Octavia kaum noch durch, auch das Design ist inzwischen zeitlos modern.

Attraktiver Tscheche: Als Kompaktwagen geht der Octavia kaum noch durch, auch das Design ist inzwischen zeitlos modern.

Quelle: Hersteller

Auch technisch hat der Tscheche nachgerüstet, neue Assistenzsysteme und ein adaptives Fahrwerk bringen ihn auf die Höhe der Zeit, und natürlich ist auch hier auf Wunsch alles „always online“ – ohne (optionalen) Hotspot rollt heute so gut wie nichts mehr an den Start. Der zuständige Produktmanager František Drábek: „Wir haben noch nie so viel Energie in ein Facelift gesteckt.“ In Sachen Sicherheit fährt der Octavia unter anderem mit dem neuen Fußgängerschutz samt eingebauter Notbremsung auf dem gleichen Niveau wie der Wolfsburger. Dass die Lenkung nicht so direkt reagiert, ist sicherlich Geschmackssache. Sie richtet sich eben an die gelassenen Zeitgenossen. Unserem tschechischen Testwagen fehlte zudem ganz offensichtlich eine Wärmeschutzverglasung, das Fahrzeug heizte bei Sonnenschein schnell auf. Deutsche Importe haben die entsprechende Verglasung laut Hersteller serienmäßig an Bord.

In einem Punkt hat der Tscheche sogar die Nase vorn: Die Kombiversion ist in seiner Klasse die meistverkaufte in Europa. Der Golf Variant führt zwar in Deutschland, in Europa hinkt er aber hinterher. Unterm Strich kann man zu den Updates nur gratulieren. Dass Golf und Octavia so erfolgreich sind, kommt nicht von ungefähr – allerdings gibt es vieles nur gegen Aufpreis.

Skoda Octavia

Motoren 4 Diesel, 4 Benziner
Diesel 66/135 kW–115/184 PS
Benziner 63/132 kW–86/180 PS
Max. Drehmoment 160–380 Nm
0-100 km/h 7,1–12,2 s
Spitze 181–231 km/h
Verbrauch 4,8/6,1 l Super, 4,0/4,9 l Diesel
CO 2-Emission 105–139 g/km
Länge/Breite/Höhe 4,67/2,02/1,46 m
Kofferraum 590–1580 l
Radstand 2,68 m
Preis 17.450 bis 36.160 Euro

Von Gerd Piper

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