Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 6 ° Sprühregen

Navigation:
Boss Hoss ist stärkstes Serienmotorrad

Motorrad Boss Hoss ist stärkstes Serienmotorrad

Dank des Achtzylinders aus der Chevrolet Corvette ist die Boss Hoss das stärkste Serienmotorrad der Welt. Wir haben das Gefährt auf den norddeutschen Straßen getestet.

Voriger Artikel
Elektroautos haben noch Handicaps
Nächster Artikel
Lancia Flavia - ein Cabriolet mit Stil

Die Boss Hoss: Ein monumentales Motorrad mit schier unglaublichen Leistungsreserven.

Quelle: Boss Hoss

Neustadt a.d.Ostsee. Sonor blubbert der mächtige V8-Chevrolet-Motor, das Halbautomatikgetriebe zeigt auf „Drive“. Sehr vorsichtig gebe ich Gas, und das Gefährt nimmt zügig Fahrt auf. Diese Vorsicht ist absolut geboten. Wenngleich der Motor sonst in der aktuellen Corvette für Vortrieb sorgt, handelt es sich hier nicht um einen Ausflug mit dem schnittigen US-Sportwagen, sondern um eine Fahrt mit der Boss Hoss BHC-3-LS3. Hinter diesem sperrigen Namen verbirgt sich das derzeit stärkste Serienmotorrad der Welt. 327 kW/445 Pferdestärken leistet der 6,2-Liter-Chevi-Motor, unglaubliche 574 Nm wirbeln an seiner Kurbelwelle - ein Drehmoment, das sonst höchsten in großen Limousinen oder SUV vorzufinden ist.

So viel Kraft hat natürlich ihren Preis, und der offenbart sich auf der Waage mit satten 484 Kilogramm Leergewicht.

Werte, die selbst eingefleischten Bikern jede Menge Respekt abverlangen. Der erste enge Kreisverkehr auf dem Weg zur Landstraße lässt kurz erahnen, wo der Hammer hängt. Ein unbedachter Dreh am Gasgriff könnte dafür sorgen, dass einen das eigene Hinterrad überholt und die Fahrt ein schnelles Ende findet. Zu jeder Zeit gilt es, diese Urkräfte wohldosiert auf den Asphalt zu bringen.

Doch nun rollt die Fuhre, die halbe Tonne Gewicht gerät schnell in Vergessenheit. Zunächst geht es in gesetztem Cruiser-Tempo durch die ostholsteinische Landschaft. Die Sitzposition ist total entspannt, die Sitzbank hat Sofa-Qualität, die Boss Hoss macht sich den Fahrer schnell zum Freund. In jedem Dorf drehen sich Köpfe, ungläubige Blicke verfolgen das Gefährt, bei einem kurzen Stopp setzt sogar der Fahrer eines voll besetzten Linienbusses einige Meter zurück, weil ihm das Haltestellenschild die freie Sicht auf das chromblitzende Ungetüm nimmt. Langsam fühle ich mich auf dem großen Bike zu Hause, es wird Zeit, einmal alle Pferde zu wecken.

Was jetzt folgt, kennen Trekkies aus dem Fernsehen, wenn Captain James T. Kirk „Warp-Geschwindigkeit“ anordnet. Wie sich bei der ungeheueren Beschleunigung der Enterprise alle Sterne des Universums auf einen Punkt verengen, wird die Straße unter dem gewaltigen Brüllen des V8 ebenfalls zu einem einzigen Punkt. „Drei Sekunden auf Tempo 100, etwa sieben Sekunden bis Tempo 200“, verrät Wolfgang Becker, einer der beiden Geschäftsführer der Boss Hoss Cycles GbR in Neustadt a.d.Ostsee, einziger Vertragshändler in Norddeutschland.

Kein Wunder, dass der Verstand nicht so schnell hinterherkommt. Erst bei der zweiten Beschleunigungsfahrt spielt der Kopf auch mit, die Straße bleibt Straße. Wenngleich die kleine Chopperscheibe den Winddruck fast komplett fernhält, das lang gestreckte Raumschiff auch unter Volllast stoisch geradeaus läuft und die insgesamt sechs Kolben an den riesigen Bremsscheiben das Gefühl vermitteln, alles im Griff zu haben, ist die Rückkehr zu irdischem Tempo sehr entspannend. Das Rauschen des turbinenartigen Ventilators vor dem Kühlergrill verdeutlicht, dass sich der V8 kurzzeitig ein wenig echauffiert hat.

Weiter geht es in irdischem Tempo, und genau hier liegt die eigentliche Stärke der Boss Hoss. Spieltrieb kommt vor Antrieb, das gemächliche Cruisen mit der Gewissheit, dass ein Überholvorgang nur Sekunden dauert, macht einfach Spaß. Das Wort Spaß spielt in Sachen Boss Hoss ohnehin eine zentrale Rolle, denn mit Vernunft oder Zweckmäßigkeit hat das Ganze wenig zu tun.

So viel Motorrad braucht eigentlich kaum ein Mensch, und knapp 60000 Euro sind auch ein ordentlicher Preis. Vielleicht der Grund, warum erst sechs Boss Hoss auf Norddeutschlands Straßen und nur 300 Maschinen in ganz Deutschland unterwegs sind - deren Fahrer aber alle mit einem zufriedenen Dauergrinsen im Gesicht. Eines ist sicher: die Boss-Hoss-Gemeinde wird wachsen.

Von Thomas Albrecht

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Auto & Verkehr