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Der VW XL1 ist rekordverdächtig
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Auto Der VW XL1 ist rekordverdächtig

Volkswagen präsentiert mit dem VW XL1 sein Ein-Liter-Auto. Der VW XL1 verbraucht zwar im Verkehr ein bisschen mehr als einen Liter, trotzdem macht er Spaß - ein erster Fahrbericht.

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Platt wie eine Flunder sorgt der XL1 für Aufsehen.

Quelle: Hersteller

Genf. Dieses Auto ist anders. Ganz anders. Wann hat es das zuletzt gegeben, dass Menschen stehen bleiben, hupen, winken oder mit ihrem Handy ein Foto schießen? Ich sitze im XL1, dem Ein-Liter-Auto von Volkswagen, und bin auf dem Weg von Luzern nach Genf. Wo immer die Sparflunder auftaucht, sorgt sie für Aufsehen. Ein Auto wie aus einem Science-Fiction-Film. Als ob Mr. Spock aus der Zukunft in die Gegenwart gefallen ist. Tatsächlich ist der XL1 ein extremes Auto, gnadenlos auf Effizienz getrimmt und doch bis zu einem gewissen Grad alltagstauglich.

Bis zu einem gewissen Grad? Ja, denn schon der Einstieg in den Zweisitzer ist abenteuerlich. Durch die Flügeltüren müssen sich die Passagiere in die Karbonschalen zwängen. Dann sitzen sie nur wenige Zentimeter über dem Asphalt. Um den Rekord cW-Wert von 0,189 hinzubekommen, wurde das Auto aerodynamisch optimiert: Die ultraflache Karosserie flutscht durch den Wind wie ein Samurai-Schwert durch Butter. Es ist so eng, dass die Insassen leicht versetzt sitzen müssen. Das auf sportlich getrimmte Lenkrad erinnert an eine Spielekonsole. Trotzdem ist der XL1 ein Meilenstein in der Automobilgeschichte, ein Auto, das auf dem Papier nur 0,9 Liter Diesel auf 100 Kilometern verbraucht. Ich will wissen: Hält der Wagen, was die Wolfsburger versprechen? Vor mir liegen 270 Kilometer durch die Schweiz mit Steigungen, zwei Pässen und jeder Menge Kurven. Ganz klar: Volkswagen will keine Mogelpackung verkaufen, denn bei diesem Streckenprofil muss der Wagen ran.

Gestartet wird der Plug-in-Hybrid elektrisch. Die Batterie, die im Vorderwagen untergebracht ist und so für eine ausgeglichene Gewichtsverteilung sorgt, speichert Energie für rund 50 Kilometer. Wie bei einem Elektroauto springt der XL1 lautlos an, nur das Aufflackern der Instrumente signalisiert, dass es losgehen kann. In den Türen leuchten zwei Bildschirme auf: Kameras in der Außenhaut ersetzen die Seitenspiegel.

Schon auf den ersten Kilometern wird deutlich, dass Volkswagen das Projekt nicht nur durch innovative Hightech-Technologie wie die Karbonfaser-Karosserie hinbekommen hat, sondern vor allem auch durch Verzicht. Verzicht auf vieles. Die kleinen Räder rollen so hart ab, dass sie jede Fuge in der Fahrbahn an die Insassen durchreichen, die Keramikbremsen quietschen und reiben - was mit daran liegt, dass natürlich auch bei der Geräuschdämmung gespart werden musste. Schließlich ging es hier um jedes Gramm, das man einsparen konnte. Faszinierend ist aber, wie munter der kleine Wagen zur Sache geht - beim Elektroantrieb steht das volle Drehmoment von Beginn an zur Verfügung.

Unterwegs hat der Fahrer die Möglichkeit, per Knopfdruck vom Elektroantrieb auf den Hybrid umzuschalten. Und eines wird schnell klar: Mit so einem Auto ist jede Tour ein Strategiespiel. Volkswagen arbeitet bereits an einem Navigationssystem, das die Topografie einer eingegebenen Strecke berücksichtigt und so den Verbrauch noch weiter optimiert.

Wenn der kleine Zwei-Zylinder-Diesel anspringt, wird es laut im XL1. Die Maschine nagelt ganz schön. VW-Entwickler nennen das Geräusch augenzwinkernd „Sound of Economy“. Die Motoren und das Doppelkupplungsgetriebe befinden sich unmittelbar hinter den Sitzen, die - und das ist erstaunlich - auch auf Dauer nicht unbequem sind. In den Bergen, das lerne ich schnell, ist runterfahren gut. Denn dann rekuperiert der Wagen, sammelt also einen Teil des Stroms wieder ein, den er auf den Steigungen bis zu 13 Prozent verbraucht hat. Auf diese Weise, durch den geschickten Umgang im Wechsel von Elektro- und Hybridantrieb, schafft der XL1 mit einer Tankfüllung von zehn Litern an die 500 Kilometer. Denn natürlich ist der Verbrauch von 0,9 Litern nicht die ganze Wahrheit. Er wurde im Normzyklus erfahren und entspricht deshalb nicht ganz der Realität.

Trotzdem bin ich überrascht: Auf der ersten Etappe von 70 Kilometern verbrauche ich 1,3 Liter, auf der zweiten 2,0 Liter und auf den restlichen 130 Kilometern bis nach Genf 1,7 Liter. Insgesamt ein Schnitt von 1,66 Litern. Das ist nicht nur phantastisch, sondern auch rekordverdächtig. Im Hybridmodus wird übrigens die Restreichweite der Batterie - verschiedene Diagramme stellen den aktuellen Verbrauch sehr schön dar - „eingefroren“, das heißt, der Fahrer kann eine Überlandstrecke mit Hybridantrieb zurücklegen und am Ende seiner Fahrt auf Elektroantrieb umschalten. Das ergibt Sinn, wenn es beispielsweise in eine Stadt geht. Dort ist man dann emissionsfrei und damit besonders umweltfreundlich unterwegs.

Nach fünf Stunden mit zwei längeren Zwischenstopps bin ich schließlich in Genf. Besonders schnell bin ich nicht gewesen. Dafür besonders sparsam. Und mit der Erkenntnis, dass die Zukunft tatsächlich nicht nur schon jetzt funktioniert, sondern auch eine Menge Spaß macht.

Gerd Piper

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