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„Der geht um die Ecke“

VW Beetle „Der geht um die Ecke“

Der neue VW Beetle: Modernste Technik trifft auf die Seele des vielleicht genialsten Entwurfes der Automobilgeschichte.

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Die Silhouette: Der neue Beetle ist sportlicher geworden. Der kleine Heckspoiler soll bei den großen Motoren für mehr Abtrieb sorgen.

Foto: Werk

Als der österreichische Karosseriebaumeister Erwin Komenda noch vor dem Zweiten Weltkrieg die ersten Entwürfe skizzierte, dachte er wohl kaum daran, dass er gerade die Automobil-Ikone des 20. Jahrhunderts zu Papier brachte. Die Konstruktion sollte einfach und günstig sein, schnell zusammen zu bauen und qualitativ hochwertig. Sie sollte die Deutschen mobil machen. Dass der Wagen als „Käfer“ weltweit für Furore sorgen und sich 21,5 Millionen Mal verkaufen sollte, war nicht einmal in den kühnsten Träumen vorgesehen. Komendas Geniestreich hat bis heute Auswirkungen: In diesen Tagen empfängt Volkswagen in Berlin rund 1000 Motorjournalisten aus aller Herren Länder, um ihnen den neuen Beetle vorzustellen. Im Gegensatz zu damals hat sich dieses Mal ein ganzes Designerteam in Wolfsburg an die Arbeit gemacht, um Komendas Vermächtnis in die Gegenwart zu transferieren. Das Ergebnis ist ein Lifestyle-Auto, das auf bewährter Technik aufbaut, und doch die Erfinder-Gene in sich trägt.

Retro ist ein Thema, an dem schon viele gescheitert sind. Wer einen Klassiker modern interpretieren will, kann sich schnell in einem Labyrinth aus Vorgaben, Wunschvorstellungen und Erwartungen verirren. Die Galerie der Misserfolge ist lang. Ausnahme dürfte hier der Mini von BMW sein, der am Markt so erfolgreich ist, dass auch andere Hersteller ihn gerne in ihrem Portfolio hätten. Die Niedersachsen haben sich schon Ende der neunziger Jahre mit dem New Beetle an einer Neuinterpretation jenes Wagens versucht, der laut Konzernchef Martin Winterkorn noch immer das Herz der Marke Volkswagen darstellt. Der New Beetle hat sich zwar ganz gut verkauft, für eine Stilikone fehlte es ihm dann aber doch an Klasse. Er war dem Käfer ähnlich, mehr nicht. Zu viel Zeitgeist hat ihn zu einem nur begrenzt funktionierenden Produkt gemacht.

Das sollte mit dem neuen Beetle anders werden. Das Cap-Forward-Design, also die weit nach vorne gezogene Frontscheibe, die sich hauptsächlich bei den Amerikanern großer Beliebtheit erfreute, ist passé. Die Designer haben sich dieses Mal mehr am Original orientiert und die Frontscheibe wieder nach hinten verschoben. Weitere Stilmerkmale wie die freistehenden Kotflügel oder die angedeuteten Trittbretter sind geblieben. In der Summe ist der neue Beetle sportlicher, frecher, maskuliner und wie sein Urahn wieder stromlinienförmiger geworden. Eine Designidee, die schon in den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts schwer in Mode war und auch Komenda inspirierte. Das Knubbelige des New Beetle ist jedenfalls verschwunden. Denn auch das war eine Erfahrung: Männer haben um diese Rundungen zu oft einen Bogen gemacht. Weil das Fahrzeug in Gänze kräftig zugelegt hat, gibt es ab Werk 16-Zoll-Räder, die bis zu 19-Zöllern wachsen können und einen wichtigen Beitrag zu der muskulösen Optik leisten.

Auch im Innenraum gibt es wieder Anleihen aus dem vergangen Jahrhundert, wie beispielsweise die Halteschlaufen an den B-Säulen oder das „Käfer“-Handschuhfach für kleine Ablagen. Das Väschen, bei der Präsentation des New Beetle noch als besonders liebevolles Feature gefeiert, war zwar ganz lustig, aber auch ein wenig lächerlich – es ist verschwunden. Dafür sorgen Blenden in Klavierlack- und Carbonoptik für ein gediegenes Ambiente, das noch durch filigrane Chromeinfassungen von Schaltern und Instrumenten unterstrichen wird. Etwas knapp bemessen ist der Platz im Fond. Das war er auch schon im Original. Aber die Zeiten, in denen Familien samt Gepäck bei umgelegter Rückbank in ihrem Käfer im Sommer in Richtung Italien aufgebrochen sind, sind vorbei. Also: Im Grunde ist der neue Beetle ein besserer 2+2-Sitzer.

Technisch basiert der Wagen auf dem Golf VI, das ist bewährt und gut und nichts Neues. Für erste Fahreindrücke stand in Berlin lediglich das Spitzenmodell mit 147 kW/200 PS zur Verfügung, also der GTI-Motor. Der geht gewohnt sportlich zur Sache – vielleicht nicht ganz so bissig wie im GTI – und lässt sich dank der Differentialsperre, die VW den beiden Topbenzinern des frontgetriebenen Wagens mitgegeben hat, problemlos handhaben. Selbst bei hohen Geschwindigkeiten bleibt der Wagen stoisch stabil und neutral. „Der geht um die Ecke“, heißt es dann auch bei den VWlern voller Stolz.

Wenn der neue Beetle am 21. Oktober in Deutschland ab 16 950 Euro auf den Markt kommt, wird er mit zwei Dieseln und drei Benzinern angeboten. Dazu gibt es auf Wunsch je nach Drehmoment 6- oder 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe und alles an technischen Features, was Volkswagen derzeit zu bieten hat. Winterkorn hat in Berlin angekündigt, dass die 200 PS noch nicht das Ende sind – ein R-Modell für die ganz Sportlichen dürfte schon mehr als nur angedacht sein.

Das Fazit fällt leicht: Mit der Alleinstellung des Minis als besonders gelungener Wiederbelebung eines Klassikers dürfte es demnächst vorbei sein.

Von Gerd Piper

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