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Dieser Blitzer kriegt sie alle

Neues System Dieser Blitzer kriegt sie alle

Wer geblitzt wird, kann das Foto oft anfechten. Zu anfällig sind die Kamerasysteme am Straßenrand. Ein neuentwickeltes System macht damit jetzt Schluss: Es gilt als unfehlbar.

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Der Superblitzer: Die Laser des Poliscan-Systems können permanent drei Fahrspuren pro Richtung überwachen.

Quelle: Hersteller

Hannover. Für die einen sind sie die Waffen staatlich sanktionierter Wegelagerei, für die anderen ein Schritt zu mehr Verkehrssicherheit: Radarfallen sollen an besonders gefährlichen Stellen im Straßenverkehr Rasern Einhalt gebieten. Dass die Bußgeldbescheide nebenbei die Kassen mancher Kommune kräftig auffüllen, ist ein Nebeneffekt, den viele nicht für zufällig halten. Dabei gelten nach Angaben des Verkehrssachverständigen Roland Bladt rund zehn Prozent der Geschwindigkeitsmessungen als fehlerhaft und wären damit anfechtbar. Allerdings setzt sich seit einigen Jahren ein System durch, das so gut wie keine Fehler macht. Es heißt Poliscan und ist ein Welterfolg des Wiesbadener Unternehmens Vitronic.

Sie stehen an den Straßenrändern und auf den Mittelstreifen wie Stalagmiten aus einer anderen Welt ­- die Rotlichtsäulen von Vitronic. Doch was unterscheidet die Hightech-Säulen von herkömmlichen Radarfallen, was macht sie so unfehlbar?

Die Antwort heißt Lidar-Technologie und bezeichnet eine Laserscannung, die über Laufzeitmessungen die Geschwindigkeiten und Positionen aller Fahrzeuge ermittelt, die sich durch das Messfeld bewegen. Und die Leistungsfähigkeit des Systems ist beeindruckend: Säulen, die auf Mittelstreifen installiert sind, können gleichzeitig alle Fahrzeuge auf drei Spuren pro Fahrtrichtung überwachen, die sich im Arbeitsbereich von 15 bis 75 Metern mit einer Geschwindigkeit von 10 bis 250 km/h bewegen. Das funktioniert auch auf Kreuzungen und in Kurven.

Säulen, die auf Mittelstreifen installiert sind, können gleichzeitig alle Fahrzeuge auf drei Spuren pro Fahrtrichtung überwachen, die sich im Arbeitsbereich von 15 bis 75 Metern mit einer Geschwindigkeit von 10 bis 250 km/h bewegen.

Quelle: Hersteller

Die Kameras überwachen selbst Autos, die im „Windschatten“ anderer Fahrzeuge unterwegs sind. „Verdeckte Szenarien sind zwar vorstellbar, aber weil das System selbst den optimalen Zeitpunkt für die Aufnahme errechnet und zwei Fotos pro Sekunde macht, sind sie eher unwahrscheinlich“, sagt Vitronic-Sprecher Patrick Schulze. Geblitzte Fahrzeuge werden auf einer digital verschlüsselten Datei mit Bild- und Messdaten gespeichert, die auch Angaben zum Messsystem, zum Benutzer und zum Ort der Messung enthält.

Für den stationären Einsatz (mobile Systeme gibt es ebenfalls) ist besonders interessant, dass Poliscan ohne Tiefbauarbeiten in der Fahrbahn oder Markierungen auf der Straße auskommt und somit jederzeit auch an anderen Orten aufgestellt werden kann. Außerdem gelten die Daten der Säule, die 2006 die Zulassung der Physikalisch-Technischen-Bundesanstalt erhielt und seitdem als standardisiertes Messverfahren gilt, als gerichtsfest, das heißt, Fehlmessungen sind kaum nachzuweisen.

Damit kann das System für Kommunen mit klammen Kassen interessant werden. Denn wer darüber entscheidet, wo die Blitzer stehen, ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Während beispielsweise in Niedersachsen eine Kommune den Aufstellungsort nur in Absprache mit der Polizei bestimmen kann, darf das in Hessen eine Gemeinde im Alleingang entscheiden. „Allerdings sollten es schutzwürdige oder verkehrsberuhigte Bereiche sein“, sagt Mark Kohlbecher, Sprecher des hessischen Innenministeriums.

Trotzdem gibt es dort Straßen, die Autofahrer den Glauben an die gute Sache verlieren lassen. So stehen nach Recherchen des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ an der Bundesstraße 252, die sich von Hessen über Nordrhein-Westfalen bis an die niedersächsische Grenze schlängelt, auf einer Strecke von 23 Kilometern mit dreißig Tempowechseln und unterschiedlichen Gültigkeitszeiten, 14 Überwachungsapparate. Da räumen selbst altgediente Polizeibeamte ein, dass sie Schwierigkeiten hätten, heil durchzukommen. Eine erfolgreiche Einnahmequelle kann auch die Stadt Bielefeld vorzeigen: An der Talbrücke Lämershagen auf der A 2 in Richtung Hannover soll die Blitzanlage schon im ersten Jahr bei rund 260 000 Verstößen rund 9,3 Millionen Euro verdient haben.

Auch wenn die Poliscan-Messungen unfehlbar scheinen, sind sie in einzelnen Fällen in der Vergangenheit doch anfechtbar gewesen. Christian Demuth, Fachanwalt für Verkehrsrecht: „Es gibt rechtskräftige Urteile von Amtsgerichten, die entschieden haben, dass das Zustandekommen der Messungen nicht gänzlich nachvollziehbar ist und somit nicht den rechtsstaatlichen Grundsätzen entspricht.“

Demuth warnt aber davor, bei einer Poliscan-Messung allzu schnell vor Gericht zu ziehen: „Man kann Einspruch einlegen, insbesondere dann, wenn es um eine gewisse Sanktionsschwelle geht. Manchmal kann ja der Unterschied von einem Stundenkilometer mehr oder weniger über ein Fahrverbot entscheiden.“ Dann hätten Rechtsanwälte und Sachverständige Zugriff auf die Messdaten und Unterlagen. In solchen Fällen rät Demuth allerdings dringend zu einer Rechtsschutzversicherung: „Denn das Kostenrisiko kann sehr hoch werden.“

Von Gerd Piper

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