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Reifenlabel unter Druck

Autoreifen Reifenlabel unter Druck

Die EU-Verordnung hat eine Menge Kritiker auf den Plan gerufen. Winterreifen werden gar nicht berücksichtigt.

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Das neue Reifenlabel rollt an – und so sieht es aus: Das Piktogramm umfasst drei Disziplinen: Rollwiderstand, Nassgriff und die Lautstärke beim Fahren.

Foto: Continental

Quelle: Ben Goode

Kühlschränke haben es, und Waschmaschinen auch: ein Label, das Aussagen zur Energieeffizienz des jeweiligen Gerätes macht. Nach Beschluss der Europäischen Union werden vom November des kommenden Jahres an auch Autoreifen mit einem Label gekennzeichnet. Dies soll Käufern einen Überblick über die wichtigsten Eigenschaften eines Reifens verschaffen. Der gut gemeinte Ansatz der Kennzeichnungspflicht wird wohl von niemandem bestritten, doch so ganz unproblematisch ist die ganze Sache nicht – denn Reifen sind Kompromissprodukte. Eine besonders positive Eigenschaft wird hier immer mit einem Nachteil in einer anderen Disziplin erkauft.

In einem einheitlichen Piktogramm gibt das Label auf zwei Skalen Auskunft über den Rollwiderstand und den Nassgriff eines Reifens. Ein drittes Feld informiert außerdem über die Geräuschentwicklung des Produkts. Die zwei Skalen haben eine Einteilung von A bis G, die einzelnen Buchstaben sind zusätzlich farblich voneinander abgesetzt. A ist grün und steht für ein optimales Verhalten, G ist rot und kennzeichnet dementsprechend die negativen Eigenschaften.

Professor Egon-Christian von Glasner, Präsident der Europäischen Vereinigung für Unfallforschung und Unfallanalyse, hat beim Deutschen Sachverständigentag in Berlin das EU-Label kritisiert: „Ein Reifen trägt dann zur Kraftstoffersparnis bei, wenn der Rollwiderstand gering ist. Allerdings bedeutet ein geringer Rollwiderstand auch eine geringere Bremsfähigkeit auf nasser Fahrbahn“, meint von Glasner. Der Experte kritisiert, dass das Label Käufer verwirren beziehungsweise in die Irre führen könne. Denn wer ein grünes A für geringen Rollwiderstand und damit optimale Spritspareigenschaften sehe, können im Zweifelsfall glauben, dass er hier – ähnlich wie beim Kühlschrank oder der Waschmaschine – ein gutes Produkt erwerbe. Das aber entspreche nicht der ganzen Wahrheit: „Dass er sich im schlechtesten Fall einen Reifen kauft, der sein Fahrzeug bei regennasser Straße nicht auf kürzester Strecke abbremst, weiß er nicht“, sagt von Glasner.

Zu den Kritikern der EU-Verordnung 1222/2009, so die offizielle Bezeichnung, zählt auch die Gesellschaft für Technische Überwachung (GTÜ). Ihrer Ansicht nach muss das Label mit „ungenügend“ benotet werden, weil wichtige Sicherheitsaspekte überhaupt nicht berücksichtigt sind. So gibt es beispielsweise keinerlei Aussagen über das Verhalten bei Aquaplaning, einer wichtigen Disziplin im Straßenverkehr. Auch die Einstufung der Abrollgeräusche wird von der GTÜ kritisiert. In einem Reifentest entpuppte sich das leiseste Produkt gleichzeitig als das unsicherste auf nasser Fahrbahn.

Positiv wird das Label dagegen von dem Reifenhersteller Continental beurteilt. Auf der Homepage des Unternehmens heißt es unter anderem: „Continental begrüßt die Einführung des neuen Europäischen Reifenlabels und die damit einhergehende Verbesserung der Verbraucherinformation beim Reifenkauf (...) Pro Klasse verbessert oder verschlechtert sich der Verbrauch pro gefahrenen 100 km um circa 0,1 Liter, während sich der Bremsweg auf nasser Straße um bis zu sechs Meter verkürzt oder verlängert (bezogen auf eine Ausgangsgeschwindigkeit von 80 km/h).“

So ganz glücklich scheint man trotzdem nicht mit dem Label zu sein, denn in derselben Erklärung wird auf die nach wie vor große Bedeutung der Reifentests hingewiesen, weil diese „auch weiterhin ein wichtiges Informationsmedium für Endverbraucher bleiben, da diese statt der auf dem Label gezeigten drei Kriterien bis zu elf weitere, sicherheitsrelevante Produkteigenschaften testen.“

Hinter vorgehaltener Hand wird man dann noch deutlicher: „Wintereigenschaften werden überhaupt nicht berücksichtigt, für Winterreifen hat das Label überhaupt keinen Sinn“, heißt es aus der Conti-Zentrale. Auch wenn es bis zur Einführung des Labels noch lange hin ist, bezweifeln die meisten Fachleute, dass die EU ihre Verordnung noch einmal überarbeiten wird, um sie mehr an die Praxis anzupassen.

Von Gerd Piper

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