"Hey, Stevie!“, ruft es aus dem Lautsprecher. Meine Begleiterin ist hin und weg. Sie starrt gebannt auf den Monitor. Gerade läuft eine Folge von „McLeod’s Töchtern“ im Fernsehen, jener australischen Erfolgsserie von ein paar Farmerinnen, die im Outback ihren Wir sind mit Tempo 180 unterwegs, irgendwo im Niemandsland zwischen Bremen und Cuxhaven. Es regnet, und unser Fahrzeug zieht eine lange Wasserschleppe hinter sich her. Stevie treibt gerade Rinder zusammen, meine Begleiterin schaut ihr dabei ganz entspannt zu und ich komme aus dem Staunen nicht so recht heraus. Es funktioniert tatsächlich. „Dual Viewing“ – der zweigeteilte Bildschirm. Links spult das Navi seine Informationen ab, rechts läuft das TV-Programm. Das ist die schöne, neue Autowelt im Range Rover Evoque. Nachdem wir von dem SUV bei der Präsentation ziemlich angetan waren, haben wir das Fahrzeug, so schnell es ging, zum zweiwöchigen Dauertest gebeten. Im Alltagsbetrieb kann der Brite mit indischem Eigentümer beweisen, ob er die Vorschusslorbeeren tatsächlich verdient hat.
Der Evoque ist kein x-beliebiges SUV, sondern ein Designobjekt. Was BMW mit dem X6 angestoßen hat, haben die Designer von Range Rover mit diesem Fahrzeug auf die Spitze getrieben: oben Coupé mit der nach hinten abfallenden Dachlinie, unten SUV mit riesigen 19-Zoll-Rädern, einer hohen Schulterlinie und im Verhältnis dazu provokant kleinen Seitenfenstern. Dieses Auto ist so extrem überzeichnet, dass es geradewegs aus einem japanischen Anime gepurzelt sein könnte. Ein Hingucker, an dem sich die Geschmäcker scheiden. Aber die Grundidee, dass ein robustes Fahrzeug wie ein SUV mit der sportlichen Attitüde eines Coupés durchaus vereinbar ist, kommt hier unverwässert zum Tragen.
Die extremen Linien haben allerdings Nachteile: So gerät das Heckfenster zum schmalen Sehschlitz, die Grundfläche des eigentlich ganz geräumigen Kofferraumes ist so klein, dass es für das Urlaubsgepäck einer vierköpfigen Familie buchstäblich eng werden dürfte, und der mächtige Vorderwagen beeinträchtigt die Rundumsicht nachhaltig. Der Hersteller sieht sein Produkt vorzugsweise als Trendsetter in einem urbanen Umfeld. Schön und gut. Wir haben um enge Parklücken jedenfalls einen großen Bogen gemacht, der Parkassistent blieb ausgeschaltet, einfach weil die Menschen in der Stadt kaum die Geduld aufbringen, bei Parkmanövern auf ungewisse Zeit hinten anzustehen.
Dafür fährt der Evoque mächtig Punkte ein, wenn es über Land geht. Der 2,2-Liter-Diesel unseres Testwagens mit seinen 140 kW/190 PS und 420 Newtonmetern Drehmoment schiebt den immerhin 1,7 Tonnen schweren Fünftürer mit Macht voran. Die 8,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h sind rasant, der Wagen reagiert relativ spontan aufs Gaspedal und sorgt auf Landstraßen und Autobahnen für eine souveräne Vorstellung. Wirklich beeindruckend ist das Gefühl von Sicherheit, das der Fahrer auch bei schlechten Wetter- und Straßenverhältnissen jederzeit hat. Der Evoque hält vorbildlich die Spur, zeigt keinerlei Anzeichen von Nervosität und lässt sich trotzdem spielend leicht bedienen.
Im Gegensatz zum Exterieur ist das Interieur „very British“. Gediegene, unaufdringliche Eleganz, wohin man auch schaut und greift. Die Verarbeitung ist sehr gut, die Materialien unseres Testwagens waren hochwertig. Dass es im Innern keine Haltegriffe für die Insassen gibt, ist laut Land Rover dem Design geschuldet. Und, so der Hersteller, geht es tatsächlich einmal in raues Gelände, klammern sich die Beifahrer an alles Mögliche, nur nicht an die Haltegriffe. Für Bekleidung gibt es zwei kleine ein- und ausklappbare Häkchen, an die man nicht mehr als eine Bluse oder ein Hemd hängen möchte. Mit etwas Befremden haben wir im Datenblatt gelesen, dass der Evoque im kombinierten Fahrbetrieb durchschnittlich 6,4 Liter Diesel verbrauchen soll. Da müssen wir etwas Grundsätzliches falsch gemacht haben, denn auch bei moderater Fahrweise haben wir den Wagen nicht unter die 10-Liter-Marke drücken können. Macht aber nichts. Wir hatten mit dem Evoque so viel Spaß, dass wir es wirklich bedauert haben, als der Wagen wieder abgeholt wurde. Und das lag nicht nur daran, dass man in diesem Auto seine Lieblingssender gucken kann.
Gerd Piper
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