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Weniger Privatraum, mehr Gemeinschaftsfläche

Neue Wohnideen Weniger Privatraum, mehr Gemeinschaftsfläche

Günstiger Wohnraum, anspruchsvolle Architektur, hohe Lebensqualität – und das alles in attraktiver städtischer Lage: Das scheint derzeit reines Wunschdenken zu sein. Oder etwa doch nicht? Immer mehr Architekten versuchen sich an der Quadratur des Kreises. Teil 3 unserer Serie über gestiegene Baukosten.

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Gemeinschaftsflächen wie diese Dachterrasse sind der Clou des Mehrfamilienhauses der Architektengemeinschaft ifau, Jesko Fezer, Heide & von Beckerath. 

Quelle: Andrew Alberts

Zwei Leitmotive spielen bei ihren Entwürfen eine Rolle: Zum einem wird privater Wohnraum reduziert – oft zugunsten von Gemeinschaftsflächen. Zum anderen soll auf Ausbaustandards verzichtet werden.

Beide Prinzipien kommen in einem Mehrfamilienhaus in Berlin-Kreuzberg zum Tragen: Dort realisierte eine Baugemeinschaft 19 Wohneinheiten sowie Räume und Flächen, die gemeinsam genutzt werden können. Die Wohnungen sind mit im Schnitt gut 100 Quadratmetern nicht klein. Aber ihre Wäsche reinigen die Bewohner in einer gemeinsamen Waschküche im Souterrain, wo sich auch eine Werkstatt befindet. Die Dachterrasse mit Sommerküche steht ebenso allen zur Verfügung wie der zweigeschossige Gemeinschaftsraum in den unteren Etagen. Der Garten bietet viel Platz für Aktivitäten.

Die Baukosten betrugen 2350 Euro pro Quadratmeter – im bundesdeutschen Schnitt liegen sie bei über 3000 Euro. Auf architektonische oder bauliche Qualitäten mussten die Wohnungsinhaber trotzdem nicht verzichten: Mit den individuellen Grundrissen, den Erschließungskernen, den umlaufenden Balkonen, dem hohen energetischen Standard sowie den eigens entwickelten Holzelementen an der Fassade ist das Gebäude funktional und ästhetisch hochwertig.

Dass der Preis vergleichsweise niedrig blieb, habe mehrere Gründe, erläutert Architektin Verena von Beckerath. So entfielen Kosten für einen Bauträger und erbrachten die Bewohner einige Leistungen bei der Planung und beim Ausbau selbst. Auf einige Ausbaustandards verzichtete die Baugemeinschaft: Auf den Boden kam Heizestrich, die Decken und einige Wände bestehen aus Sichtbeton. Elektroleitungen wurden über Putz verlegt. In den Nassbereichen wurden günstige Feinsteinzeugfliesen verwendet.

Was den Ausbaustandard anbelangt, geht der Berliner Architekt Arno Brandlhuber noch einen Schritt weiter: Er will weg vom schlüsselfertigen Bauen und propagiert das Wohnen im Rohbau, wie es in anderen Ländern durchaus normal ist. Heizung, Anschlüsse für Wasser, Strom und Gas – mehr brauche es nicht, zumindest beim Erstbezug, meint Brandlhuber.

Ein Plädoyer für die Reduzierung von Wohnflächen hält Cornelia Dörries, Autorin des „Deutschen Architektenblattes“. In ihrem Artikel „Wohnen XS“ führt sie als Beispiel die Wohnverhältnisse in Tokio an: Dort lebt eine vierköpfige Familie im Schnitt auf 50 Quadratmetern. Auch auf den geplanten Umbau eines alten Postscheckamtes im Berliner Stadtteil Kreuzberg geht die Autorin in diesem Zusammenhang ein. Dort sollen mehr als 700 Wohnungen unterschiedlicher Größe entstehen. Außerdem sind Co-Working-Offices, Gastronomie, Fitnessräume und Dachterrasse vorgesehen.

Für Hannover-Bothfeld gibt es ähnliche Pläne. Fünf Hofgebäude mit rund 40 Wohneinheiten sind dort geplant. Garagen, Keller, Balkone oder Terrassen wird es nicht geben, dafür gemeinsam nutzbare Außenanlagen, verschließbare Fahrradabstellplätze, einen Kinderspielraum und ein Waschcafé. „Weniger kann manchmal mehr sein“, betont Franz-Josef Gerbens vom Bauträger Gundlach.

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