Die Ansiedlung des Boehringer-Forschungszentrums in Hannover hat massive Proteste hervorgerufen, das neue Wohn- quartier auf einem baum- bestandenen Parkplatz im Zooviertel nicht weniger. Ärger gab es um den geplanten Ausbau der Schleuse Limmer oder den Hochwasserschutz an der Ihme. Ist die Branche der Immobilien- und Projektentwickler eigentlich ausreichend auf den Umgang mit „Wutbürgern“ eingestellt?
Packeiser: Sicherlich hat die Immobilienwirtschaft in den vergangenen Jahren dazugelernt, auf jeden Fall seit dem Konflikt um „Stuttgart 21“. Die Kommunikation mit Interessengruppen ist bei vielen Großprojekten professionalisiert worden. Trotzdem steht die Branche am Anfang der Entwicklung. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass die Tendenz, Betroffenen- und Partikularinteressen zu artikulieren, zunehmen wird. Das schafft Konfliktpotenzial.
Aber was hat sich eigentlich verändert: Sind die Projekte größer, spektakulärer geworden? Oder werden sie angreifbarer, weil sie immer schlechter geplant werden? Oder sind die Bürger heute wacher als noch vor Jahren?
Packeiser: Wir erleben eine spürbare Verlagerung von Meinungsbildungsprozessen. In den vergangenen Jahrzehnten lag die öffentliche Willensbildung stark in Parlamenten und Gremien. In Wahlen wurde festgelegt, wer Entscheidungen trifft, und die getroffenen Entscheidungen wurden dann umgesetzt. Dieses Gefüge hat sich verändert. Wir erleben die Verlagerung der Willensbildungsprozesse hin zu kurzfristigen Initiativen, die sich aus konkreten Anlässen bilden und später wieder auflösen. Davon sind langfristige Infrastrukturprozesse besonders betroffen, also klassischerweise Immobilienprojekte, Industrieansiedlungen, der Bau von Auto-, Bahn- und Stromtrassen oder Landebahnen. Bei jedem derartigen Projekt gewinnt die Kommunikation eine erfolgskritische Bedeutung.
Haben Sie ein Beispiel?
Packeiser: Wir reden grundsätzlich nicht öffentlich über das, was wir für unsere Auftraggeber machen. Aber Sie können ja an Beispielen in Hannover sehen, wo Projekte durch mangelhafte Kommunikation gefährdet waren. Bei Boehringer etwa hat es große Bürgerforen gegeben, und dort steht der Bau jetzt kurz vor dem Abschluss. Bei den Hochwasser- und Altlastenprojekten an der Ihme dagegen waren die Fronten zwischenzeitlich derart verhärtet, dass nachts Bauzäune gebrannt haben und Baufahrzeuge zerstört wurden. Ich möchte aber betonen, dass wir an beiden Projekten nicht beteiligt waren.
Häufig vorgebrachte Kritik ist, dass Planungs- und Entscheidungsprozesse zu lange dauern – dem Bürger sei kaum zumutbar, über Jahre hinweg den Begründungszusammenhang eines Millionenprojekts zu verinnerlichen. Teilen Sie diese Kritik?
Packeiser: Der Rechtsstaat bedingt zuweilen lange Prozesse, das bringt die Beteiligungskultur eben mit sich und auch die Möglichkeit für Betroffene, Einspruch einzulegen. Daran möchte niemand rütteln. Das Problem scheint mir viel mehr: Wenn eine Entscheidung einmal getroffen ist, dann sollten Politik und Verwaltung auch zu ihr stehen. Wenn getroffene Entscheidungen mit großer Tragweite über Jahre hinweg immer wieder infrage gestellt werden, dann macht man es allen Beteiligten schwer – sowohl den Unternehmen, die investieren wollen, als auch den Bürgern, die Bedenken haben.
Tatsächlich stehen sich beide Seiten aber in Konflikten teilweise auch unversöhnlich gegenüber...
Packeiser: Nicht immer. Wir nehmen in Dialogen zwei Richtungen wahr. Da sind einerseits die Bürger, die völlig verständliche Interessen vertreten, offen für Austausch und für Argumente sind. Und die übrigens auch gute Argumente und Tipps haben. Wenn solche Bürger auf ein Unternehmen treffen, das ebenfalls offen für Argumente ist, dann kann man im Dialog in der Regel zu einer sinnvollen Lösung kommen, die für beide Seiten akzeptabel ist.
Und die andere Gruppe?
Packeiser: Zu der anderen Gruppe von Bürgern ist erst kürzlich wieder eine aufschlussreiche Studie eines Göttinger Professors erschienen. Der analysiert, dass die sogenannten Wutbürger häufig aus wirtschaftlich sehr gut situierten Verhältnissen kommen, oft schon etwas älter sind, einen hohen Bildungsgrad haben und sich Themenfelder suchen, in denen sie sich betätigen können. Früher sind solche Leute in Parteien gegangen und haben am Gemeinwesen mitgewirkt, heute vertreten sie Partikular-interessen in oft kurzfristigen Bündnissen. Das erschwert eine an Lösungen orientierte Kommunikation oft sehr, weil sich Fundamentalpositionen entgegenstehen.
Interview: Conrad von Meding
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