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Immer an der Wand lang

Serie "Bauen mit der Natur", Teil 2: Der Garten an der Wand" Immer an der Wand lang

Begrünte Fassaden wirken wie eine Klimaanlage – eben nur ohne Stromrechnung.

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Je höher, desto grüner

Gewusst wie: Mit speziellen Pflanzkästen für die Vertikalmontage lassen sich Innen- und Außenwände ganz nach Wunsch gestalten, wie hier beim Forschungszentrum der Durst AG in Lienz/Österreich.

Foto: Optigrün

In den Städten ist das Grün knapp und der Baugrund teuer, sodass auch die Gärten meist nicht viel Platz für Pflanzen bieten. Das ist allerdings kein Grund, auf üppiges Grün, bunte Blütenpracht und reichhaltige Vogel- und Insektenwelt zu verzichten. Wer angesichts des städtischen Grünmangels am liebsten die Wände hochgehen möchte, sollte genau das tun – und den Garten einfach an der Fassade aufhängen.

Dach- und Fassadengärtner sind die Spezialisten dafür, und nach einer etwas blindwütigen Euphorie in den achtziger Jahren ist die Branche gereift und professionalisiert. Versprechungen wie 50 Prozent Energieeinsparung macht heute keiner mehr, aber fünf Prozent halten Experten immer noch für möglich. Und wer ohne Expertenrat einfach der Natur ihren Lauf lassen möchte und Efeu oder wilden Wein vor das Haus pflanzt, muss damit rechnen, dass ein paar Jahre später genauso einfach die Physik ihren Lauf nimmt, wenn das Pflanzengewicht die Haltekraft des Putzes übersteigt.

Fassadenbegrünung sei nicht die billige Alternative zur Sanierung von schadhaften Mauern, heißt es beim Fachverband Bauwerksbegrünung (FBB) in Saarbrücken. Wenn die Wand jedoch in Ordnung ist, die Tragfähigkeit vom Statiker geprüft und die Bepflanzung sinnvoll geplant, gibt es eine ganze Reihe von Vorteilen. Nicht nur eher abstrakte wie die Steigerung der Artenvielfalt und das Binden von Kohlendioxid, sondern auch ganz konkret spürbare:

  • Die Blätter filtern Staub aus der Luft.
  • Das Laub verhindert, dass Regen direkt auf die Wand prasselt und erhöht so die Lebensdauer der Oberfläche.
  • Viele Gemeinden gewähren einen Preisnachlass bei den Gebühren für Oberflächenwasser.
  • Die Pflanzenschicht schützt die Mauern im Sommer vor dem Aufheizen.
  • Die Blätter verdunsten Wasser und tragen so im Sommer zur Kühlung des Gebäudes bei. „Pflanzen haben den gleichen Effekt wie elektrische Klimaanlagen“, sagt Andreas Puhr vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu) in Berlin

Vorteilen steht aber auch ein erhöhter Pflegeaufwand gegenüber.

  • Die Fenster müssen regelmäßig freigeschnitten werden; Dachrinnen, Schornsteine, Fallrohre und Telefonanschlusskästen ebenso.
  • Zu den weniger beliebten Bewohnern dichter Grünfassaden gehören Tauben.
  • Die Grünpflege in oberen Stockwerken, besonders wenn sie in Hinterhöfen nicht mit Hebebühnen erreicht werden können, verursacht höhere Kosten.
  •  Die Pflanzen müssen regelmäßig gewässert werden.

Die Materialkosten selbst hängen sehr vom geplanten Aufwand ab und reichen von kleinen Summen, wenn wilder Wein oder Efeu gepflanzt werden, bis zu 600 Euro pro Quadratmeter, wenn ein Fassadenkünstler wie zum Beispiel Patrick Blanc die Begrünung übernimmt. Der Franzose ist der Star der Branche und bekannt für seine üppigen, rankenden und wogenden Pflanzenkombinationen, die er für jeden Standort individuell zusammenstellt. In den 600 Euro enthalten sind dann unter anderem die Gewächsmischungen, die Vliese, die die Pflanzen aufnehmen, und ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem.

Wer ohne künstlerischen Anspruch begrünen möchte, kann auch auf industrielle Produkte zurückgreifen. Etwa 100 Kilogramm pro Quadratmeter sollte eine Wand tragen, die mit einem speziellen Pflanzsystem gestaltet wird. 50 Kilo davon entfallen auf die Pflanzkästen, 33 Kilo auf Substrat und Wasser, dazu kommen Pflanzen sowie im Winter Schnee- und Eislasten. Einfach auf dem Wärmedämmverbundsystem befestigen lässt sich eine solche Last nicht, sie muss solide non eine Experten in der tragenden Wand verankert werden.

Dann aber sind die Gestaltungsspielräume durchaus mit denen von Blanc vergleichbar, und wer kreativ mit Pflanz- höhen, Blütenfarben und Grünschattierungen umgeht, kann Muster aus der Nachbarbebauung aufgreifen oder ein Firmenlogo an der Wand wachsen lassen.

www.fbb.de

von Ralf C. Kohlrausch

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