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Mein Freund, der Baum

Serie "Bauen mit der Natur", Teil 1: Umbauen statt umhauen Mein Freund, der Baum

Alle wollen im Grünen wohnen, aber für Neubauten werden regelmäßig Bäume gefällt. Diese Serie zeigt ein paar Beispiele dafür, dass Natur und Neubau kein Widerspruch sein muss.

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Zimmerpflanze XXL: Die Bäume und ihre Äste durchbrechen Etagen und Zimmer. Bau und Baum geht es seit zehn Jahren gut.

Foto: Kohlrausch

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Wo gebaut wird, fallen Bäume. Mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre es ein Naturgesetz. Natürlich werden wegen des Umweltschutzes meist Ersatzpflanzungen vorgeschrieben. Doch die entstehen selten im betroffenen Neubaugebiet, sodass Flora und Fauna gründlich durcheinanderkommen und die Hausbauer die ersten Jahre eher in der Sandwüste als im Grünen wohnen. Auch im türkischen Badeort Side fand die Hotelgruppe Voyage auf ihrem Baugrundstück einen dichten Kiefernwald vor, der zudem unter Naturschutz stand. Das Ergebnis: Der Wald steht immer noch. Die Hotelanlage ebenfalls – auf demselben Grundstück.

„Guck mal, da steht ein Baum!“ ist ein oft gehörter Ausruf, wenn neue Gäste ankommen. Direkt neben der Rezeption ist in einem Hotelbau ein Baum hinter den Fenstern zu sehen. Kingsize-Format, nicht Gummibaum. Die Kiefer kommt oben mit intakter Krone aus dem fünfgeschossigen Bau wieder heraus. Im Erdgeschoss ist ein Bewässerungszugang.

„Wir haben nur einen Baum gekappt“, sagt Mehmet Gakir, Ökologe und Umweltberater der Hotelgruppe. Nicht, weil er im Weg stand, sondern weil seine Äste im Sturm den Dachziegeln zu nahe kamen. Die anderen Bäume stehen noch. „Wir haben uns das Gelände mit dem Architekten angeschaut, die Bäume kartografiert und dann so lange die Bungalows auf den Plänen gedreht und verschoben, bis sie einigermaßen zwischen den Bäumen Platz fanden. Da geht mal ein Baum durch den Balkon, mal umkurvt das Treppenhaus eine Kiefer, manche Wohnung hat ein paar Ecken mehr, weil ein kräftiger Stamm eine Aussparung erforderlich machte, Dachüberstände sind durchbrochen. Und wenn es gar nicht anders ging, wurde eben direkt um den Baum herumgebaut.

„Natürlich hat das die Baukosten erhöht, und auf einige Bungalows und damit auf die Betten und Einnahmen haben wir auch ganz verzichtet“, sagt Gakir. „Aber wir haben überwiegend europäische Gäste, die Umweltschutz schätzen und auf Qualität achten – und das auch gern bezahlen.“ Reklamationen, weil einem Bungalow Platz fehlt oder der halbe Balkon nicht genutzt werden kann, gab es in den zehn Jahren seit der Fertigstellung noch nie.

Technisch waren die Baumhäuser einfacher zu verwirklichen als befürchtet. Das Baugelände war eben, sodass weder aufgeschüttet noch ausgebaggert werden musste. Die wenigen Bäume, die tatsächlich mitten in den Häusern stehen, wurden zum Dach hin mit Palmblättern abgedichtet, die wie ein Bastrock stramm um den Stamm gewickelt wurden und weich aufs Dach auslaufen. „Das ist alles, das hält Sturm und Starkregen aus. Wir waren auch überrascht, dass das ausreicht“, sagt der Ökologe. Besonders bei neuen Mitarbeitern und Gästen sorgt es immer wieder für Überraschung, wenn man mitten im Flur unwillkürlich den Kopf unter einem dicken Ast einzieht und sich anschließend fragt, wo der Ast eigentlich her kommt. In den Häusern sind die Wandausschnitte meist mit Tüchern verschlossen, die Bäume haben so die nötige Bewegungsfreiheit bei Wind. Frostsichere Fundamente waren in Side auch nicht nötig. „Oh, wir hatten schon Schnee“, erinnert sich Gakir, oft sei das aber nicht der Fall.

Das Baumodell hat bereits eine Fortsetzung gefunden. „In einem Nachbarort haben wir eine Baustelle von einer anderen Hotelgesellschaft übernommen. Da fällt das Gelände zum Meer ab und muss für die Häuser eingeebnet werden.“ Ehrensache, dass die Bäume stehen bleiben. „Wir schütten auf, statt auszubaggern. Um jeden Baum wird eine Art Brunnen angelegt und nach oben mit Brettern abgedeckt, sodass er sein natürliches Bodenniveau behält, obwohl die Häuser etwas höher stehen. Auf diese Weise, so der Umweltberater, könnten auch für deutsches Klima geeignete Fundamente um Bäume errichtet werden.

Mehmet Gakir, engagierter Umweltschützer und Mitverfasser mehrerer Broschüren über die Wälder Sorguns, spricht perfekt Deutsch und gibt gern Auskunft über die türkischen Baumhäuser. ekomehmet@gmail.com

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