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Von Eiden und Erbfolge

Hannovers Geschichte Von Eiden und Erbfolge

Der Fries am Neuen Rathaus erzählt Hannovers Geschichte. Thomas Schwark, Direktor des Historischen Museums, gibt einen Überblick.

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Kennt sich aus mit der Geschichte der Stadt: Thomas Schwark auf einem Balkon am Neuen Rathaus. Der Geschichtsfries über ihm zeigt, wie der hannoversche Stadtdirektor dem König 1837 symbolisch die Schlüssel der Residenzstadt überreichte.

Quelle: Steffen

Vor 775 Jahren, im Juni 1241, bestätigte und erweiterte Welfenherzog Otto das Kind die hannoverschen Stadtrechte. Seitdem ist viel passiert. Michael Krische sprach mit Thomas Schwark über die Meilensteine.

Herr Dr. Schwark, wir wissen über bedeutende Umbrüche in Hannovers Vergangenheit nicht nur aus Geschichtsbüchern.

Herausragende Ereignisse sind im Geschichtsfries an der Nordseite des Neuen Rathauses in Stein gemeißelt. Schauen wir uns das doch mal an.

Dann mal los ...

Beginnen wir im Jahr 1526. Da empfing Herzog Ernst der Bekenner das Abendmahl nach protestantischem Ritus – 1533 legten die Hannoveraner dann auf dem Marktplatz den Eid auf den neuen Glauben ab. Das war zugleich ein politisches Bekenntnis, dargestellt auf dem Monumentalgemälde „Einmütigkeit“ im Hodlersaal des Rathauses. Hannover war nun eine protestantische Stadt.

Knapp 100 Jahre später gab es eine weitere Zäsur ...

In der Tat. Herzog Georg von Calenberg verlegte in den Wirren des Dreißgjährigen Kriegs 1636 seine Residenz in das von Mauern geschützte Hannover.

Die Hannoveraner waren erst gar nicht so begeistert ...

Das stimmt. Es heißt doch: Gehe nicht zu deinem Fürsten, wenn du nicht gerufen wirst. Und nun kam der Fürst zu den Hannoveranern, die um ihre Freiheiten fürchteten. Aber wie das so oft ist mit Entwicklungen, die zunächst mit Skepsis betrachtet werden: Für Hannover hatte das auf lange Sicht positive Folgen. Ohne diese Residenznahme wäre Hannover heute nicht Hauptstadt des Landes Niedersachsen. Die Herrenhäuser Gärten, ein Kulturerbe mit Weltgeltung, hätten wir auch nicht. Und der große Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz wäre nicht hierher gekommen. Im Geschichtsfries bekränzt ihn Kurfürstin Sophie mit einem Lorbeerkranz.

1714 wird es dann aber still am hannoverschen Hof?

Ja, da bestieg Kurfürst Georg Ludwig als Georg I. in London den britischen Thron.

Der Fries zeigt auch die Beteiligung hannoverscher Truppen am Sieg über Napoleon bei Waterloo 1815 ...

Von 1803 mit einer Unterbrechung bis 1813 war Hannover von französischen Truppen besetzt. Damit war es nun endgültig vorbei. Das Ende Napoleons wurde als Befreiung von Fremdherrschaft gefeiert. Aber als Hannover zum Königreich Westfalen von Napoleons Bruder Jerome gehörte, hatte es hier mehr bürgerliche Freiheiten gegeben als zuvor und danach. Es gab weniger Zensur, es gab Gewerbefreiheit und Toleranz gegenüber den Juden. Im 1814 auf dem Wiener Kongress zum Königreich erklärten Hannover wurden die neuen Freiheiten schnell wieder einkassiert.

1837 kam dann Ernst August ...

Die Personalunion endete, weil Großbritannien die weibliche Erbfolge hatte und Queen Victoria den Thron bestieg. In Hannover galt die männliche Erbfolge. Im Geschichtsfries wird dargestellt, wie Stadtdirektor Wilhelm Rumann König Ernst August 1837 symbolisch den Stadtschlüssel überreicht.

Mit der einhelligen Freude war es dann aber schnell vorbei?

Ja, Ernst August hob das seit 1830 geltende liberale Staatsgrundgesetz auf. Rumann stellte sich auf die Seite der Protestierer, zu denen die Göttinger Sieben gehörten, und wurde vom König prompt aus dem Amt geworfen.

Dennoch folgte eine Zeit der wirtschaftlichen Dynamik ...

1843 rollte der erste Eisenbahnzug von Hannover nach Lehrte. 1846 baute die Hanomag ihre erste Lokomotive. Sie hieß übrigens „Ernst August“. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts stand dann ganz im Zeichen der Industrialisierung.

Davon sieht man im Geschichtsfries aber nichts?

Nein. Ausgelassen wurde auch die Annektierung Hannovers durch Preussen im Jahr 1866. Das war 1913 nicht opportun. Schließlich war Hannover nun Hauptstadt der preußischen Provinz Hannover. Die Welfentreuen haderten damit, aber die Stadt erlebte einen gewaltigen Aufschwung. 1873 wurde Hannover Großstadt mit 100 000 Einwohnern. 1912 lebten 313 400 Menschen in der vergrößerten Stadt.

Das letzte Teilstück des Frieses hätte die Einweihung des Neuen Rathauses 1913 in Anwesenheit von Kaiser Wilhelm II . darstellen sollen. Aber dazu kam es nicht mehr.

Richtig, dieses Feld ist leer geblieben. Erst war seine Majestät dem Rathaus nicht zufrieden, dann kam der erste Weltkrieg. 1918 war es aus mit dem Kaiserreich. Auch in Hannover brach ein neues Zeitalter an.

Interview: Michael Krische

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