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Vollzeitmütter in Erklärungsnot

Familie Vollzeitmütter in Erklärungsnot

Früher wurden manche Mütter beschimpft, wenn sie arbeiten gingen. Heute ist es oft umgekehrt. Vollzeitmütter, die daheim bleiben, müssen sich rechtfertigen. Eine junge Frau aus Brandenburg kämpft dagegen an.

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Helena von Hutten widmet sich voll und ganz ihren Kindern.

Quelle: Bernd Settnik

Wustermark. Die siebenjährige Clementine klettert auf einen Baum, am Ast neben ihr klammert sich ihre Schwester Johanna fest. Mutter Helena schaut dem Treiben im frühlingshaften Garten zu, das dritte Töchterchen Esther auf dem Arm.

Ein normaler Nachmittag im Haushalt der Familie von Hutten im brandenburgischen Wustermark. Während andere Kinder noch in Schule und Kita sind, genießen die Mädchen die Stunden zu Hause.

Die Familie lebt ein Modell, wie es zwischen 1960 und Mitte der 1990er Jahre vor allem in Westdeutschland selbstverständlich war: Der Mann verdient das Geld, die Frau kümmert sich um die Kinder. Doch während arbeitende Mütter als "Rabenmütter" beschimpft wurden, müssen sich heute auch Frauen, die zu Hause bleiben, Kritik gefallen lassen.

In Zeiten, in denen die Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) kurz nach der Geburt wieder am Schreibtisch sitzt, stehen manche Mütter unter Rechtfertigungsdruck. "Andere Mütter werfen mir vor, altmodisch und unemanzipiert zu sein", sagt von Hutten. Sie will ihren Kindern Geborgenheit, Ruhe und einen Rhythmus im Leben geben. Auch Fahrlässigkeit in Sachen Bildung sei ihr attestiert worden, weil sie die Mädchen erst mit drei in die Kita brachte. 

Als die Sticheleien zunahmen, verteidigte sie ihr Modell in einem

offenen Brief im Internet. Jetzt arbeitet sie mit einer Pädagogin an einem Buch. "Wir wollen gehört werden und Frauen ermutigen, selbstbestimmt zu leben", sagt von Hutten.

Die 30-Jährige will, dass mehr Frauen die Chance haben, sich für ein Leben als Vollzeitmutter zu entscheiden. "Kitaplätze werden mit 1000 Euro monatlich subventioniert. Wer zu Hause bleibt, bekommt in den meisten Bundesländern nicht einmal mehr Betreuungsgeld", ärgert sich von Hutten. Sie habe auch nichts dagegen, wenn Väter zu Hause blieben - Hauptsache, ein Elternteil sei für die Kinder da.

Gerade erst haben die Schriftstellerinnen Alina Bronsky und Denise Wilk in ihrem Buch "Die Abschaffung der Mütter" eine mangelnde Wertschätzung der Mutterschaft thematisiert. "Sich Hausfrau zu nennen, ist heute schon etwas Revolutionäres", sagt die vierfache Mutter Bronsky. Alle seien hypnotisiert von der Norm der Super-Mama, die Beruf und Kinder unter einen Hut bringe. "Wer sich für ein anderes Modell entscheidet, lebt fast schon in einer Tabuzone."

Der "Spiegel" schreibt gar von einem Comeback der Hausfrau. Doch das traditionelle Modell wird seltener. Brachten 1996 bundesweit noch in 40 Prozent der Familien mit mindestens einem minderjährigen Kind nur die Väter das Geld nach Hause, war dies laut Statistischem Bundesamt 2014 nur noch in 29 Prozent der Familien der Fall.

Und längst nicht immer sei es auch das Modell der Wahl, sagt Sabine Diabaté vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung: "Frauen, die sich bewusst für die Rolle als Hausfrau entscheiden, sind eher in der Minderheit", sagt die Expertin. "Von einer Renaissance der Hausfrau kann man überhaupt nicht sprechen."

Die Münchner Soziologin Paula-Irene Villa beobachtet vor allem eine stärkere mediale Präsenz dieser Mütter: Einige Jahre habe die Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Mittelpunkt gestanden. "Jetzt werden Frauen sichtbarer, die sagen, "Wir möchten gern zu Hause bleiben". Das Ganze wird auch hochgejazzt. Viele denken, sie müssten jetzt einen Blog oder ein Buch schreiben", sagt Villa. Seit es viele verschiedene Familienmodelle gebe, spürten viele Frauen den Druck, sich erklären zu müssen. "Das ist ein ganz normaler Vorgang. Die Frauen nehmen Kritik von außen nur unterschiedlich wahr. Einige Mütter leiden, andere nicht."

Laut Diabaté wird das traditionelle Modell hauptsächlich im ersten Jahr nach einer Geburt gelebt und in Westdeutschland oft noch bis zum Kindergartenalter. "Danach wollen die meisten zurück in den Beruf." Am weitesten verbreitet sei das Hinzuverdienermodell, bei dem der Mann Vollzeit und die Frau Teilzeit arbeite.

Als von Hutten ihr erstes Kind bekam, legte sie ihr Psychologie-Studium auf Eis. "Es war klar, dass jetzt die Familie dran ist", sagt sie. Ihr Mann habe bereits im Berufsleben gestanden. Die Frauen-Finanzexpertin und Autorin Helma Sick ("Ein Mann ist keine Altersvorsorge") warnt allerdings: "Eine Frau, die viele Jahre nicht berufstätig ist, geht ein hohes Risiko ein. Sie verliert ihre berufliche Qualifikation, hat im Alter kaum Rente, ist also lebenslang von den Einkünften ihres Ehemannes abhängig."

Noch schlimmer sei es, wenn es zu einer Scheidung komme, was heute bei jeder dritten Ehe der Fall sei. Eine Frau bekomme keinen Unterhalt, wenn keine Kinder unter drei Jahren zu versorgen seien. "Und sie wird in der Regel eine Rente haben, von der sie nicht leben kann", sagt Sick.

"Ich weiß, dass das Risiko da ist", sagt von Hutten. "Wir haben aber nicht vor, uns zu trennen." Sobald die Kinder aus dem Gröbsten heraus sind, wolle sie sich beruflich engagieren. Sie sei optimistisch und habe keine enormen Zukunftsängste. Im Gegenteil: Die Familienplanung ist noch nicht abgeschlossen.

dpa

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