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Noten entscheiden die Zukunft!

In der 4. Klasse Noten entscheiden die Zukunft!

Echte Noten und falscher Ehrgeiz: Gute Freunde trennt die Schulempfehlung. Der Leistungsdruck beginnt spätestens in der 4. Klasse.

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Liv und Julia helfen sich beim Lernen.

Quelle: Rainer Surrey

Ein Satz, der Generationen von Erstklässlern mit auf den Weg gegeben wurde, lautet: „Jetzt beginnt der Ernst des Lebens.“ Und in gewisser Weise stimmt das auch. Zwar herrscht in Klasse 1 und 2 meist das spielerische Lernen vor; Noten gibt es noch nicht, nur individuelle, schriftliche Beurteilungen. Aber spätestens von Klasse 3 an wird es ernst für die Kinder.

Vor allem seit Schullaufbahnempfehlungen und „Kopfnoten“ verteilt sowie Vergleichsarbeiten geschrieben werden, beginnt im zweiten Halbjahr der dritten Klasse der Leistungsdruck. „Die Frage der Schullaufbahnempfehlung spukt schnell im Hinterkopf der Eltern. Und die Kinder wissen, dass von ihnen eine Gymnasialempfehlung erwartet wird“, sagt Felizitas Teske, Schulleiterin der Bonifatius-Grundschule in der List, „eine Realschulempfehlung empfinden nicht wenige leider als Makel.“

Sabine Hedderich vom Arbeitskreis Grundschule des Stadtelternrates bestätigt dies: „Die Gesamtschule wäre für viele eine Alternative zum Gymnasium. Weil es aber zu wenig Gesamtschulplätze gibt, üben viele Eltern Druck aus, weil sie verständlicherweise eine Gymnasialempfehlung für ihr Kind anstreben.“ Verdenken kann Sabine Hedderich dieses Verhalten den Eltern nicht. Es gelte der freie Elternwille, und jeder wolle die optimalen Bildungschancen für sein Kind erreichen. Da schlössen viele Eltern zumindest die Hauptschule wegen ihres schlechten Rufs aus, sagt die dreifache Mutter – was nachvollziehbar sei.

Felizitas Teske und ihre Kollegen bedauern dies. „Leider meinen viele Eltern, wenn sie sagen, sie wollen die beste Schule für ihr Kind, nur das Gymnasium. Aber man muss deutlich sagen: Nicht jedes Kind hat unbegrenzte intellektuelle Fähigkeiten und ist für das Gymnasium geeignet.“ Andererseits ist auch das Scheitern dort trotz anderslautender Empfehlung nicht programmiert: Nicht wenige Jugendliche legen ihr Abitur ab, obwohl die Prognosen zur Kinderzeit dies nicht vermuten ließen.

Felizitas Teske fordert deshalb wie viele Kollegen eine längere gemeinsame Grundschulzeit. Zwar zeigten die fünf Jahre seit Einführung der Schullaufbahnempfehlung nach Klasse 4, dass man die Viertklässler durchaus treffsicher und realistisch einschätzen könne, dennoch „wünscht man den Kindern mehr Zeit“. Schließlich liege vor ihnen noch enormes Entwicklungspotenzial: „Wir haben nicht nur einen Bildungs-, sondern auch einen Erziehungsauftrag.“

Doch die Realität sieht anders aus: Mit dem Halbjahreszeugnis der vierten Klasse geben die Lehrer eine erste Trendempfehlung ab, die Kindern und Eltern die Richtung weist. Im Januar werden dann Beratungsgespräche mit Eltern und Kindern geführt. Die Empfehlungen basieren vor allem auf den Leistungen der Kernfächer Deutsch, Mathe und Sachunterricht.

Für eine Gymnasialempfehlung sollten alle Fächer mit Zwei bewertet worden sein, Ausnahme ist eine Drei.
Eine wichtige Rolle spielen die „Kopfnoten“, die das Arbeits- und Sozialverhalten beurteilen. Dessen Entwicklung dokumentieren zwei Lehrkräfte über die Grundschuljahre hinweg in Beobachtungsbögen. Vor allem das Arbeitsverhalten beeinflusst die Empfehlung; „natürlich gibt es Ausnahmen, wenn jemand ohne Fleiß hervorragende Ergebnisse erzielt“, sagt Felizitas Teske.

An der katholischen Bonifatius-Schule, die laut Schulleiterin „eher die bildungsbeflisseneren Kinder“ besuchen, wurden im Vorjahr knapp 60 Prozent Gymnasialempfehlungen ausgesprochen, etwa 30 Prozent für die Realschule, rund 14 Prozent für die Hauptschule. Dass Eltern sich über eine Empfehlung hinwegsetzen, erlebt die erfahrene Pädagogin oft.

Der klassische Satz der Eltern laute in solchen Fällen: „Wir probieren es erst einmal auf dem Gymnasium“, erzählt Felizitas Teske. Auch wenn es manche Kinder schaffen würden, sieht sie doch in erster Linie Probleme. „Die Kinder erleben dort schnell Frust und verlieren so ihre Motivation.“ Durch das Abitur nach zwölf Jahren und große Klassen sei die Umstellung selbst für Kinder mit entsprechender Empfehlung schwer.

Auch Hermann Städtler, Rektor der Fridtjof-Nansen-Grundschule in Vahrenheide, kennt den Ehrgeiz der Eltern und rät ihnen, ihr Kind auf die Schule zu schicken, die es schaffen kann: „Nach oben ist der Weg nie versperrt.“

von Julia Pennigsdorf

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