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Freies Spiel ist Trumpf

Verschulung der Kindergärten? Freies Spiel ist Trumpf

Im Kindergarten sollen die Kinder auf die Grundschule vorbereitet werden. Nicht alle Kitas machen den Trend zur Verschulung mit. Insbesondere Elterninitiativen orientieren sich am Leitbild des freien Spiels.

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Freies Spielen gehört zum Programm vieler Kindergärten.

Quelle: Martin Steiner

Mit einem dicken Buntstift malt Meysan Buchstaben aufs Papier – das ganze Alphabet. „Das habe ich bei Mama gelernt“, sagt der Fünfjährige. In seiner Kindertagesstätte wird auf vorschulische Erziehung nicht allzu viel Wert gelegt. „Wir lassen den Kindern viel Zeit zum freien Spielen“, sagt Sevgül Kurt, Sozialassistentin in der Nordstädter Kindertagesstätte „Rabauken“. Die Kinder gucken voneinander ab und lernen von den Älteren, etwa wie man sich die Schuhe zubindet oder mit einer Schere umgeht. Doch Meysan hat kein kindliches Vorbild, zusammen mit zwei weiteren Kindern gehört er in der zehnköpfigen Gruppe zu den Ältesten.

Die schleichende Verschulung, die in Kindergärten um sich greift, wollen einige Kitas nicht mitmachen. Insbesondere Elterninitiativen orientieren sich am Leitbild des selbstständigen Dauerspielens, bei dem die Kinder schon irgendwie auf die Grundschule vorbereitet werden. „Es bedarf keiner Förderprogramme, die individuelle Förderung muss im Kindergartenalltag verankert werden“, sagt Ute Dalluhn, Geschäftsführerin der Kinderladeninitiative Hannover.

Einen wöchentlichen Stundenplan für die Fünf- bis Sechsjährigen, der an festen Tagen Musikunterricht, Bewegungs- oder Sprachförderung vorsieht, lehnt sie ab. Die Erzieher müssten vielmehr auf die „Impulse der Kinder reagieren“: Wenn ein Fünfjähriger Steinchen zählt, sich also spontan für Mathematik interessiert, sollte eine Erzieherin bereitstehen und dem Kind Mengenlehre nahebringen. Schlägt ein anderes Kind rhythmisch auf Holzstöcken herum, erwacht also sein musikalisches Empfinden, sollte eine Erzieherin mit dem Kind erste Schritte in die Welt der kontrollierten Töne unternehmen. „Das setzt einen wachen Blick und überschaubare Gruppen voraus“, sagt Dalluhn. Drei Erzieherinnen sollten sich um 20 Kinder kümmern.

Doch ein solches Verhältnis bleibt ein frommer Wunsch. Meist kümmern sich zwei Erzieher um 25 Kinder, auch in den Elterninitiativen. Daher bleibt den Kitas aus organisatorischen Gründen oft nichts anderes übrig, als einen wöchentlichen Unterrichtsplan anzubieten. „Eine Regelmäßigkeit des Angebots gibt Kindern und Erziehern ein Gerüst“, sagt Petra Scholl, Leiterin der Kita „Pusteblume“. Fast jeden Tag in der Woche bietet sie den 20 Kindern eine Förderstunde an, sei es Sport, Englisch oder Musik. In diesem vorschulischen Rahmen bleibe genug Zeit zum freien Spiel, sagt Scholl.

Eine angemessene Vorbereitung auf die Schule ohne festen Stundenplan, wie sie Dalluhn fordert, scheint nur in kleinen Einrichtungen möglich zu sein. „Wir schauen genau hin, was die Kinder machen. Und wenn ein Vierjähriger Buchstaben entziffern will, dann üben wir das mit ihm“, sagt Elke Schmidt-Saß, Leiterin der Elterninitiative „Maulwürfe“. Etwaige Bedenken, dass Kinder in diesem Alter noch nicht lesen lernen dürften, verweist die engagierte Erzieherin ins Reich pädagogischer Ideologie. Erlaubt ist, was dem Kind guttut, sagt sie.

Bei den Nordstädter „Rabauken“ macht man sich um Vorschule weniger Gedanken. Einmal pro Woche gehen die Kinder in die Turnhalle der nahe gelegenen Bürgerschule und toben sich aus, auch in die Nordstadtbibliothek verschlägt es die Gruppe regelmäßig. Ihre ersten Schreibversuche machen Meysan und seine Freunde aber meist zu Hause.

Andreas Schinkel


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