Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -6 ° heiter

Navigation:
„Wichtig ist, dass wir jetzt endlich handeln"
Mitten im Leben

Petra Wontorra im Interview „Wichtig ist, dass wir jetzt endlich handeln"

Petra Wontorra, Niedersächsische Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen, spricht im Interview mit dem Magazin "Mitten im Leben" über das Recht jedes Menschen auf Teilhabe.

Petra Wontorra, Niedersächsische Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen

Sie sind jetzt seit fast zwei Jahren Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen in Niedersachsen. Wie sieht Ihre bisherige Bilanz aus?

Die Prozesse auf Landesebene dauern lange. Wenn man kommunal arbeitet, gehen die Dinge schneller. Ich hätte mir beispielsweise niemals vorstellen können, dass unserAktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Niedersachsen so lange braucht, bis er das Licht der Welt erblickt. Der erste Aktionsplan für die Jahre 2017 und 2018 wird im Dezember im Kabinett beschlossen und Ende Januar veröffentlicht werden.

Was werden die Inhalte sein?

Die Fachkommission Inklusion hatte im Dezember 2014 einen Bericht vorgelegt, in dem Menschen mit Behinderungen aufgezeigt haben, was es braucht, um die Teilhabe für alle Menschen mit Behinderungen in Niedersachsen zu verbessern. Der Bericht ist eine Art Kompass, welche Entscheidungen anders gefällt werden und wo Menschen mit Behinderungen mehr mit einbezogen werden müssen. Es geht um mehr barrierefreien Wohnraum und um die Selbstvertretung. Sie sollen verstärkt in Gremien eingebunden werden. Wichtig ist, dass wir jetzt endlich handeln und den Aktionsplan vorlegen. Wobei klar ist: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel! Der dann folgende Aktionsplan muss sofort in Angriff genommen werden.

Die Politik kann ja nur die Rahmenbedingungen schaffen. Die meisten Menschen mit Behinderung werden nach wie vor durch Verbände vertreten, die als eher konservativ gelten. Ziehen die so mit, wie sie mitziehen sollten?

Ob die mitziehen, wird sich zeigen. Deshalb ist es wichtig, dass Menschen mit Behinderungen selbst aktiv werden, ihre Interessen selbst vertreten und dies nicht nur anderen überlassen. Jahrelang haben wir ein Fürsorgesystem gefördert, mit den Verbänden in einer entscheidenden Rolle, die auch die Infrastruktur zur Verfügung gestellt haben. Es ist ein großer Umbruch, wenn wir jetzt sagen, jeder Mensch soll selbst entscheiden, wo er wohnt, wo er arbeitet und wie er seine Freizeit verbringt. So etwas kann man nicht in ein, zwei Jahren komplett umsetzen. Aber den menschenrechtlichen Ansatz aus der Behindertenrechtskonvention von 2009 müssen wir umsetzen, auch wenn es länger dauert. Das bedeutet, wir müssen allen Menschen die uneingeschränkte Teilhabe an allen Aktivitäten und in allen Lebensbereichen ermöglichen.

Wir leben in einem reichen Land, das sich Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen leistet. Mit der Folge, dass sie im alltäglichen Bild unserer Gesellschaft nach wie vor kaum zu sehen sind. Wie kommt das?

Wir haben noch zu viele Sondereinrichtungen. Durch die Änderungen des Schulgesetzes ist es ja so, dass man nicht mehr nur im Kindergarten miteinander groß wird. Auch in den Schulen zieht inzwischen ein inklusiver Alltag ein. Der Fußballspieler Steven Cherundolo, der in Kalifornien zur Schule gegangen ist, hat mal bei einer Podiumsdiskussion etwas ganz Wichtiges und Richtiges gesagt. Auf die Frage, wie er es empfunden hat, zusammen mit Kindern mit Behinderungen in die Schule zu gehen, meinte er, er könne diese Frage nicht beantworten, weil er diesen Zusammenhang nie infrage gestellt habe – es sei einfach so gewesen. Bis wir so weit sind, brauchen wir noch viele Veränderungen. Wir brauchen Zeit und den Willen, es auch wirklich zu tun.

Die Idee der Inklusion ist für ihn selbstverständlich: Der ehemalige 96-Profi und jetzige 96-Jugend-Trainer Steven Cherundolo hat in seiner USHeimat eine entsprechende Schule besucht.
Die Idee der Inklusion ist für ihn selbstverständlich: Der ehemalige 96-Profi und jetzige 96-Jugend-Trainer Steven Cherundolo hat in seiner USHeimat eine entsprechende Schule besucht.

Aber in der Praxis sieht es mit der Inklusion doch häufig anders aus, einfach weil das Geld fehlt?

Ich glaube, dass genügend Geld vorhanden ist, es müsste nur anders verteilt werden. Man hätte viel früher damit anfangen müssen, die Dinge vorzubereiten. 2009 hat Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention anerkannt – das ist ja schon eine ganze Weile her. Offenbar hat aber damals niemand so richtig erkannt, was nötig sein wird. Erst jetzt sind wir auf dem Weg, das Recht jedes Menschen auf Teilhabe, auf Partizipation, umzusetzen. Ich weise oft darauf hin, dass Menschen mit Behinderungen Vorreiter für viele Entwicklungen gewesen sind, die heute als selbstverständlich angesehen werden. Wenn ich heute mit einem Rollenkoffer reise und am Bahnhof einen Fahrstuhl benutze, überlegt sich wahrscheinlich keiner mehr, warum es diese Fahr-stühle gibt. Das war ein Verdienst behinderter Menschen, die gesagt haben: Wir brauchen die gleichen Mobilitätsmöglichkeiten wie andere Menschen auch. Heute schimpfen viele, wenn man zwei, drei Stufen in die Straßenbahn hochsteigen muss oder mit einem Kinderwagen an einer Station steht, die noch nicht barrierefrei ist. Es zeigt sich, dass Barrierefreiheit von 10 Prozent der Bevölkerung zwingend benötigt wird, für 30 bis 40 Prozent erforderlich ist, aber für 100 Prozent komfortabel ist.

Ist Barrierefreiheit auch manch-mal eine Frage des Geldes?

Einfamilienhäuser baut man heute immer noch mit dieser berühmten einen Stufe am Eingang. Da frage ich, warum eigentlich? Das ist jedenfalls keine Frage des Geldes! Es gibt immer alternative Möglichkeiten, und es klappt umso besser, wenn die Betroffenen von Anfang an mit entscheiden.

Bei neuen Wohnprojekten wird heute aber ganz oft barrierefrei gebaut.

Davon geht jeder aus. Allerdings weiß ich, dass es nicht immer so ist. Die Bauordnung lässt viel zu viele Ausnahmen zu, und Menschen mit Behinderungen berichten, dass die Bauaufsicht kaum kontrollieren würde. Viele Menschen mit Behinderungen kommen beispielsweise nicht auf den Balkon, weil es dort immer noch eine Stufe gibt.

Wie sieht es mit den Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt aus?

Wir brauchen hier viel mehr Arbeitgeber, die sich trauen. Es gibt Unterstützungsmöglichkeiten, aber viele Hürden der Bürokratie werden offenbar als sehr undurchsichtig empfunden. Neben der Frage, wie man überhaupt einen Mitarbeiter mit Behinderungen für einen Arbeitsplatz findet, steht auch die Frage, wer die bürokratische Seite erledigt, die ja erst einmal Mehrarbeit bedeutet. Da fehlt es einfach an Vermittlern. Es gibt diejenigen, die arbeiten wollen, und diejenigen, die diese Arbeit anbieten, und trotzdem kommen beide Personengruppen nicht zueinander. Man kann ja schon jetzt in Niedersachsen mit dem Budget für Arbeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt unterstützt arbeiten, aber viele trauen sich das als Arbeitnehmer nicht zu, und auch Arbeitgeber scheuen vor offensichtlichen Hürden zurück. Hier könnte man zumindest in Modellregionen Budgetbüros einrichten und so eine Win-win-Situation schaffen. Die Verwaltung von Budgets ist eine Zusatzaufgabe, von der die Betroffenen, die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen sowie die Arbeitgeber entlastet werden sollten. Dazu sollten Budgetbüros eingerichtet werden. In diesen könnten geschulte Menschen – mit Behinderungen – die Anträge und Abrechnungen übernehmen.

Warum gibt es am geplanten Bundesteilhabegesetz sehr viel Kritik, vor allem von den Verbänden, die mit geistig be-hinderten Menschen arbeiten?

Es gibt gute Ansätze im Gesetzentwurf wie eine unabhängige Beratung. Auch die Anhebung der Einkommensgrenzen ist ein richtiger Schritt. Eine Verschlechterung droht ganz klar im Bereich „5 aus 9“(*), das ist in meinen Augen willkürlich festgelegt worden. Notwendige Hilfen muss nach meiner Ansicht auch derjenige bekommen, der nur in einem dieser Bereiche beeinträchtigt ist. Die vorgesehene Nachrangigkeit der Eingliederungshilfe gegenüber der Pflegeversicherung ist nicht nachvollziehbar. Auch unterschiedliche Leistungsansprüche nach Alter sieht die Behindertenrechtskonvention nicht vor. Ich appelliere da an die Vernunft. Menschen, die das heute entscheiden, könnten schon morgen selbst Betroffene sein.

Zur Person

Petra Wontorra wurde 1959 geboren. Sie hat zwei erwachsene Kinder und ist verwitwet. Die 57-Jährige ist auf den Rollstuhl angewiesen. Nach dem Abitur absolvierte sie eine Lehre als Werbekauffrau und war später einige Jahre Teilprokuristin im elterlichen Betrieb. Danach arbeitete sie im Team Bürgerhaus Oslebshausen e.V. 18 Jahre lang als Assistentin der Geschäftsleitung mit. In der Behindertenbewegung hat sich Petra Wontorra unter anderem als stellvertretende Vorsitzende von SelbstBestimmt Leben e. V. Bremen engagiert. In ihrer Funktion als Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen arbeitet sie unabhängig und ressortübergreifend.