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Die ungeliebte Schulform

Die Hauptschule Die ungeliebte Schulform

Weil immer weniger Jugendliche eine Hauptschule besuchen, wird es sie in Niedersachsen vielleicht bald nicht mehr geben.

Mit der Verdauung ist das so eine Sache. Was kommt oben rein, wie wird es verarbeitet und vor allem: Was kommt unten wieder raus? Selin Kilinc und Kübra Erdogan grübeln gemeinsam mit 17 Mitschülern der 6b an der Hauptschule Badenstedt angestrengt über ihrem Text. Die Jugendlichen sollen mit eigenen Worten beschreiben, was im Zwölffingerdarm geschieht. Sie diskutieren in Zweiergruppen, es ist etwas chaotisch, doch die überschaubare Schülerzahl macht das Arbeiten angenehm.

Kleine Klassen sind ein großer Vorteil, um den im Stadtgebiet Hannover acht reine und drei kombinierte Hauptschulen wissen. Es ist der einzige Vorteil, den die etwa 2700 Hauptschüler in diesem Schuljahr gegenüber anderen Schularten haben – noch. Denn möglicherweise wird es die Hauptschule bald nicht mehr geben: Nach Angaben des niedersächsischen Kultusministeriums sinkt die Zahl der Hauptschüler kontinuierlich; im Schuljahr 2002/2003 waren es noch 3200 Schüler.

Dieser Rückgang kommt für die kommissarische Schulleiterin der Hauptschule Badenstedt, Karin Haller, nicht überraschend. „Natürlich wollen Eltern die bestmöglichste Schulbildung für ihr Kind und die Unternehmen nur Jugendliche, die zumindest einen Realschulabschluss haben. Die Hauptschule kann da nur verlieren.“

Einen weiteren Grund für das „Aussterben“ der Schulform sieht die 54-Jährige im freien Elternwillen. Kinder mit einer Hauptschulempfehlung können in Niedersachsen auf ein Gymnasium gehen, wenn es die Eltern wollen – im Gegensatz zu Bayern oder Baden-Württemberg, sagt Haller: „Oftmals kommen Kinder zu uns, die es an einer höheren Schule nicht geschafft haben. Frust und das Gefühl, versagt zu haben, sind dann ein ständiger Begleiter.“

Trotz der sinkenden Schülerzahlen und des schlechten Rufs hält die Landesregierung aber am dreigliedrigen Schulsystem fest: „Dazu gehören auch die Hauptschulen, die in den vergangenen Jahren gestärkt wurden, indem die Schüler gründlicher auf die Berufswelt vorbereitet werden“, sagt Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann.

Die Stadt Hannover jedoch hat wegen der sinkenden Schülerzahlen beschlossen, zum Schuljahr 2009/2010 vier Hauptschulen und vier Realschulen miteinander zu verschmelzen. Auch das Schulzentrum Badenstedt ist ein Kandidat für eine Zusammenlegung. Haller und ihr Kollegium begrüßen die Entscheidung, plädieren aber dafür, die Schule organisatorisch und integrativ zusammenzuschließen. „Wir glauben, dass eine Integrative Gesamtschule die beste Lösung ist, weil schwache Schüler nicht mehr nur unter sich sind und besser gefördert werden können“, sagt Haller, deren Schule in diesem Schuljahr 35 Fünftklässler aufnahm. Zudem hat eine Befragung der Stadtverwaltung unter Eltern von Grundschülern im Oktober ergeben, dass sich stadtweit 44 Prozent der Eltern für die Integrierte Gesamtschule (IGS) aussprechen. In den westlichen Stadtteilen, wozu Badenstedt gehört, waren es sogar knapp die Hälfte.

In dieser Woche erfolgen nun konkrete Gespräche mit Eltern und Schülern des Stadtteils. Gute Voraussetzungen, sich in eine IGS zu wandeln, hat die Hauptschule Badenstedt jedenfalls: Seit 1994 läuft ein Ganztagesbetrieb; in der Mensa bekommen die Schüler ein warmes Mittagessen oder können sich an der Tischtennisplatte, am Billard- oder Krökeltisch austoben. Zwei Schulpädagogen stehen Schülern und Lehrern beratend zur Seite, seit 2001 gibt es auch eine Schülerberaterin für den Übergang von der Schule zum Beruf.

An diesen Angeboten würde sich nichts ändern, dafür wird künftig aber die gezielte Förderung der Schüler verbessert. Und sicher auch der gesellschaftliche Ruf der Schule.

Nina Lutz

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