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Schullaufbahnempfehlung Falsch beraten

Mit Realschulempfehlung aufs Gymnasium – viele Schüler sind erfolgreich.

"Ich geh’ trotzdem aufs Gymnasium!“, dachte sich Nikita Maslow, als er seine Realschulempfehlung erhielt. Er war sich seiner Entscheidung sicher, obwohl ihm seine Grundschullehrer nach der 4. Klasse anderes geraten hatten. Das ist vier Jahre her; heute geht der 14-Jährige in die Klasse 9b des Gymnasiums Lehrte, und sein Notendurchschnitt von 2,5 ist für ihn der Beweis dafür, dass er die richtige Entscheidung getroffen hat.

Nikita ist kein Einzelfall. „Die meisten Kinder, die trotz einer Realschulempfehlung das Gymnasium besuchen, sind in den ersten Jahren erfolgreich oder nicht wesentlich schlechter als ihre Mitschüler mit Gymnasialempfehlung“, sagt Prof. Joachim Tiedemann von der Leibniz Universität Hannover. Kürzlich legte er mit der Professorin Elfriede Billmann-Mahecha eine Studie über den Schulerfolg von Schülern mit Realschulempfehlung an Gymnasien vor. Dafür werteten die Bildungswissenschaftler die Daten von 64 900 Kindern aus Niedersachsen aus, die zum Schuljahr 2004/2005 auf eine weiterführende Schule gewechselt sind. Resultat: Zwei Jahre nach dem Wechsel aufs Gymnasium schafften zwei Drittel der Kinder mit Realschulempfehlung die Versetzung in die 7. Klasse – ohne Sitzenbleiben.

Bei Nikita waren es mangelnde Deutschkenntnisse, die zur Realschulempfehlung geführt haben. Wie der junge Russe kam auch seine Mitschülerin Babett Kanalas erst nach der 1. Klasse nach Deutschland. „Ich konnte kein Wort Deutsch sprechen, als ich das erste Mal in eine deutsche Schule kam“, erinnert sich die gebürtige Ungarin. Sie hatte Glück: Eine Grundschullehrerin unterstützte sie beim Erlernen der fremden Sprache. Für eine Gymnasialempfehlung reichte es dennoch nicht, das Mädchen meldete sich bei einer Realschule an. „Da war ich Klassenbeste, und meine Lehrerin riet mir, aufs Gymnasium zu wechseln“, sagt Babett. Was sie im zweiten Halbjahr der 5. Klasse auch tat; auf dem Gymnasium Lehrte will sie ihr Abitur machen.

Bildungsforscher Tiedemann ist zu dem Schluss gekommen, dass die von Lehrern erteilten Schullaufbahnempfehlungen nicht objektiv sein können. „Schulnoten bilden nur den Leistungsstand eines Schülers im Vergleich zu seinen Mitschülern innerhalb derselben Klasse ab“, sagt Tiedemann. Das Klassenniveau sei der Maßstab: Schlechte Karten hätten leistungsschwächere Schüler in einer leistungsstarken Klasse; in anderen – weniger leistungsstarken – Klassen würde deren Leistung womöglich für eine Gymnasialempfehlung reichen. „Deswegen ist es ein Irrglaube anzunehmen, dass das Können der Schüler einer Gymnasialklasse auf einem Level ist.“

In Niedersachsen, wo Schullaufbahnempfehlungen nicht verbindlich sind, komme den Eltern große Verantwortung zu, sagt Tiedemann: „Sie müssen eine Entscheidung treffen, die das Leben ihres Kindes prägt.“ Der Wissenschaftler plädiert für ein offenes, flexibles Schulsystem, in dem solch gravierende Entscheidungen nicht schon im Kindesalter gefällt werden. Denn viele Eltern, die dem Urteil der Lehrer folgen, würden Bildungschancen ihre Kinder vertun.

Joanna Precht, neben Nikita und Babett die dritte Schülerin mit Realschulempfehlung in der Klasse 9b des Gymnasiums Lehrte, ist ihren Eltern dankbar dafür, dass sie sie so „gepuscht“ haben, doch aufs Gymnasium zu gehen. Wegen des Aufmerksamkeits-Defizit-Syndroms ADHS sei sie oft hibbelig gewesen und habe eine Realschulempfehlung erhalten. Mit ihren Eltern beschloss sie aber, bei ihrem damaligen Notendurchschnitt von 2,2 aufs Gymnasium zu gehen. „Ich würde auch anderen empfehlen, es auf dem Gymnasium zu versuchen“, sagt die 14-Jährige heute. Erst dann wisse man, ob man für diese Schulform geeignet ist.

Marina Kormbaki

  • Zum Thema „Schullaufbahnempfehlung“ hat das Kultusministerium ein Faltblatt (für Eltern) und eine Broschüre (für Lehrer) herausgegeben; zu bestellen ist beides telefonisch unter (05 11) 1 20 70 75 oder per E-Mail (bibliothek@mk.niedersachsen.de).
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