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Mit Masterplan zum Lernerfolg

Robert-Bosch-Gesamtschule Hildesheim Mit Masterplan zum Lernerfolg

Die Robert-Bosch-GESAMTSCHULE in Hildesheim wurde zur besten Schule des Landes gekürt – weil sich Engagement und Kontrolle überzeugend zusammenfügen.

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Die Robert-Bosch-Gesamtschule (RBG) ist die beste Schule Deutschlands und wurde von der Bundesbildungsministerin mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet.

Quelle: Christian Werner

Wie lernen Kinder und Jugendliche? Wie motiviert man sie oder nutzt ihre Neugier, um Lernprozesse optimal zu gestalten? Und wie gelingt es, Kindern aus sogenannten bildungsfernen Schichten oder aus Migrantenfamilien zum Abitur zu führen? Diese Fragen werden zurzeit an allen Schulen in Deutschland leidenschaftlich diskutiert.

Die Robert-Bosch-Gesamtschule hat auf die Fragen überzeugende Antworten gefunden – und wurde deshalb 2007 zur besten Schule Deutschlands gekürt. Im Dezember vergangenen Jahres überreichte Bundesbildungsministerin Annette Schavan den mit 50 000 Euro dotierten Deutschen Schulpreis an Schulleiter Wilfried Kretschmer.

Nach einer Erfolgsgeschichte sah der Schulalltag lange Zeit allerdings nicht aus. Die RBG, wie Schüler, Eltern und Lehrer die Einrichtung nennen, hatte viele Jahre einen miserablen Ruf. Waren bei der Gründung der Schule im Jahr 1971 noch 457 Schüler angemeldet, so waren es 1989 nur noch 93. Das Niveau lag unter dem der Hauptschule. Heute liegen die Anmeldezahlen mit 479 Schülern leicht über denen des Gründungsjahres. Zudem haben 45 Prozent der Robert-Bosch-Gesamtschüler eine Gymnasial-, 35 Prozent eine Realschul- und 20 Prozent eine Hauptschulempfehlung. Das entspräche dem repräsentativen Schnitt Hildesheims, betont Schulleiter Kretschmer. Zurzeit sind es 1360 Schüler, die die RBG von Klasse 5 bis 13 besuchen, 106 Lehrer unterrichten dort. 40 Prozent der Jugendlichen verlassen die Schule mit dem Abitur in der Tasche.

Die Rahmenbedingungen, unter denen die RBG als eine der ersten Gesamtschulen in Niedersachsen an den Start ging, waren von Anfang an schwierig. Der graue Betonbau liegt in einem problematischen Stadtteil Hildesheims, das Lehrerkollegium war Ende der achtziger Jahre völlig zerstritten. Aber es scheint, als habe die Schule gerade diese schwere Krise als Kehrtwende zu nutzen gewusst.

Anfang der neunziger Jahre begannen die Lehrer, die Ärmel hochzukrempeln. „Das war zunächst ein wilder Flickenteppich voller kreativer Ansätze“, erinnert sich Kretschmer, der seit sieben Jahren im fünfköpfigen Schulleiterteam mitarbeitet und zehn Jahre zuvor die gymnasiale Oberstufe leitete. 2002 begannen die Lehrer dann, Schwerpunkte bei ihrer pädagogischen Kreativität zu setzen. „Wir haben Baustellen geschlossen, andere Ideen in Schulprogramm und Lehrplan festgezurrt“, sagt Kretschmer.

Was aber ist anders an der Robert-Bosch-Gesamtschule als an vielen anderen Schulen? Es gibt keinen Gong, dafür sind viele Uhren im Schulgebäude verteilt, sodass alle pünktlich kommen. Niemand bleibt sitzen, und die Fächer werden grundsätzlich in Doppelstunden gegeben. Zwei Lehrer unterrichten eine Klasse, jeweils ein Mann und eine Frau. Vier Wochen vor den Sommerferien fahren die Leiter der Jahrgänge gemeinsam weg, um die Jahresarbeitspläne zu erarbeiten, stofflichen Ballast durch fächerübergreifende Zusammenarbeit abzuwerfen und das zurückliegende Schuljahr aufzuarbeiten. Fazit der letzten Runde: Förderkonzepte und soziales Lernen müssten intensiviert werden.

Außerdem behalten die Hildesheimer Schüler drei Jahre denselben Klassenlehrer, dann kommt ein neuer, wieder für drei Jahre. Dieser Bruch wird bewusst herbeigeführt: „Nicht jeder Lehrer ist gleich gut“, sagt Kretschmer. Fachunterricht, Projektarbeit sowie Forschungs- und Arbeitstreffen finden an der RBG, die 2007 bereits vom Bundespräsidenten als eine der besten zehn Ganztagsschulen bundesweit geehrt wurde, im Wechsel von 8 bis 16.15 Uhr statt.

Dazwischen, von 13.15 bis 14 Uhr, gibt es eine Pause und ein warmes Mittagessen für die Jugendlichen. „Bei uns gestalten jede Woche 200 Eltern den Schulalltag aktiv mit“, sagt Kretschmer zur Personalfrage. Die freiwilligen Helfer werden fortgebildet und bringen sich dann ein – sie backen und töpfern mit den Schülern, spielen Theater, pflegen den jüdischen Friedhof und besuchen mit den Jugendlichen Altenheime, Kindergärten oder das städtische Tierheim.

Aber Projekte allein schreiben noch keine Erfolgsgeschichte, und auch an anderen Schulen gibt es Unterricht jenseits des 45-Minuten-Taktes. Worin liegt das Geheimnis? Vielleicht ist es der schuleigene Masterplan, ein strategisches Instrument, das man sonst aus Politik oder Wirtschaft kennt. „Darauf sind wir sehr stolz, vor allem, weil wir uns tatsächlich daran halten“, sagt Kretschmer lachend.

Weil den Lehrern die ständige methodisch-didaktische Unterrichtsverbesserung am Herzen liege, schrecke sie auch Kontrolle nicht, sagt der Schulleiter. So besuchen sich die Fachlehrer innerhalb eines Schuljahres drei bis fünf Monate lang gegenseitig im Unterricht, um sich anschließend auszutauschen. Was läuft gut, was kann ich besser machen? Für Kretschmer ist die Umsetzung pädagogischer Ideen und auch eine gewisse Kontrolle ein wichtiges Element auf dem Weg zum Erfolg: „Schulen leiden oft darunter“, sagt er deutlich, „dass sie Orte organisierter Unverbindlichkeit sind.“

Der Deutsche Schulpreis wird von der Robert-Bosch- und der Heidehofstiftung sowie vom Magazin „Stern“ und dem ZDF vergeben nach

  • Leistung und Kompetenzen
  • Umgang mit Vielfalt
  • Qualität der Lehr- und Lernmethoden
  • Verantwortung
  • Schulklima u. -leben, außerschul. Partner
  • Schule als lernende Organisation

Julia Pennigsdorf

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