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Die Zukunft rückt näher Ich bin dann mal weg! Bloß wann?

Das Auslandschuljahr Ich bin dann mal weg! Bloß wann?

Bislang gehen viele Gymnasiasten in der 11. Klasse für ein Jahr ins Ausland – mit dem Abitur nach zwölf Jahren wird sich das nicht vereinbaren lassen.

Ein Jahr in den USA oder in Neuseeland: Auslandserfahrung kann man nicht früh genug sammeln, am besten dann, bevor es mit den Abiturprüfungen ernst wird. Nicht wenige Gymnasiasten nutzen die Chance eines Auslandsjahres, das ja vor allem eine Chance für die Sprache ist. Das kann Nora-Milena Vehling vom Kurt-Schwitters-Gymnasium in Misburg bestätigen. Nach einem halben Jahr in Neuseeland sagt die 17-Jährige: „Vorher hatte ich eine Vier minus in Englisch, jetzt kann ich fließend sprechen. Deshalb habe ich von dem Aufenthalt absolut profitiert.“

Bis zur Schulreform 2004 war es üblicherweise die 11. Klasse, in der Gymnasiasten ein Auslandsjahr einlegten – eine Option, die keine großen Probleme verursachte. Weil die 11. Klasse der Vorbereitung auf die Oberstufe diente und erst die Leistungen in den Klassen 12 und 13 über die Abiturnote entschieden.

Mit „G8“, dem achtjährigen Gymnasium und dem Abitur nach zwölf Schuljahren, wird sich dieser Weg ändern. Die Leistungen der Elftklässler zählen künftig zum Abitur, und die Nachweise von ausländischen Schulen können meist nicht angerechnet werden. Das Auslandsjahr wird aus der Oberstufe verdrängt – mögliche Folge: Gymnasiasten legen es bereits in der Mittelstufe ein. Das bestätigt Jonar Reese, Elftklässler an der KGS Hemmingen: „Die jüngeren Schüler spielen früh mit dieser Idee.“ Ein Vorteil wäre die finanzielle Unterstützung mithilfe des Auslands-Bafögs: „Das Gesetz sieht vor, dass bei zwölf Schuljahren ein Auslandsbesuch nur in der 10. Jahrgangsstufe gefördert werden kann“, sagt Charlotte von Buttlar, Referentin im Bundesbildungsministerium.

Wer jedoch in der 10. Klasse ein ganzes Schuljahr im Ausland verbringen will, trifft auf Hürden: Er erreicht keine Versetzung und damit keine Berechtigung zum Oberstufenbesuch – der Schüler müsste das Jahr wiederholen, heißt es im niedersächsischen Kultusministerium. Dennoch gebe es, sagt die stellvertretende Pressesprecherin Corinna Fischer, „weiter viele Möglichkeiten, ins Ausland zu gehen“.

Bloß zu welchem Zeitpunkt? Wer in Klasse 10 oder 11 für ein ganzes Jahr wechselt, entscheidet sich automatisch für ein Abitur nach 13 Jahren. Manche Lehrer raten zum Auslandswechsel gar erst nach dem Abitur. Das Paradoxe: In beiden Fällen nähmen sich die Schüler die Chance, die „G8“ ihnen eröffnen soll – einen frühen Start in den Beruf. Wer andererseits in der Mittelstufe wechselt, ist sehr jung. Was für viele Eltern nicht einfach ist: Doris Vehling, Mutter von Nora-Milena, sagt über den Neuseeland-Aufenthalt: „Anfangs gab es Schwierigkeiten. Die Gasteltern hatten nicht genug Zeit, um meine Tochter in die Familie zu integrieren. Deshalb musste sie in eine andere Familie wechseln.“

Besonders schwer haben es die heutigen Jahrgänge 8 und 9. Ein Auslandsaufenthalt erfordert Planung, nicht selten ein Jahr – doch die Schüler sind verunsichert, jetzt, da sie mit den Vorbereitungen starten könnten. Sie haben keine Vergleichsmöglichkeiten, weil sie als Erste das Turbo-Abitur absolvieren werden. „Viele bezweifeln, dass sie den verdichteten Lehrplan mit einer Auszeit vereinbaren können“, sagt Jonar Reese. Sie fragten sich, ob im „G8“-System der Anschluss nach der Rückkehr aus dem Ausland gut geschafft werden kann.

Laut einer Umfrage auf der Internetseite www.schüleraustausch.de würden 66,7 Prozent der Teilnehmer das Schuljahr aller Wahrscheinlichkeit nach wiederholen, um ihre Abiturnote nicht zu gefährden. Zwar helfen Mitschüler und Lehrer mit und schicken Lernhinweise per E-Mail. Dennoch: „Manche Lehrer verlieren einen“, sagt Nora-Milena Vehling. Das Auslandsjahr – nur noch für überdurchschnittlich gute Schüler? So war die Reform sicher nicht gedacht.

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