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Barrierefreiheit beginnt im Kopf

Gesunde Athleten Barrierefreiheit beginnt im Kopf

Special Olympics: Das Programm Gesunde Athleten setzt auf Selbstbestimmung.

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Eine der anstrengendsten Stationen des Gesundheitsprogramms bei den Special Olympics Düsseldorf 2014 war der Ausdauertest. Roland Ultsch von den Westmittelfränkischen Lebenshilfe Werkstätten hatte mit Physiotherapeutin Julia Königsbrügge von der Physiotherapie-Schule des Universitätsklinikums Düsseldorf aber auch hier viel Spaß.

Quelle: SOD/Tom Gonsior

Hannover. Menschen mit geistiger Behinderung haben ein um 40 Prozent höheres Risiko für zusätzliche gesundheitliche Einschränkungen. Übergewicht, mangelnde Fitness, falsche Ernährung, nicht behandelte Seh- oder Hörminderungen, Fußschäden oder eine schlechte Zahn- und Mundgesundheit werden häufiger bei ihnen festgestellt.

Um sie zielgruppenspezifisch zu beraten und ihnen Untersuchungen zukommen zu lassen, bietet Special Olympics das Gesundheitsförderprogramm Healthy Athletes - Gesunde Athleten an. Auch in Hannover können sich die Sportler bei den Ärzten von Healthy Athletes kostenlos untersuchen und präventiv beraten lassen. Dr. Imke Kaschke, Managerin des Gesundheitsprogramms, erklärt die Bedeutung des Programms.

Frau Kaschke, warum ist das Gesundheitsprogramm so wichtig?

Die Idee, den Special Olympics Athleten kostenlose und umfassende Beratungen und Kontrolluntersuchungen zu ermöglichen, wurde in Deutschland nach amerikanischem Vorbild 2004 eingeführt. Das Programm verfolgt primär zwei Ziele: Zum einen den Athleten gesundheitliche Beratungen zu bieten und notwendige medizinische Behandlungen zu empfehlen, und ihnen zum anderen bewusst zu machen, wie wichtig eine gesunde Lebensweise und Vorsorge für sie ist.

Aber sind nicht Menschen mit Behinderungen ohnehin in enger ärztlicher Betreuung?

Special Olympics ist ein Breitensportangebot, nicht Spitzensport. Und Menschen mit geistiger Behinderung haben oft ein Zugangsproblem zu medizinischer Versorgung. Wir reden immer von Barrierefreiheit, aber bei Menschen mit geistiger Behinderung sind nicht die räumlichen Gegebenheiten das Problem, sondern die Kommunikation: Barrierefreiheit muss im Kopf beginnen, sowohl von den Menschen mit Behinderung aus betrachtet, als auch von den Eltern oder Betreuungspersonen, den Coaches, dem medizinischen Personal und nicht zuletzt den Ärzten. Ich selbst komme aus der Zahnmedizin: In unserer Ausbildung gibt es zum Beispiel nach wie vor keine obligaten Lerninhalte für die besonderen medizinischen Belange von Menschen mit Behinderung.

Was beinhaltet das Programm?

Wir sind in Hannover mit sechs Bereichen vertreten: Wir bieten mit ‚Fitte Füße‘ eine Fußdiagnostik, dazu gibt es einen Fußparcours mit verschiedenen Materialien, die mit den Füßen ertastet werden. Beim Physiotherapieprogramm „Bewegung mit Spaß“ geht es um das physiologische Bewegungsverhalten. Unseren Athleten werden auch Beratungen zur ,Gesunden Lebensweise‘ mit Ernährungstipps angeboten.

Oft gibt es hier große Defizite, viele Teilnehmer haben zum Beispiel durch falsche Ernährung Übergewicht. Aber die Angebote gehen noch weiter, betreffen die gesamte Lebensweise - bis hin zum richtigen Sonnenschutz. Mit Unterstützung von Kind Hörgeräte und Cochlear wird in Hannover das Hörprogramm ,Besser Hören‘ angeboten, bei dem Ohruntersuchungen und Testungen des Hörvermögens erfolgen.

Weltweit fördern der Lions Club, Safilo und Essilor das Augenprogramm ,Besser Sehen‘ , bei dem die Athleten bei Bedarf kostenlos eine Brille bekommen. Bei ,Gesund im Mund‘ , das in Deutschland durch die Wrigley Foundation und die Stiftung Innovative Zahnmedizin e. V. unterstützt wird, bieten wir zahnärztliche Untersuchungen und erklären die richtige Zahnpflege. Dazu wird ein Kariestunnel aufgebaut: Wenn die Teilnehmer durch den Tunnel gehen, können sie dort unter UV-Licht sehen, wo sie nicht ordentlich geputzt haben und noch Zahnbelag haben. Wir verteilen Zahnbürsten und üben die richtige Zahnputztechnik an einem Zahnputzbrunnen.

Wenn die Menschen dann hier perfekt versorgt werden, wie geht es für sie aber weiter?

Ganz neu in Hannover führen wir den Athletengesundheitspass in Leichter Sprache ein. Der funktioniert ähnlich wie ein Impfausweis, in dem alle Untersuchungen künftig eingetragen werden. Durch die Beratung sind die Sportler sensibilisiert, setzen Tipps auch im Alltag um und nehmen notwendige medizinische Weiterbehandlungen am Wohnort wahr. Unser Ziel ist es darüber hinaus, solche Aufklärungs- und Untersuchungskampagnen auch direkt in den Lebenswelten der Menschen auszubauen.

Woher kommen die Mediziner, Physiotherapeuten und anderen Helfer?

Wir rechnen mit mehr als 4000 Untersuchungen und Beratungen, dafür sind zirka 300 Helfer in Hannover vor Ort. Die Angebote werden durch Universitäten, Fach- und Berufsschulen, durch die Ärzte- und Zahnärztekammer Niedersachsen, die Gesundheitsregion Hannover sowie durch niedersächsische Unternehmen der Gesundheitsbranche unterstützt. Alle Ärzte, Zahnärzte, Physiotherapeuten, Optometristen, Hörgeräteakustiker, Podologen, das medizinische Fachpersonal und die Studenten arbeiten ehrenamtlich, sie haben sich extra Urlaub genommen oder ihre Praxis geschlossen, um hier dabei zu sein.

Wo sind die Untersuchungen?

Die zwei Gesundheitszelte mit insgesamt 1400 Quadratmetern sind am Sportpark Hannover neben der HDI-Arena. Eröffnung ist am Dienstag, 7. Juni, um 10 Uhr auf der Bühne in Olympic Town. Die Zelte sind bis Freitag täglich ab zehn Uhr geöffnet, Montag, Dienstag und Mittwoch können sich Athleten bis 18 Uhr untersuchen lassen, Donnerstag ist bis 20 Uhr, Freitag bis 14 Uhr geöffnet.

Gesundheitskompetenzen vermitteln

Das Gesundheitsförderprogramm Healthy Athletes von SOD wird vom Bundesministerium für Gesundheit gefördert. Mit den Angeboten sollen Prävention und Gesundheitsförderung für junge Erwachsene mit geistiger Behinderung insbesondere in ihren Lebenswelten verbessert werden. Special Olympics Niedersachsen ist eines von fünf Projektländern von SOD, die regional diese Angebote aufbauen. Nicht nur im Rahmen der Sportwettbewerbe von Special Olympics, sondern auch in Wohneinrichtungen, Werkstätten und Schulen werden den Teilnehmern Handlungskompetenzen zu Fragen des gesundheitlichen Wohlbefindens vermittelt.

SOD-Familienprogramm

Angehörige von Menschen mit geistiger Behinderung machen sich vor allem Gedanken darüber, wie das Kind später in die Gesellschaft eingebunden werden kann, wie es seine Freizeit gestalten und wo es arbeiten kann. Für interessierte Familien bietet Special Olympics Deutschland eine gute Plattform, um Informationen auszutauschen, sich Unterstützung anzubieten und Freundschaften zu knüpfen. Das ist wichtig, denn oft hat man als Betroffener das Gefühl, sich allein durch alle Hindernisse kämpfen zu müssen. Bei Veranstaltungen von Special Olympics entsteht ein Wir-Gefühl, das in den Alltag weitergetragen werden kann. Dafür wird auf die enge Zusammenarbeit mit Interessenverbänden und Familieninitiativen gebaut. Oft werden Angehörige durch die besondere Stimmung und die vielen positiven Erfahrungen, die ihre Kinder hier sammeln, so mitgetragen, dass sie selbst für die Special Olympics Idee werben.

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