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Gesundheit im Alter Weißt du noch?

Ohne unser Gedächtnis sind wir verloren: Doch worauf unsere Erinnerungen basieren und welche Bedeutung sie im individuellen Erleben spielen – das ist den Menschen nicht bewusst.

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Sich erinnern: Dabei laufen spannende Prozesse ab.

Quelle: iStockphoto.com/GlobalStock

Hannover. Vor gut einem Jahr ist Herma Witte aus dem niedersächsischen Städtchen Seelze über ein Buch gestolpert, in dem ältere Menschen den Enkeln aus ihrem Leben erzählen. Das kann ich auch, dachte sich die heute 72-Jährige. Und dann schrieb sie für ihre Enkeltochter auf, was sie erlebt hat.

Sie schrieb von ihrem Vater, der erst Heizer, später Lokführer bei der Bahn war. Von der Mutter, der beim Hühnerfüttern immer ein vorwitziges Huhn auf den Kopf flatterte. Dass man damals Sonnenbrand mit Mehl bepudert und Milch lose in der Milchkanne gekauft hat. Herma Witte erinnerte sich an tausend Kleinigkeiten, vom Plumpsklo auf dem Hof der Großeltern bis zum ersten Fahrrad, das sie mit 14 bekam.

Das Hirn setzt Bilder wieder zusammen

Der antike Denker Aristoteles hat geglaubt, dass das Gedächtnis des Menschen zusammen mit der Seele im Herzen wohnt. Inzwischen wissen wir: Es wohnt im Gehirn. Aber wenn Herma Witte sich an ihren Vater auf der Lok oder an das Plumpsklo der Großeltern erinnert, dann taucht nicht einfach ein Bild vom Vater oder von einem Häuschen neben dem Schweinestall in ihrem Kopf auf. Was passiert, ist Folgendes: Etliche der 100 Milliarden Nervenzellen in Wittes Gehirn, Neuronen genannt, senden über Botenstoffe elektrische Impulse an benachbarte Zellen. Und zwar in ganz speziellen Folgen und in speziellen Rhythmen, die jeweils für einzelne Aspekte der Erinnerung stehen.

Ein solcher Aspekt beispielsweise steht für das Gesicht des Vaters im Lokfenster, einer für die Geräusche der Lok auf den Schienen. Einer für den gewöhnungsbedürftigen Geruch des Toilettenhäuschens und einer für das Knirschen der Scharniere. Und aus lauter solchen Aspekten setzt das Gehirn dann das gesamte Bild zusammen. In Bruchteilen von Sekunden natürlich. Wir erinnern uns nicht an ein Bild, sondern an Tausende von Einzelteilen dieses Bildes - und wenn die Erinnerung zurückkommt, werden alle Verbindungen zwischen den Nervenzellen wiederhergestellt, die damals, als Herma Witte den Vater auf der Lok gesehen hat, bei der Verarbeitung des Eindrucks beteiligt waren.

Ereignisse wieder abrufen

Wobei es von Vorteil war, wenn die kleine Herma ihren Vater öfter auf der Lok gesehen hat: Je häufiger sich ein Erlebnis wiederholt, desto dichter wird das Netz der Neuronen, und desto dauerhafter wird die Erinnerung. Und die Freude, den Vater zu sehen, hilft ebenfalls: Ereignisse, die mit Gefühlen verbunden sind, merken wir uns besonders gut.

Je stärker die emotionale Anteilnahme, desto dauerhafter die Speicherung. Unser Gedächtnis ist grob gesagt in drei Abteilungen gegliedert. Zum einen gibt es das sensorische Gedächtnis, das Reize für Bruchteile von Sekunden speichert. Etwa Autos, die an uns vorüberfahren, die wir aber gleich wieder vergessen. Was wichtiger ist, kommt ins Kurzzeitgedächtnis. Diese Abteilung sichert Informationen für eine kleine Weile, oft auch nur einige Sekunden lang. Aber wir wollen ja, wenn uns jemand etwas erzählt, noch den Anfang des Satzes im Kopf haben, wenn der Erzähler am Ende angekommen ist. War es insgesamt keine wichtige Erzählung, verschwindet sie bald wieder.

Wissen verschieden gespeichert

Im Langzeitgedächtnis dagegen speichern wir, was wir dauerhaft behalten - beziehungsweise behalten wollen. Hier gibt es Unterabteilungen: Im episodischen Gedächtnis ist etwa der erste Kuss abgelegt, aber auch, was wir gestern gegessen haben und wie das Schiff vor zwei Jahren auf der Kreuzfahrt so bedrohlich schlingerte.

Herma Witte erinnert sich, wie sie als Kind mit ihren Geschwistern gespielt hat.

Herma Witte erinnert sich, wie sie als Kind mit ihren Geschwistern gespielt hat.

Quelle: privat

Im semantischen Gedächtnis ist unser Faktenwissen abgelegt: wie man Kartoffeln kocht und was im Duden steht. Darüber hinaus gibt es das prozedurale Gedächtnis, in dem die antrainierten Bewegungen beim Zähneputzen oder Fahrradfahren stecken.

Der Dichter Jean Paul hat geschrieben, die Erinnerung sei „das einzige Paradies, woraus wir nicht vertrieben werden können“. Was er meinte, war: Niemand kann uns unsere schönen Erinnerungen nehmen. Die schlechten allerdings auch nicht. Einzige Ausnahme: Die Erinnerung selbst kann uns Erinnerungen nehmen. Oder sie manipulieren: Da wird dann ein schlechter Tag weniger schlecht, wenn er am Ende doch noch schön war, oder aus einer passablen Reise wird im Nachhinein eine Katastrophe, weil wir uns am vorletzten Tag den Fuß gebrochen haben.

Die Summe unserer Erfahrungen

Ohne unser Gedächtnis wären wir verloren, haltlose Figuren in einer verrinnenden Zeit, deren Bedeutung wir nicht einschätzen könnten. Der Neurowissenschaftler Daniel L. Schacter, Professor in Harvard, beschreibt das anhand eines Künstlers: Dessen Gedächtnis sei prinzipiell die Grundlage seiner Kunst. Jedes Kunstwerk lebe „direkt oder indirekt von der persönlichen Erfahrung des Künstlers“. Und so ist es bei jedem von uns. Der Mensch ist die Summe seiner Erfahrungen.

Erinnern hilft

Das Gedächtnis lässt im Alter nach, das ist normal. Dennoch muss die geistige Leistungsfähigkeit nicht abnehmen. So trägt die sogenannte biografische Rekonstruktion dazu bei, die grauen Zellen aktiv zu halten. Und sie kann bei Anzeichen von Demenz therapeutisch wirken. Demenz betrifft zunächst das Kurzzeitgedächtnis. An das, was länger zurückliegt, kann sich der ältere Mensch meist gut erinnern. Biografische Rekonstruktion stützt sich auf Fotos, persönliche Gegenstände oder Bücher. Auch Lieder, Märchen oder das Kochen von vertrauten Gerichten können Teil der Therapie sein. Wichtig ist, dass die Familie einbezogen wird. Denn Erinnerungen verknüpfen sich auch mit Personen.

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