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„Je später, desto besser“

Medienkonsum „Je später, desto besser“

Wie viel Medienkonsum ist gut für mein Kind? Experten sind sich darüber einig, dass es eine pauschale Antwort nicht gibt.

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Mit geschultem Blick

Oberarzt Dr. Frank Fischer von der Suchtstation Teen Spirit Island therapiert Jugendliche mit Mediensucht.

Quelle: Christian Behrens

Hannover. Suchten - so nennen es viele Jugendliche, wenn sie ihre Zeit mit Computerspielen verbringen. Was in dem Wort mitschwingt, die Gefahr der Sucht, lauert vielerorts. Schaut man Heranwachsenden in ihrer Freizeit über die Schulter, gehört der Bildschirm längst als ständiger Begleiter dazu. Und während die einen den Siegeszug der Digitalisierung feiern, sehen andere auch die Schattenseiten von Smartphone, Tablet und Co. Denn was macht es mit unseren Kindern, wenn sie wahllos im Netz surfen können? Wenn Jugendliche stundenlang PC-Spiele zocken?

Laut einer Studie aus dem Jahr 2016 des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest besitzen mehr als 90 Prozent aller Jugendlichen ein eigenes Smartphone, in der Altersgruppe der Sechs- bis 13-Jährigen ist es ein Drittel. Für die Studie schätzten Eltern auch Medienzeiten ein: Rund 75 Minuten schauen bereits Sechsjährige täglich fern, 100 Minuten sind es bei den Zwölf- und 13-Jährigen.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung empfiehlt, dass Kinder bis zu einem Alter von drei Jahren noch gar keine Bildschirm-Medien nutzen sollten. Drei- bis Sechsjährige sollten täglich maximal eine halbe Stunde mit Fernsehen, DVD, Video, Computer, Spielkonsolen, Tablets oder Smartphones verbringen, und die Sechs- bis Zehnjährigen maximal 45 Minuten bis zu einer Stunde.

Dr. Frank Fischer, Oberarzt auf der Suchttherapiestation Teen Spirit Island im Kinderkrankenhaus auf der Bult, hält sich mit konkreten Zeitangaben zum altersgerechten Medienkonsum zurück. Die Antwort sei komplex, denn jedes Kind reagiere anders auf Medien. Und man mache es Eltern zu leicht, wenn man Zeiten vorgebe. Denn am Wichtigsten sei, dass Eltern mit ihren Kindern in Kontakt bleiben und die Heranwachsenden bei ihrem Umgang mit den Medien begleiten. Sie sollten wissen, welche Spiele und Apps die Kinder auf ihrem Smartphone nutzen und mit wem sie chatten. Und auch Regeln müssten gemeinsam besprochen werden. Sein erster Rat, wenn es darum geht, Kinder mit Bildschirm-Medien zu konfrontieren: „Je später, desto besser.“ Denn wenn die Bindung zwischen Kind und Eltern gefestigt sei, falle es leichter, einen verantwortungsvollen Umgang mit Medien zu erlernen.

Sein zweiter Rat: Wenn Regeln ausgehandelt seien, müssten diese auch eingehalten werden. Denn auch er kennt das Geschrei, wenn der Bildschirm abgeschaltet wird: „Aber das müssen Sie aushalten, denn der daraus entstehende Konflikt erzeugt Bindung“, appelliert er an Eltern und empfiehlt: „Seien Sie für Ihr Kind da, bieten Sie ihm Alternativen an und trösten Sie. Das Abschalten der virtuellen Welt wird oft wie ein realer Verlust erlebt.“ Das Wirksamste, was man den virtuellen Spielwelten entgegensetzen könne, seien soziale Kontakte. Das fördere die soziale Kompetenz der Kinder. „Wir müssen den Heranwachsenden reale Bindungen bieten“, betont Fischer. Neben klaren Regeln, dazu gehörten bildschirmfreie Zeiten, sei auch die Kontrolle der Inhalte wichtig. „Schauen Sie sich den Verlauf der aufgerufenen Seiten an, sprechen Sie mit Ihren Kindern über den Inhalt der Seiten“, rät er.

Kein Smartphone im Grundschulalter

Der Arzt hat eine klare Position: kein Smartphone im Grundschulalter. Sein Tipp, wenn Eltern Sorge hätten, ihr Kind könne zum Außenseiter werden, wenn es nicht oft genug im Netz unterwegs sei: „Tauschen Sie sich mit anderen Eltern aus!“ Ein real existierendes Netzwerk sei wichtig, um die Herausforderungen der Medienerziehung gemeinsam zu stemmen.

Denn Fischer weiß nur zu gut, dass aus einer Computerspiel-Leidenschaft eine gefährliche Sucht werden kann. Sechs Kriterien liegen der Diagnose „Medienabhängigkeit“ zugrunde. Erstens empfinden abhängige Jugendliche ein starkes Verlangen nach dem Suchtmittel, sie sind also ganz besessen vom Surfen und Spielen am Smartphone oder PC. Zweites Kriterium: der Kontrollverlust. „Aufhören geht einfach nicht. Aus einer Stunde, die man zocken will, werden dann eben mal zwölf“, erläutert Fischer. Drittes Kriterium: Entzugssymptome. „Die Jugendlichen werden aggressiv, wenn sie nicht zocken dürfen. Sie schlagen, prügeln, schreien.“ Das vierte Merkmal heißt Toleranzentwicklung: Jugendliche mit einer Internetsucht könnten zehn Stunden durchsurfen, ohne Müdigkeit oder Hunger zu empfinden. Fünfter Punkt: Obwohl sie wissen, dass es ihnen schadet, konsumieren die Abhängigen weiter. „Das sechste Kriterium ist der Verlust der normalen sozialen Funktionen.“ Nichts zähle mehr, außer der Sucht.

Auf der Therapiestation wird regelmäßig gemeinsam gekocht, um gemeinsam etwas zu erleben und soziale Bindungen zu stärken.

Auf der Therapiestation wird regelmäßig gemeinsam gekocht, um gemeinsam etwas zu erleben und soziale Bindungen zu stärken.

Quelle: Christian Behrens

Auch Eberhard Freitag von der hannoverschen Beratungsstelle Return will keine pauschale Antwort auf die Frage nach dem richtigen Maß an Mediennutzung geben: „Der Medienkonsum und die Verfügbarkeit der Medien sollte an den Reifegrad der Kinder angepasst sein.“ Wie Fischer plädiert er dafür, Heranwachsenden Alternativen zu den virtuellen Welten zu bieten: „Kinder können sonst leicht den Geschmack an der Realität verlieren.“ Und Freitag empfiehlt etwa bei Kindern auf dem Smartphone oder Laptop eine Zeitmanagement-Software zu installieren und ein bestimmtes Tages- oder Wochenkontingent festzulegen: „Das reduziert täglichen Stress.“

I. Teetz-Knorr

Beratung und Therapie bei Mediensucht

Teen Spirit Island, 1999 gegründet, ist eines der wenigen stationären Therapieangebote in Deutschland, das speziell auf die Bedürfnisse von Jugendlichen mit Internet- und Computersucht ausgerichtet ist.

Die Fallzahlen steigen. In drei Phasen werden Jugendliche, die an einer Substanz- oder Medienabhängigkeit erkrankt sind, gemeinsam therapiert. Nach dem Entzug werden die jungen Menschen stabilisiert. In der C-Phase werden sie langsam in die Selbstständigkeit entlassen.

  • Kontakt: Teen Spirit Island Janusz-Korczak-Allee 12 30173 Hannover Telefon: (05 11) 81 15-0 E-Mail: info@hka.de
  • Buchtipp: Christoph Möller (Hrsg.): „Internet- und Computersucht Ein Praxishandbuch für Therapeuten, Pädagogen und Eltern“, Kohlhammer. Das Team von Return, Fachstelle Mediensucht, berät Jugendliche und Eltern, informiert in Kindergärten und Schulen.
  • Kontakt: Telefon: (05 11) 9 54 98 30 E-Mail: return@dw-kt.de , Internet: www.return-mediensucht.de 
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