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Tai-Chi stärkt Körper und Geist
Gesund bewegen

Jahrhundertealte Kampfkunst Tai-Chi stärkt Körper und Geist

Stellt euch vor, eure Hände gleiten durch Wasser“, sagt Michael Wille und führt seine Hände langsam nach unten. „Versucht, das Wasser zu spüren - wie warm es ist. Oder wie kalt. Ob es salzig ist. Oder Süßwasser. Fühlt den Widerstand.“ Bilder wie dieses sind es, weshalb Tai-Chi nicht einfach eine sanfte Form von Gymnastik ist.

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Nicht aus dem Tritt kommen

Fließende Bewegungen gehören zum Tai-Chi dazu.

Quelle: Daniel Junker

Hannover.  Ein knappes Dutzend Menschen, Männer und Frauen jeden Alters, spürt in einem hellen, ruhigen Raum im Innenhof in der List dem imaginären Wasser nach, bringt die Hände in geschmeidige Bewegung, fühlt in die Fersen am Boden und lässt in der Vorstellung die Chi-Energie vom Boden über die Fußballen in die Beine sprudeln. Sie üben die „Softening Excercises“ der chinesischen Tai-Chi-Meisterin Yang Ma-Lee. Sie bereiten auf die eigentliche Form vor, auf die Bewegungsbilder mit den langen Namen: „Den Schwanz des Vogels packen“, „der Kranich breitet die Flügel aus“ oder auch „Abwehr - Fauststoß“. Tai-Chi wurde als innere Kampfkunst im alten Kaiserreich China entwickelt.

Bis ins 16. Jahrhundert lässt sich seine Spur zurückverfolgen. Während Yoga sich in viele Richtungen teilte und modische Schwitz-, Power- und Work-out-Varianten entwickelte, hält Tai-Chi in der Regel an den über Jahrhunderte bewährten Formen fest. „Ich bin Traditionalist“, sagt Wille.

Beweglichkeit und Konzentration stärken

100 Schüler zwischen 20 und 86 Jahren üben in verschiedenen Stufen bei Wille; die Schule, an der Steinriede 7 in der List, besteht seit 19 Jahren, in der Südstadt hat er einen Zusatzraum. Auf zwei Beinen sollte man stehen können, viel mehr Voraussetzungen braucht es nicht für den Beginn. Bessere Beweglichkeit, Koordination und Konzentration - das sind Wirkungen, die man schnell spürt. Auf die Dauer aber kann Tai-Chi auch andere Beschwerden lindern, berichtet Hartmut Starke (71), der seit acht Jahren hier übt: „Ich war früher Hochleistungssportler. Wegen eines Sturzes war eine Schulter zerstört. Ich bin durch das Tai-Chi nicht nur insgesamt viel beweglicher geworden, sondern auch die Schmerzen sind viel geringer. Das Frozen-Shoulder-Syndrom ist verschwunden. Zuvor hatte nichts geholfen, keine Physiotherapie, kein Sport.“

Michael Wille unterrichtet den Yang-Stil, der im 18. Jahrhundert entstand und strikt in der Gründerfamilie weitergegeben wurde. Er fährt alljährlich nach Hongkong zur Meisterin Yang Ma-Lee und nach London zu seinem Lehrer Jim Uglow. Direkte Übertragung von Mund zu Ohr, das bleibt auch in der digitalen Welt das Grundprinzip des Tai-Chi.

Der Tai-Chi- Chuan-Lehrer Michael Wille unterrichtet seine Schüler in seinem Studio In der Steinriede 7.

Der Tai-Chi- Chuan-Lehrer Michael Wille unterrichtet seine Schüler in seinem Studio In der Steinriede 7.

Quelle: Daniel Junker

Denn im Wie der Ausführung, in den Anweisungen, vermittelt sich das Geheimnis dieser Praxis. „Denkt an einen Schmetterling“, sagt Wille, um zu beschreiben, wie die Arme ohne bewusste Kontrolle schwingen und doch gezielt am Körper ankommen sollen. „Wenn der Schmetterling flattert, sieht es für uns chaotisch aus. Aber die Landung auf der Blüte erfolgt absolut fokussiert.“ Darin liegt die Kunst. Meditation in Bewegung.

Tests bestätigen die Wirksamkeit

Deren Wirkung ist mittlerweile mit wissenschaftlichen Methoden in Vergleichstests bestätigt. Dass Tai-Chi den Gleichgewichtssinn und die Balance schult, liegt auf der Hand, doch auch für die physische Fitness, für Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit vor allem bei älteren Menschen sowie für die psychische Gesundheit schnitt Tai-Chi besser ab als vergleichbare herkömmliche Trainingsmethoden. Auch der positive Einfluss bei Rücken- und Gelenkschmerzen gilt als erwiesen. Langjährig Übende wie Ralf Berchem (57) berichten Erstaunliches: „Ich hatte mehrere Bandscheibenvorfälle, das war ein Grund, warum ich vor elf Jahren mit Tai-Chi begonnen habe. Vor einiger Zeit war ich dann wieder in der MRT-Röhre, und der Arzt war fassungslos: ‚Der Befund ist so nicht mehr haltbar‘, hat er gesagt. Die Muskulatur ist so kräftig und geschmeidig geworden, dass sie die Wirbelsäule wieder auseinandergedehnt hat.“ Die Kniebeweglichkeit verbessert sich, berichten andere, das Kreislaufsystem wird gestärkt, Herzrasen verschwand.

Vertrauensverhältnis soll entstehen

Das klingt nach einem Mittel, das man auf Rezept erhalten sollte - und immerhin zahlen die Krankenkassen bei regelmäßiger Kursteilnahme einen Zuschuss, wenn die Kurse bei der zentralen Prüfstelle für Prävention zertifiziert sind. Michael Willes Kurse sind das ebenso wie einige andere Tai-Chi-Schulen in Hannover. Es gibt mehrere Zweige des Yang-Stil, den Chen-Stil, Wu- und Sun-Stil - wie findet man das Richtig für sich? Ausprobieren, „mehrere Probestunden bei verschiedenen Anbietern besuchen“, rät Nils Klug, Leiter des Tai-Chi-Studios in Linden, Anfängern auf seiner Homepage, wo er die hannoverschen Tai-Chi-Schulen auflistet.

Sich den Werdegang und die Qualifikation der jeweils Lehrenden anzusehen, ist sicher sinnvoll. Doch vor allem kommt es darauf an, ob sich ein Vertrauensverhältnis entwickeln kann. Denn jenseits der äußeren Formen geht es darum, den Geist des Tai-Chi in sich aufzunehmen. „Ich habe erfahren, wie kraftvoll mein Körper wird durch Leichtigkeit“, sagt Janca Schiller, 28, die seit zwei Jahren übt. „Dadurch hat sich auch mein Alltag verändert: Wenn ich mit Problemen konfrontiert bin, wühlt mich das nicht mehr so auf, sondern ich gehe daran, sie durch Leichtigkeit zu bewältigen.“

Evelyn Beyer

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