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Anna Wesslowski hatte einen Burn-out – heute ist sie dankbar dafür.

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Charakteristisch für einen Burn-out sind Symptome der Erschöpfung und der inneren Leere, die einer Depression ähneln können.

Quelle: iStockphoto.com/ PeopleImages

Hannover. Stress im Arbeitsleben gibt es in fast jedem Beruf - es sind durchaus nicht nur Manager, die besonders arbeitsintensive Phasen kennen. Wer aber jahrelang über seine Kräfte arbeitet, der läuft Gefahr, sprichwörtlich „auszubrennen“. Anna Wesslowski (Name von der Redaktion geändert) hat das am eigenen Leib erfahren. „Ich war immer sehr genau. Ich wollte alles besonders gut machen und habe viele Überstunden gemacht“, erzählt sie. Bis es irgendwann einfach nicht mehr ging. Diagnose: Burn-out. Zweieinhalb Jahre ist das jetzt her.

„Ich habe meine Bedürfnisse damals nicht ernst genug genommen“, sagt Wesslowski rückblickend. Nach diesem Erlebnis hat sie es jedoch geschafft, ihrem Leben eine andere Richtung zu geben, und fühlt sich heute viel glücklicher als vor dem Burn-out. Anna Wesslowski sieht diese Erfahrung deshalb nicht als etwas Schlechtes, sondern als einen Wendepunkt in ihrem Leben. „Ein Burn-out ist eine Chance, eine Einladung zum Umdenken“, so ihre Meinung. In der Selbsthilfegruppe, die sie mittlerweile leitet, würde sie neue Mitglieder am liebsten beglückwünschen. „Ich mache das natürlich nicht wirklich, weil es einfach zynisch klingt. Aber ich meine das vollkommen ernst“, sagt sie.

Charakteristisch für einen Burn-out sind Symptome der Erschöpfung und der inneren Leere, die einer Depression ähneln können. Ein ernstes Warnzeichen für einen Burn-out sei es beispielsweise, wenn jemand über einen längeren Zeitraum keine Freude mehr an Dingen habe, die ihm zuvor immer Spaß gemacht haben, erklärt Wesslowski. Wer auch Spaziergänge, Treffen mit Freunden oder Ausflüge über Monate nur noch als Belastung empfinde, der sei ein potenzieller Burn-out-Patient. Auch Schlafstörungen, die über Wochen andauern, seien ein Alarmsignal.

Wer sich betroffen fühlt, dem rät sie zunächst, einen Arzt aufzusuchen. Sollte dieser eine Krankschreibung empfehlen, sollte man diese auch annehmen und nicht trotz der Symptome weiter arbeiten gehen. „Man braucht Zeit für sich selber, um Denk- und Verhaltensmuster zu ändern“, so Anna Wesslowski. Wichtig für Burn-out-Patienten sei es, ein besseres Gespür für sich selbst zu entwickeln. Nur, wer seine Gefühle wahrnimmt, diese akzeptiert und ernst nimmt, kann es anschließend auch schaffen, seine Bedürfnisse zu artikulieren und danach zu leben. Dazu können ambulante und stationäre Therapien hilfreich sein. Mitunter sei es gut, einmal aus dem familiären Umfeld herauszukommen - denn viele seien nicht nur durch ihre Arbeit überfordert, sondern auch im Privaten. Um eine mögliche Wartezeit für eine Therapie zu überbrücken, könne man einen Psychologen auch erst einmal selber bezahlen, so ihr Tipp.

Auch Anna Wesslowski hat eine Rehabilitationsmaßnahme bei ihrer Genesung geholfen - ebenso wie die Gespräche in der Selbsthilfegruppe. Bei den regelmäßigen Treffen mit anderen Betroffenen schätzt sie neben dem Austausch dort, den sie sehr spannend findet, auch die vielen ganz handfesten Informationen, die sie dort erhalten hat: „Was kann ich machen, wenn meine Reha nicht bewilligt wird? Welche Klinik eignet sich besonders gut für eine Reha?“, zählt sie einige der Fragen auf, die dort öfter gestellt und beantwortet werden.

Am meisten hat Wesslowski ihrer Einschätzung nach jedoch die Meditation geholfen. Die Technik dafür hat sie in einer Gruppe gelernt, die von ihrer Allgemeinärztin geleitet wird und die sie heute noch besucht. „Das ist aber bei jedem anders“, sagt sie. Anderen helfe Yoga, Tanzen oder Joggen - wichtig sei nur, den Fokus von der Arbeit wegzulenken und etwas zu tun, das Freude bereitet.

Arbeiten tut Anna Wesslowski übrigens heute auf derselben Position wie vorher auch. Den Stress aber lässt sie nicht mehr so an sich heran wie früher. Gewissenhaft arbeitet sie immer noch - aber nicht mehr überall gleichermaßen. „Ich wäge viel mehr ab: Wo muss ich ins Detail gehen, wo genügt es, im Groben zu bleiben. Ich lasse eher mal Fünfe gerade sein“, beschreibt sie ihre Einstellung. Sie nehme sich die Dinge außerdem nun weniger zu Herzen, lasse sich von Erfolg und Misserfolg nicht mehr so beeindrucken.

Und Anna Wesslowski achtet sehr streng darauf, die Regelarbeitszeit einzuhalten. Überstunden sind zur Ausnahme geworden. „Dabei schaffe ich aber mindestens genauso viel wie vorher“, sagt sie selbstbewusst.

Die Selbsthilfegruppe trifft sich jeden zweiten Dienstagabend im Freizeitheim Lister Turm. Wer teilnehmen möchte, kann sich mit einer E-Mail an burnout-shg- hannover@gmx.de anmelden.

Sonja Weisse

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