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Verloren im Kennzeichnungsdschungel
Gesund genießen

Gütesiegel und ihre Bedeutung Verloren im Kennzeichnungsdschungel

Immer mehr Menschen entscheiden sich bewusst für eine gesunde und ökologische Ernährung. Nachhaltig und biologisch, fair gehandelt und umweltgerecht lauten einige der Schlagworte, die Verbrauchern häufig einfallen, sobald das Thema Lebensmittelqualität im wahrsten Wortsinn „auf den Tisch kommt“. Und dann gibt es schließlich noch eine Vielzahl von Gütesiegeln, die für Qualität stehen sollen.

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Süße Sünde

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt beim Besuch der Messe Gulfood Dubai in der Showküche des Deutschen Standes mit dem Koch Mirko Trenkner aus Hamburg.

Quelle: BMEL/Michael Gottschalk/photothek.net

Hannover. wie viel Vertrauen dürfen Verbraucher diesen Versprechungen tatsächlich schenken? Blumige Worte und prägnante Symbole auf den Verpackungen garantieren schließlich noch lange keinen unabhängig überprüften Qualitätsstandard. Manch eine Branche und manch ein findiger Hersteller kreierten einfach ein eigenes Symbol und suggerierten dem Verbraucher damit hohe Standards. So warnt beispielsweise das Infonetz Umwelt und Nachhaltigkeit (www.infonetz-owl.de), dass „manche Zeichen, vermeintliche Siegel oder Aufschriften wie ‚aus kontrolliertem Anbau‘ und ‚schonend hergestellt‘ nur Werbemaßnahmen“ und somit eine Verbrauchertäuschung seien.

Mit offenen Augen durch den Supermarkt gehen

Dabei gibt es verlässliche Siegel, die den Kunden beim täglichen Einkauf immer wieder begegnen. Doch wie findet sich der Verbraucher in dem Dickicht überhaupt zurecht? „Sich bewusst mit den Siegeln auseinandersetzen und beim Einkauf mit offenen Augen durch den Lebensmittelladen gehen“, lautet der ebenso logische wie simple Rat des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Alle Verbände und Organisationen erläutern auf der jeweiligen Homepage ihre eigenen Kriterien und Standards.

Ein kurzer Überblick

Die bekanntesten Gütesiegel für Lebensmittel sind das Deutsche Bio-Siegel, das EU-Bio-Siegel und das Qualitätssiegel der deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (DLG). Letztere ist eine private Vereinigung von rund 12 000 Mitgliedern, die sich hauptsächlich mit der Förderung von Qualität und Absatz von Produkten aus der Land- und Ernährungswirtschaft beschäftigt. Geruch, Geschmack, Aussehen und Konsistenz der Nahrungsmittel werden von den Sensorik-Experten der DLG stichprobenartig überprüft. Darüber hinaus werden mikrobiologische, chemische und physikalische Labortests durchgeführt. Nachhaltigkeit wird bei den Mitgliedern der DLG großgeschrieben. „Nachhaltigkeit muss fassbar sein, idealerweise messbar, denn Messbares schafft einen Überblick über den Statusquo, kann in der Entwicklung verglichen und letztlich optimiert werden. Messbares offenbart Defizite, gibt aber auch Impulse für Verbesserungen, für Fortschritt durch bessere Technologien, durch weiterentwickelte Biologie (Züchtung), durch effizientere organisatorische Verfahren“, erklärt DLG-Präsident Carl-Albrecht Bartmer im jüngsten DLG-Nachhaltigkeitsbericht.

Nachhaltigkeit muss fassbar sein, idealerweise messbar, denn Messbares schafft einen Überblick über den Status quo.

Carl-Albrecht Bartmer, DLG-Präsident: Nachhaltigkeit muss fassbar sein, idealerweise messbar, denn Messbares schafft einen Überblick über den Status quo.

Quelle: DLG

Hohe Anforderungen an die Produkte

Einen ebenso hohen Anspruch an nachhaltigen und ökologischen Landbau verfolgt das 2001 eingeführte Deutsche Bio-Siegel. Exakt 4884 Unternehmen nutzen das nationale staatliche Bio-Siegel auf insgesamt 76 452 Produkten (Stand: 28. Februar 2017). Insgesamt sind es mehr als 160 000 unterschiedliche Lebensmittel, klärt die Initiative Klarheit und Wahrheit (www.lebensmittelklarheit.de) auf. Und dabei stellt das Deutsche Bio-Siegel hohe Anforderungen an die zu prüfenden Unternehmen und Produkte. So müssen die Zutaten zu 95 Prozent aus ökologischem Landbau stammen. Die Anwendung von Gentechnik ist ebenso verboten wie der Einsatz von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln und mineralischem Stickstoffdünger. Auch muss die artgerechte Tierhaltung unbedingt gegeben sein, um das Deutsche Bio-Siegel verwenden zu dürfen. Ähnliche Prüfverfahren durchlaufen jene Betriebe, deren Lebensmittel das EU-Bio-Siegel erlangen wollen.

Anbauverbände setzen ökologische Richtlinien

Damit ist der Kennzeichnungs- dschungel allerdings noch nicht einmal zur Hälfte durchdrungen. Weitere Anbauverbände, die nach ökologischen Richtlinien Lebensmittel erzeugen, vergeben ihr eigenes Gütesiegel. Bioland wurde bereits 1971 gegründet und ist nach eigenen Angaben der größte Bio-Anbauverband in Deutschland. Besondere Zielsetzung des Bioland-Verbandes sind die Förderung des Bodenlebens für das Wachstum gesunder Pflanzen und die Herstellung hochwertiger Nahrungsmittel. Mehr als 6800 Landwirte, Gärtner, Imker und Winzer wirtschaften nach den Bioland-Richtlinien, gibt der Verband an. Hinzu kommen mehr als 1000 Partner aus Herstellung und Handel wie Bäckereien, Molkereien, Metzgereien und Gastronomie. „Bioland entwickelt Lösungsansätze für heutige und zukünftige Herausforderungen wie die ausreichende Versorgung mit gesunden, gentechnikfreien Lebensmitteln, artgerechte Tierhaltung und Klimaschutz. Bioland steht für die Landwirtschaft der Zukunft“, heißt es zum Leitmotiv des Verbandes auf der Homepage. Weitere bekannte Gütesiegel sind zum Beispiel TransFair (Fairtrade), Neuland, Naturland und demeter.

Für die Vergabe bestimmter Gütesiegel werden Lebensmittel stichprobenartig von Experten überprüft.

Für die Vergabe bestimmter Gütesiegel werden Lebensmittel stichprobenartig von Experten überprüft.

Quelle: Joerg Saenger

Wer angesichts dieses Kennzeichnungsdschungels den Boden unter den Füßen zu verlieren droht, sollte sich gleich mit einem weiteren bekannten Gütesiegel auseinandersetzen und dazu gedanklich auf die Weltmeere begeben. Das MSC-Siegel für nachhaltige Fischerei ist eine internationale, gemeinnützige Einrichtung, die 1997 von der Umweltorganisation World Wide Fund For Nature (WWF) und dem Lebensmittelkonzern Unilever gegründet wurde. MSC ist die Abkürzung für Marine Stewardship Council. Weltweit mehr als 300 Fischereien in 36 Ländern wurden nach MSC-Kriterien zertifiziert. Insgesamt rund 23 000 Produkte sind mit jenem Siegel versehen, Deutschland ist mit 4630 Produkten der Spitzenreiter.

Viele freiwillige Zusatzangaben

Neben der Vielzahl an Gütesiegeln gibt es noch weitere - zum Teil freiwillige - Zusatzangaben der Lebensmittelhersteller. Das Logo „Ohne Gentechnik“ wird seit 2009 für Lebensmittel verwendet, die frei sind von Zutaten aus gentechnisch veränderten Pflanzen und Zusatzstoffen, Vitaminen, Aminosäuren, Aromen oder Enzymen, die mithilfe von gentechnisch veränderten Mikroorganismen hergestellt werden. „75 Prozent der Deutschen wollen auf der Verpackung erkennen können, ob ein Lebensmittel mithilfe von Gentechnik hergestellt wurde“, erklärt dazu der Bundesverband der Verbraucherzentralen und Verbraucherverbände. Doch damit noch immer nicht genug: „Ohne Zusatzstoffe“, „laktosefrei“, „glutenfrei“ und „natürlicher Aromastoff“ werden von den Herstellern zur Kennzeichnung „sauberer“ Lebensmittel gerne verwendet. Vegetarier finden ebenso Berücksichtigung wie Diabetiker und Menschen mit Laktoseintoleranz.

Damit im Kennzeichnungs-dschungel der Appetit nicht auf der Strecke bleibt, sollten sich Verbraucher bewusst mit den bevorzugten Lebensmitteln und deren Herkunft auseinandersetzen. Bei regionalen Produkten lohnt sich zuweilen der Besuch des Erzeugerhofs. Grundsätzlich gilt jedoch der simple Tipp „Augen auf beim Einkauf“, denn eine originelle Werbung und ansprechende Logos können sich ganz schnell als Mogelpackung entpuppen.

Markus Beims

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