Elisa Peter ist viel zu tatkräftig, um sich über Dinge zu beklagen, die sie nicht ändern kann. Die 17-Jährige gehört zum ersten Schülerjahrgang in Niedersachsen, der nach zwölf Jahren Schulzeit das Abitur macht. Gleichzeitig mit den Älteren, die noch ein Jahr mehr Zeit zum Lernen hatten. Elisa lässt das kühl: „Auch meine ältere Schwester hat geackert wie blöde, um ein gutes Abitur zu bekommen. Ich muss hier meinen Job machen, damit ich einen guten Studienplatz bekomme.“
Doch trotz aller Tüchtigkeit kommt die Hannoveranerin im Gespräch schnell auf Vieles, das für sie und die anderen Pioniere der verkürzten Schulzeit wenig optimal gelaufen ist. Zum Beispiel, dass ausgerechnet sie die fünfte Klasse noch auf der Orientierungsstufe verbringen mussten. „Das war ein verlorenes Jahr. Man hat nichts Grundlegendes gelernt.“ Lara Schäfer, Elisas Mitschülerin an der Lutherschule, empfand auch den zweifachen Schulwechsel innerhalb kurzer Zeit als Belastung.
Dass die Lerninhalte inzwischen besser auf die verkürzten Jahre am Gymnasium verteilt sind, beobachtet Lara jetzt an ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester. „Die Jüngeren behandeln den Stoff intensiver und meist auch früher als wir“, sagt sie. Bei Elisa und Lara war dies noch anders: Nachdem entschieden worden war, dass sie schneller zum Abitur kommen sollten, gab es zuerst gar keine Schulbücher, die darauf ausgerichtet waren. „Und in der neunten Klasse begannen die Lehrer, Druck zu machen“, erinnert sich Elisa.
Inzwischen lernen beide bereits im dritten Semester gemeinsam mit dem Vorgängerjahrgang, der nach 13 Schuljahren Abitur macht. Auf der persönlichen Ebene empfinden Jüngere und Ältere das als Bereicherung. „Man kennt jetzt viel mehr Leute“, sagt Lara. Freundschaften haben sich entwickelt; manche Schüler treffen sich vor Klausuren privat zu Lerngruppen – und dabei spielt es keine Rolle, wer nach zwölf oder 13 Jahren das Abitur macht. „Die besseren Schüler versuchen, es den anderen zu erklären. Das klappt gut“, sagt Dominik Evers aus dem 13. Jahrgang.
„Ich habe nicht das Gefühl, dass wir den Älteren unterlegen wären“, sagt Elisa. Das sieht Dominik ähnlich. Am Anfang hätten die Jüngeren sicher mehr Zeit mit Lernen zugebracht –aber es gebe einfach in beiden Altersgruppen bessere und schlechtere Schüler. „Die Lehrer achten darauf, dass alle mitkommen. Und wir Älteren müssen auch oft nachfragen“, sagt der 18-Jährige.
Im Englisch- und Spanischunterricht spürt Lara allerdings deutliche Nachteile. In ihrem Englisch-Leistungskurs haben alle Mitschüler aus dem 13. Jahrgang mindestens drei Monate, meist sogar ein Jahr, im Ausland verbracht. „Sie müssen nicht erst überlegen, wie sie etwas ausdrücken. Sie reden einfach drauflos.“ Die Zwölftklässler konnten sich das Jahr in den USA oder Lateinamerika zeitlich nicht leisten.
Ein Nachteil für alle Schüler des Doppeljahrgangs sind die vollen Kurse mit oft 22 bis 25 Jugendlichen. „In anderen Jahrgängen waren nur 15 Leute im Kurs. Jetzt kann sich in einer Stunde nicht jeder beteiligen“, sagt Dominik. Das könne sich auf die mündlichen Zensuren negativ auswirken.
Außerdem stellt es für alle Abiturienten eine Herausforderung dar, nach dem Abschluss mit ungleich mehr Bewerbern um Ausbildungs- und Studienplätze zu konkurrieren. „Ich glaube, allen ist klar, dass man sich früh informieren und bewerben muss“, sagt Dominik, der seit Jahren ehrenamtlich Konfirmanden in seiner Gemeinde betreut. Anfangs habe er sich durchaus Gedanken um seine Berufsaussichten gemacht, denn er sei ein eher durchschnittlicher Schüler. Doch in Gesprächen im Familienkreis merkte Dominik, was ihm liegt: Wie sein Vater und Onkel hat er sich bei der Bundeswehr beworben. Ein Praktikum bei den Feldjägern und die Berichte von älteren Freunden haben ihn in seinem Entschluss bestärkt. „Ich will Pilot werden und denke, dass ich dort bessere Chancen habe.“
Andere weichen dem Druck des Doppeljahrgangs aus, indem sie sich zurückversetzen lassen. „Einer meiner Freunde wiederholt ein Jahr, um seinen Notendurchschnitt zu verbessern“, sagt Elisa. Diese Strategie wäre für sie nie in Frage gekommen. Während Lara ihre Freizeitaktivitäten reduziert hat, schafft Elisa es noch, neben dem Lernen zu reiten, einen Arabisch-Kurs zu besuchen und ihre Streitschlichterausbildung an der Schule fortzusetzen.
Nach dem Abitur wollen beide Mädchen das Jahr im Ausland, das während der Schulzeit nicht möglich war, nachholen. Lara will sich bei „Work and Travel“ in Australien über ihr Studienfach klar werden. „Die Zeit im Ausland ist eine wichtige Erfahrung, um selbstständiger zu werden. Und es ist praktisch, um dem Konkurrenzdruck zu entgehen.“ Elisa schwankt noch, ob sie in einem englischsprachigen Land ein Jahrespraktikum oder ein Studium beginnt. Auf jeden Fall soll es sie ihrem Ziel näherbringen, als Biochemikerin oder Medizinerin in die Forschung zu gehen.
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