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Maßanfertigung für Alma: Handwerk Hufschmied wieder gefragt

Arbeit Maßanfertigung für Alma: Handwerk Hufschmied wieder gefragt

Es gibt immer mehr Freizeitpferde in Deutschland - das uralte Handwerk des Hufschmieds erlebt dadurch ein Comeback. Komplizierte Regeln erschweren jedoch die Ausbildung.

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Der glühende Rohling des Hufeisens ist bis zu tausend Grad heiß. So kann Hufschmied Popp dem Eisen seine Form geben. Foto:Nicolas Armer/dpa

Kulmbach. Maximilian Popp lässt den Hammer über den Amboss tanzen. Darauf liegt ein glühender Rohling, etwa tausend Grad Celsius heiß. Bei jedem Schlag verformt er sich. "Das Hufeisen muss jedem Pferdehuf individuell angepasst werden", sagt der 25 Jahre alte Hufbeschlagschmied.

Größe und Form schätzt Popp ab, für perfekten Sitz sorgt das Aufbrennen. Dafür drückt er das heiße Eisen auf den Pferdehuf. Eine dichte Rauchwolke steigt auf. Stute Alma zuckt nicht einmal mit der Wimper. Sie ist die Prozedur gewohnt. "Alma braucht alle acht Wochen neue Hufeisen", sagt ihr Besitzer Fritz Michel. Als Kutschpferd müsse das Schwere Warmblut oft auf Straßen und Wegen gehen. Almas Hufe - vergleichbar mit Fingernägeln beim Menschen - würden sich ohne Eisen viel zu schnell abnutzen.

Die Familie Michel betreibt einen Reitstall mit etwa 60 Freizeit- und Turnierpferden im oberfränkischen Kulmbach. Hufschmied Popp ist hier Dauergast. Mit Pferden ist er aufgewachsen, mit Metall auch. Denn das Schmiedehandwerk hat in Popps Familie Tradition. "Schon als kleiner Junge war ich gern mit in der Werkstatt und habe meinem Vater und Großvater beim Eisenschmieden zugesehen."

Popp hat zunächst eine Ausbildung zum Metallbauer gemacht, mit der Fachrichtung Metallgestaltung. Danach hat er zwei Jahre lang einen erfahrenen Hufschmied begleitet und vier Monate lang die Hufbeschlagschule an der Freien Universität Berlin besucht. Seit mehr als drei Jahren ist er staatlich anerkannter

Hufbeschlagschmied. "Mit meinem Beruf bin ich sehr zufrieden", sagt er. Die Arbeit mache Spaß, der Verdienst sei gut, nur die viele Fahrerei sei manchmal etwas anstrengend.

In einem Umkreis von bis zu 50 Kilometern besucht er regelmäßig seine Kunden. Dazu hat er eine mobile Schmiede: Der Kleintransporter ist ausgestattet mit allerhand Werkzeugen, Hufeisen-Rohlingen, einem mobilen Gasofen und einem tragbaren Amboss.

Das Handwerk hat sich in den vergangenen hundert Jahren kaum verändert, wohl aber das Berufsbild. "Früher sind die Bauern mit ihren Pferden vor der Dorfschmiede Schlange gestanden", erzählt Popps Mentor, der 57 Jahre alte Hufschmied und Schlossermeister Horst Kolb. Damals war der Schmied ein Mann für alles. Er hat Wagenräder beschlagen, Deichseln angefertigt oder Pflugscharen geschmiedet.

Als das Automobil nach und nach die Pferdegespanne von den Straßen verdrängte, nahm der Bedarf an Dorfschmieden ab. Als Kolb sich Anfang der 1970er-Jahre auf das Pferdebeschlagen spezialisierte, sei sein Vater gar nicht begeistert gewesen: "Jetzt fängst du mit dem alten Zeug wieder an. Es gibt doch fast keine Pferde mehr."

Doch Kolbs Vater hat sich geirrt. In Bayern sind derzeit knapp 135 000 Pferde bei der Tierseuchenkasse gemeldet, 15 500 mehr als vor zehn Jahren. "95 Prozent meiner Arbeit macht der Hufbeschlag aus. Vor 30 Jahren hätte das niemand gedacht", sagt Kolb. Weil so großer Bedarf bestehe, habe er Nachwuchsschmied Popp unter seine Fittiche genommen. Der soll später einmal seine Kunden übernehmen.

"Arbeit gibt es genug. Einen Auszubildenden könnte ich selbst gut gebrauchen", sagt Popp. Doch das ist nicht so einfach. Seit der Änderung des Hufbeschlaggesetzes im Jahr 2006 kann jeder Hufschmied werden - egal ob Bäcker, Bankfachmann oder Frisör. Er muss lediglich einen erfahrenen Hufschmied finden, der ihn zwei Jahre lang fortbildet. Die Einführung des Mindestlohns hat dies erheblich erschwert.

Jan Gerd Rhenius vom

Ersten Deutschen Hufbeschlagschmiede Verband (EDHV) erklärt: "Fachfremde Auszubildende haben keine berufsbezogenen Vorkenntnisse. Ihnen den Mindestlohn zu zahlen, ist daher schwer zu rechtfertigen." Zudem sei es unwirtschaftlich, da Hufschmiede meist Einzelunternehmer sind, keine Großbetriebe.

Findet sich doch ein Mentor, hat der oft weder die Zeit noch die didaktischen Mittel, um seinen Schützling umfassend auf die staatliche Prüfung vorzubereiten. Beim obligatorischen Viermonatskurs an einer Hufbeschlagschule fehlt es dem Nachwuchs oft an Grundwissen in Sachen Anatomie, Werkstoffkunde, orthopädische Spezialbeschläge oder Betriebsführung. Um die Qualität der Ausbildung zu verbessern, bietet der EDHV seinen Mitgliedern während der praktischen Tätigkeit begleitende Workshops an.

Wie viele Hufschmiede es in Deutschland gibt, lässt sich schwer feststellen, da der Beruf nicht in der Handwerksrolle erfasst werden muss. In Bayern sind etwa 500 gemeldet - ob sie allerdings noch aktiv arbeiten, weiß niemand.

Im Bundesverband Metallhandwerk verfolgt man eine andere Strategie. "Viele glauben, dass es keine Berufsausbildung zum Hufbeschlagschmied mehr gibt. Aber das stimmt so nicht", sagt Christian Krause, Betreuer der Bundesfachgruppe Hufbeschlag. Metallbauer mit Fachrichtung Metallgestaltung und Kernbereich Hufbeschlag ist ein anerkannter Ausbildungsberuf. Krause wünscht sich, dass wieder mehr Metallbetriebe diesen Fachbereich ausbilden.

dpa

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