Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 9 ° wolkig

Navigation:
Die Einflüsterer

Dolmetscher Die Einflüsterer

Zuhören, übersetzen, reden: Der Beruf des Dolmetschers verlangt Multitasking auf hohem Niveau.

Voriger Artikel
Mitfühlen, aber nicht mitleiden
Nächster Artikel
Alles im Blick

Dolmetscher brauchen beim Übersetzen viel Fingerspitzengefühl, denn jede Sprache hat ihren eigenen Charakter.

Quelle: Jens Kalaene

Hannover. Das Schlimmste sind Witze, sagt Dana Gaidas. Ein ausgefeilter Gag, ein feinsinniger Scherz, vielleicht sogar ein Wortspiel. „Für uns sind das Schrecksekunden.“ Die 27-jährige Dolmetscherin aus Chemnitz übersetzt Reden, Gespräche und Vorträge in andere Sprachen. Nicht auf dem Papier, sondern sofort, spontan und idealerweise mit sicherer Stimme. Erst vor wenigen Monaten hat sie ihren Master im Konferenzdolmetschen gemacht. Während ihres Studiums hat sie Vokabeln gelernt und sich die „Ähs“ abtrainiert. Freiwillig hat sie sogar Schauspielübungen gemacht - damit der Auftritt stimmt.

Dolmetscher arbeiten etwa bei Staatsbesuchen oder Gerichtsverfahren und unterstützen Verhandlungen in der Wirtschaft. Sie leihen Politikern und Prominenten für das Fernsehen ihre Stimme und sind bei internationalen Konferenzen im Einsatz. Die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt, es gibt viele Quereinsteiger und Autodidakten. Mancherorts ist eine Ausbildung an Berufsfachschulen und -akademien möglich. „Klassischerweise braucht es aber einen akademischen Abschluss“, sagt Norma Keßler, Vizepräsidentin des Bundesverbandes der Dolmetscher und Übersetzer.

Aufbauend auf einen Bachelor, zum Beispiel in internationaler Fachkommunikation oder Translation, bieten mehrere Hochschulen Masterstudiengänge zum Konferenzdolmetscher an. Anders als ein Übersetzer überträgt der Dolmetscher nicht das geschriebene, sondern das gesprochene Wort. Ob simultan, konsekutiv - erst spricht der Redner, dann der Dolmetscher - oder flüsternd hinter einer Person: Dolmetscher müssen stets einen klaren Kopf behalten, sich intensiv in ein Thema einarbeiten und zum Beispiel Verbtabellen mit schwierigen Fachbegriffen auswendig lernen. Englisch ist immer gefragt. An Hochschulen können angehende Fachkräfte viele gängige Sprachen lernen - Spanisch, Französisch, Russisch und zunehmend Chinesisch.

Das Lernen der Fremdsprache ist nur ein erster Schritt. „Zweisprachigkeit befähigt noch lange nicht zum Dolmetscher“, erklärt Isabel Schwagereit vom Fachverband der Berufsübersetzer und Berufsdolmetscher. Sprachkenntnisse auf Abiturniveau oder besser werden in Englisch oder Französisch schon zu Beginn des Studiums erwartet, meist gibt es Aufnahmetests. Die Kunst fängt später an. Eine Sprache besteht aus mehr als Wörtern, sie hat einen eigenen Charakter, eigene Codes. Sie kann direkt sein oder blumig - genau wie die Kultur. Nuancen sind beim Dolmetschen oft entscheidend. Daher machen Landeskunde und interkulturelle Kommunikation einen Teil der Ausbildung aus. „Man braucht viel Fingerspitzengefühl“, erzählt Schwagereit. „Wenn mein Gegenüber zum Beispiel aus einer sehr höflichen Kultur kommt, in der niemand direkt Nein sagt, obwohl er es meint - wie bringe ich das rüber?“

Immer wieder gibt es Anspielungen, Provokationen, Feinheiten, die zwischen den Zeilen mitschwingen und verschluckt oder missverstanden werden können. „Besonders vor Gericht haben Dolmetscher eine große Verantwortung“, erklärt Schwagereit. Das sei etwa der Fall, wenn der Angeklagte aus einem anderen Justizsystem kommt und mit den deutschen Begriffen nichts anfangen kann. Oft gehört ein weiteres Fach wie Jura oder Technik zum Studium. Jede Sparte hat ihre eigene Sprechweise. Dolmetschen ist Multitasking auf hohem Niveau und körperlich anstrengend. Die Fachkräfte müssen einen Text hören, verstehen, in einer anderen Sprache wiedergeben, auf Unvorhergesehenes reagieren. Sie brauchen gute Allgemeinbildung, exzellentes Gedächtnis und sicheres Auftreten. Auch Körperbeherrschung ist gefragt: Ein Dolmetscher kann nicht mittendrin einen Kaffee trinken gehen.

Festanstellungen gibt es nur wenige: etwa bei der Europäischen Union, internationalen Behörden, vielen Ministerien. Die meisten Dolmetscher arbeiten auf dem freien Markt. „Der Einstieg ist nicht immer einfach“, sagt Norma Keßler. „Man sollte sich spezialisieren und unternehmerisches Gespür mitbringen.“ Ohne Verkaufen geht es nicht. Wer sich erst einmal durchgesetzt hat, verdient gut. Der Tagessatz eines Konferenzdolmetschers kann bei 750 bis 1000 Euro liegen.

Trotz allem Stress lieben die meisten Dolmetscher ihren Beruf. „Das Schönste ist, dass es nie langweilig wird“, erzählt Gaidas. „Ich lerne immer wieder Neues, treffe die unterschiedlichsten Menschen. Und ich kann Kommunikation ermöglichen, wo sich zwei Seiten sonst nicht verstanden hätten.“ Ihr Traum: irgendwann Politiker begleiten und mit Delegationen ins Ausland reisen. „Dabei sein, wenn etwas Wichtiges passiert, einen historischen Moment erleben - davon träumen viele Dolmetscher.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Studium & Beruf
  • Jobmesse Hannover
    jobmesse hannover

    Am 18. und 19. Juni stellen sich auf der 9. Jobmesse Hannover Unternehmen und Bildungseinrichtungen vor. mehr

  • Einstieg Hannover 2016
    Einstieg Hannover 2016

    Auf der Premiere der Berufswahlmesse Hannover 2016 präsentieren sich 100 Unternehmen und informieren die 8000 erwarteten Schüler, Eltern und Lehrer... mehr

Mehr als 40.000 Studenten leben, lernen und arbeiten in Hannover. Alle Informationen rund um den Hochschulstandort Hannover in Videos, Grafiken, Karten und Berichten gibt es hier im digitalen Dossier „Hannover macht Karrieren“. mehr

Erfolgreich bewerben

Was macht eine Bewerbung erfolgreich? Wozu dient ein Karriereplan? Wer verdient wieviel? Hier finden Sie viele Tipps für Ihre Bewerbung sowie alles Wichtige zu Arbeitsvertrag und Kündigung. mehr

Anzeige