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Kunstaugen geben Lebensqualität zurück
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Okularisten Kunstaugen geben Lebensqualität zurück

Die Augenmacher: Okularisten fertigen Kunstaugen an. Zwar wird den Betroffenen nicht ihre Sehkraft zurück gegeben, doch können sie dank der Prothesen ein nomaleres Leben führen.

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„Fälscher der Natur“: Okularisten stellen für jeden Menschen, der ein Auge verloren hat, ein Unikat her.

Quelle: Frank Rumpenhorst

Hannover. Wenn Nicolai Weiss seinen Schrank öffnet und die große Schublade herauszieht, blicken ihn unzählige Augen an. Sie sind blau, grün, grau oder braun - und sie sind aus Glas. Weiss ist Okularist. In seinem Institut für künstliche Augen in Kassel fertigt er Prothesen für Menschen an, die ihre Sehorgane verloren haben.

Die Ursachen dafür können ganz unterschiedlich sein. Da sind Opfer von Säureanschlägen und Autounfällen. Es gibt Brandverletzte, Reiter, die einen Huftritt abbekommen haben, und Kinder, denen beim Indianerspielen der Pfeil ins Auge geraten ist. Während früher vor allem Kriegsversehrte ein Glasauge trugen, sind heute Netzhautablösungen und Tumore die häufigsten Ursachen für den Verlust eines Auges. Okularisten wie Weiss geben den Betroffenen zwar nicht ihre Sehkraft zurück, dafür aber ein großes Stück Lebensqualität. Mit der Augenprothese stellen sie die Gesichtssymmetrie der Patienten wieder her und verhelfen ihnen zu einem besseren Aussehen.

Jedes ist ein Unikat und wird von Hand gefertigt

„Ein gutes Glasauge darf nicht drücken, soll sich nach Möglichkeit mitbewegen und vom echten Auge nicht mehr zu unterscheiden sein“, sagt Weiss. Seine Arbeit sieht er als eine Mischung aus Handwerk, Kunst und Medizin. „Aber eigentlich bin ich vor allem Fälscher der Natur“, sagt er und lacht.

Für seine „Fälschungen“, die Kunstaugen aus hochwertigem Spezialglas, nimmt sich der 43-Jährige viel Zeit. Jedes ist ein Unikat und wird von Hand gefertigt. Das dauert etwa zwei Stunden. Im Jahr sind es an die 500 Stück. Die Patienten kommen mit einem Rezept vom Augenarzt zu ihm. Nach der Untersuchung der Augenhöhle wählt Weiss aus einem Sortiment von 3.400 Augenrohlingen in allen Größen, Schattierungen und Farbverläufen ein passendes Modell aus. Aus dem Rohling wird über einer kleinen Flamme die Prothese geformt. Mit eingefärbten Glasfäden arbeitet er zudem kleine Äderchen ein. Immer wieder wird überprüft und korrigiert - die fertige Prothese hat am Ende eine Schalenform. Sie hält etwa ein Jahr, dann muss sie gegen eine neue ausgetauscht werden. Ein Exemplar kostet um die 400 Euro, die Kosten übernimmt die Krankenkasse.

Kunstaugen werden vor Ort maßgeschneidert

Die Augenprothetik gehört in Deutschland zu den wohl kleinsten Branchen. Okularist Jan Müller-Uri, Vorsitzender der Deutschen Ocularistischen Gesellschaft (DOG), schätzt die Zahl der Kunstaugenhersteller auf gerade einmal 70. Einer der wenigen Auszubildenden ist Domenico Mangone. Der 22-Jährige ist im Familienbetrieb von Müller-Uri im dritten Lehrjahr. Die gesamte Ausbildung dauert sechs Jahre. „Man muss sehr viel lernen und braucht jede Menge Erfahrung. Am Menschen darf man erst im dritten Lehrjahr arbeiten“, erklärt Mangone. Als Okularist benötige man neben Fingerfertigkeit, räumlichem Sehen und einem ausgeprägten Farbempfinden auch Durchhaltevermögen und gutes Sitzfleisch. „Die Bewegung kommt in diesem Beruf definitiv zu kurz“, sagt der Auszubildende. Weil die Ausbildung zum Okularisten in Deutschland nicht staatlich geregelt ist, gibt es keinen Berufsschulunterricht. Die Theorie büffelt Mangone stattdessen anhand von Lehrbriefen, die die DOG verschickt. Vermittelt werden unter anderem Kenntnisse in Chemie, Anatomie und Materialkunde. Die Übernahme nach der Ausbildung ist Mangone jedoch sicher. Auf die künftigen Reisen freut sich der angehende Okularist schon jetzt: Um ihren Kunden die Kunstaugen vor Ort maßzuschneidern, sind die Okularisten des Betriebs in sieben Ländern unterwegs. „Die Augen und das Werkzeug haben wir dann in großen Koffern dabei“, sagt Müller-Uri.

Auch Weiss arbeitet nicht nur in Deutschland. In Italien hat er eine zweite Praxis. „Augen aus Glas sind eine typisch deutsche Angelegenheit. Das hat sich auch im Ausland herumgesprochen, wo die Okularisten vor allem mit Kunststoff arbeiten“, sagt Weiss. Über seine Zukunft macht sich der Augenprothetiker keine Sorgen: „Auch wenn Operationsmethoden moderner und die Augendiagnostik besser werden, wird es immer Menschen geben, die ihre Augen verlieren und die Hilfe eines Okularisten benötigen.“

Katja Eggers

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