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„Viele neue Berufe werden entstehen“

Trendforscher Peter Wipp ermann im Interview „Viele neue Berufe werden entstehen“

Trendforscher Peter Wippermann im Interview über Digitalisierung, Burn-out und Sensoren in Matratzen.

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Chancen der digitalen Welt

„Mentale Fitness wird der nächste Megatrend“: Peter Wippermann beschäftigt sich mit den Veränderungsprozessen in der Gesellschaft.

Quelle: Christian Vogel

Herr Professor Wippermann, unser Smartphone kennt unsere Vorlieben besser als mancher enge Freund. Wir steuern Licht und Heizung aus der Ferne digital, selbstfahrende Autos bringen uns von A nach B. Maschinen teilen uns mit, dass sie einen Defekt haben und wo er ist. Die Digitalisierung durchdringt Berufs- und Privatleben gleichermaßen. Ist sie ein segensreicher Trend?

Wenn man bereit ist, die Digitalisierung zu nutzen, schon. Hofft man aber, sich so verhalten zu können wie vor zehn Jahren, als Smartphones noch nicht erfunden waren, wird man Schwierigkeiten mit der sich schnell entwickelnden Netzgesellschaft haben.

 In welchen Bereichen wird sich die Digitalisierung in den nächsten Jahren noch deutlicher manifestieren als bisher?

Vor allem wird es in der Arbeitswelt große Veränderungen geben. Es gibt drei digitale Technologien, die aktuell den Wandel vorantreiben: Künstliche Intelligenz entwickelt ein „Verständnis“ für die Lösung der gestellten Aufgabe, die Programme sind in der Lage, mit sogenannten unstrukturierten Daten zu operieren. Machine Learning sammelt „Erfahrungen“ aus vielen Anwendungen und optimiert selbstständig Prozesse. Als dritte Innovation organisiert Blockchain „Vertrauen“ in der digitalen Welt. Ein aktuelles Beispiel liefert das weltgrößte Handelshaus Walmart. Das Unternehmen setzt die Blockchain-Technologie in China ein, um die Qualität von Fleisch sicher zu machen. Alle Erzeuger- und Lieferdaten, vom Bauer bis zum Supermarkt, werden über die gesamte Lieferkette transparent gemacht und können von keinem Teilnehmer nachträglich manipuliert werden.

Meine Prognose ist, dass alle Tätigkeiten, die sich ständig wiederholen, also abschließend beschreiben lassen, Programme werden und als Beruf nach und nach aus der Arbeitswelt verschwinden.

Die Digitalisierung von Prozessen hat global viele Wirtschaftszweige umgekrempelt. Wie wichtig ist das Thema für deutsche Firmen?

Wer nicht angeschlossen ist, wird ausgeschlossen – das gilt im Privatleben wie für Unternehmen. Die digitalen Innovationen kommen hauptsächlich aus den USA und China. Deutschland ist nach wie vor exzellent im Maschinenbau, zum Beispiel in der Automobilindustrie oder im Bau von Robotern. Unter dem Motto „Industrie 4.0“ wird die Digitalisierung und Vernetzung bei uns vorangetrieben.

Die neuen Unternehmen der Netzökonomie entwickeln aber völlig neue Geschäftsmodelle. Sie ignorieren die alten Branchengrenzen. Tesla baut beispielsweise nicht nur Elektroautos, sondern organisiert auch die Energieversorgung über Solarenergie. Amazon ist nicht nur Onlinehändler, sondern auch der größte Cloud-Service-Anbieter und bietet innovative Gadgets wie den Sprachcomputer Alexa. Das chinesische Handelshaus Alibaba ist auch Logistiker und gleichzeitig Entwickler des digitalen Bezahlens.

Stichwort IdeenExpo: Müssen junge Menschen auf der Suche nach einem krisensicheren Beruf nun alle IT-Experten werden?

Nein, sicher nicht. Aber durch die Digitalisierung werden viele neue Berufe entstehen. Messen wie die IdeenExpo sind hervorragend, weil sie neue Chancen der Arbeitswelt zugänglich machen. Bei der Berufsfindung spielt die Empfehlung der Eltern immer weniger eine Rolle. Auf die Frage „Was willst du später mal werden?“ passt die Antwort „Mein Beruf ist noch nicht erfunden“.

Was ist mit denen, die im Vor-Digital-Zeitalter ihren Beruf gelernt haben?

Nicht allen fällt es leicht, auf diesen Zug aufzuspringen. Wissen und Fertigkeiten verlieren permanent an Wert. Entlernen wird das Schwierigste werden. Zwar werden auch die Veränderungsprozesse von der Industrie- zur Netzgesellschaft Jahrzehnte dauern, aber der Wandel wird sich beschleunigen. Wer in der Mitte seines Berufslebens steht, kann nicht darauf hoffen, so weiterarbeiten zu können wie bisher.

 Ist die Digitalisierung für Unternehmen auch eine Gefahr – im Hinblick auf überforderte und dadurch unmotivierte Mitarbeiter?

Ja. Früher war Arbeit und Freizeit klar getrennt. Heute sind zwei Drittel aller Arbeitnehmer im Urlaub mit einem Ohr im Büro. Arbeitnehmergesundheit wird für Unternehmen ein wichtiges Thema. Psychische Erkrankungen sind die zweithäufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit in Deutschland. Nach Angaben der DAK hat sich die Krankenlast aufgrund von Burn-Out- Diagnosen seit 2006 nahezu verzwanzigfacht. Eine sich schnell wandelnde Gesellschaft verlangt vom Einzelnen viel ab. Mentale Fitness wird der nächste große Megatrend werden.

Die ständige Erreichbarkeit scheint viele Menschen zu ermüden. Stichwort Digital Detox: Sehen Sie hierin einen Gegentrend?

„Me-Time“ ist der Gegentrend zum Burnout. Je weiter wir Teil der Netzgesellschaft werden, desto mehr müssen wir unsere Freizeit selbst organisieren. „Ich bin dann mal weg“ bedeutet aber nicht verreisen, sondern den Verzicht auf die Handynutzung. Früher war der Schlaf das sichere Rückzugsgebiet für Erholung und Träume. Doch auch hier beginnt sich eine freundliche digitale Matrix auszubreiten: Die Effizienz des Schlafens wird heute über Sensoren in der Matratze überprüft und optimiert.

Haben wir verlernt, offline zu sein?

Nein – aber wir haben gelernt, effizient zu sein. Wir wollen das Beste aus jeder Situation machen und nutzen digitale Angebote.

Sehen Sie im Bereich Digital Detox neue Trends, die zukünftig eine Rolle spielen werden?

Das Thema Natur wird wichtiger. Die Möglichkeit, die virtuelle Wirklichkeit zu verlassen, wird immer attraktiver.

Hat die Digitalisierung der Welt Grenzen?

Bis zur nächsten Innovationswelle, sobald wir beginnen, die biologische Welt neu zu designen, nicht.

Interview: Petra Zottl

Zur Person

Peter Wippermann zählt zu den renommiertesten Trendforschern Deutschlands. Er gründete im Jahr 1992 mit dem Trendbüro Hamburg ein Beratungsunternehmen, das sich auf Fragen des gesellschaftlichen Wandels spezialisiert hat. Von 1993 bis 2016 lehrte er zudem als Professor für Kommunikationsdesign an der Essener Folkwang-Universität der Künste.

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