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Ulrich Grober: „Ein gutes Leben, das für alle zugänglich ist, ist die Zukunft“

Interview Ulrich Grober: „Ein gutes Leben, das für alle zugänglich ist, ist die Zukunft“

Umdenken oder Kollaps – diese Varianten sieht der Nachhaltigkeitsexperte Ulrich Grober. Ein Gespräch über Sündenfälle der Zivilisation, die Grenzen des „Immer mehr“ und einen Hunger nach Entschleunigung, Gelassenheit und Empathie.

Ulrich Grober ist Journalist, Autor und Nachhaltigkeitsexperte. 

Herr Grober, es gibt viele Definitionen der Nachhaltigkeit. Welche mögen Sie am liebsten?

Mein Favorit ist gut 200 Jahre alt. Das Deutsche Wörterbuch von Johann Heinrich Campe, erschienen 1809 in Braunschweig, definiert Nachhaltigkeit als das, „was uns trägt, wenn alles andere nicht mehr trägt“. Schon damals erscheint Nachhaltigkeit als das Gegenteil von Kollaps. Das finde ich hochaktuell.

In Ihrem Buch „Die Entdeckung der Nachhaltigkeit“ beschreiben Sie die Idee auch als unser ursprünglichstes Weltkulturerbe. Wann hat denn der Mensch aufgehört, nachhaltig zu leben?

Der große Sündenfall liegt in der massiven Nutzung der fossilen Ressourcen Kohle und Öl. Innerhalb weniger Generationen haben wir einen Großteil der Vorräte verbrannt und mit dem CO² die Atmosphäre belastet. Doch fossile Energieträger wachsen nicht nach. Wir haben uns total abhängig gemacht. Jetzt müssen wir weg davon. Nicht nur, weil sie irgendwann zu Ende gehen, sondern weil wir damit unseren Enkeln ein höllisches Klima bereiten.

Ist ein nachhaltiges Wachstum heute in einer Industriegesellschaft wie Deutschland eigentlich noch möglich?

Aus meiner Sicht ist ein nachhaltiges industrielles Wachstum ein Widerspruch in sich. Wir müssen uns entscheiden. Entweder Nachhaltigkeit oder ein fortgesetztes Wachstum von Produktion und Konsum. Letzteres führt unweigerlich in den Kollaps.

Alles muss im Überfluss vorhanden sein – so lässt sich unsere Gesellschaft mit einem Blick von außen vielleicht ganz passend beschreiben. Ist die Unfähigkeit, nachhaltig leben zu können, der Selbstmord der Industriegesellschaften nach westlichem Vorbild?

Ja, wir müssen uns endlich lösen von der Vorstellung, dass immer mehr Wachstum immer mehr Sicherheit verleiht. Das Gegenteil ist der Fall. Das „Immer mehr“ endet mit dem Absturz ins Nichts.

Der Begriff der Nachhaltigkeit wird heute inflationär gebraucht. Oftmals dient er auch als verbales Feigenblatt. Ist das eine Gefahr für den Inhalt des Wortes? Und gibt es vielleicht einen besseren Begriff?

Na ja, der steile Aufstieg des Konzepts in den letzten Jahren ist erst einmal eine ungemein positive Entwicklung. Dass es dabei weichgespült und zum Greenwashing missbraucht wird, ist eine unvermeidliche Begleiterscheinung. Das würde jedem anderen Begriff, den wir an die Stelle setzen, auch so ergehen. Ich plädiere dafür, den Spieß umzudrehen. Wer sich auf dieses Feld begibt, muss der Frage ausgesetzt werden, was an seinem Tun authentisch nachhaltig ist. Jedes Greenwashing fliegt früher oder später auf. Das ist die Lektion des aktuellen VW-Skandals.

Nachhaltigkeit bedeutet auch Einschränkung. Wie macht man den Menschen Verzicht schmackhaft?

Der Prozess ist im Gange. Es gibt einen Hunger nach Entschleunigung, nach Gelassenheit, nach Empathie. Aus einem Minimum an Ressourcen ein Optimum an Lebensqualität erzeugen, ein gutes Leben, das für alle zugänglich ist – das ist die Zukunft. Weniger ist mehr! Aber worin besteht dieses „Mehr“ – das ist die spannende Frage.

Viele Menschen wollen nicht verzichten und hoffen stattdessen auf neue Technik. Kann moderne Technik Nachhaltigkeit verzichtbar machen?

Auch die neueste High-Technik basiert auf natürlichen Ressourcen. Kein Handy ohne seltene Erden. Keine Raumstation ohne Aluminium. Wenn die ausgehen, ist Schluss.

Information

„Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffs“

300 Seiten, 14,95 Euro

Antje Kunstmann Verlag

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