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Bedeutende Exponate Der Rote Franz und andere Mumien
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17:18 10.11.2009
Von Simon Benne
Schau mir in die Augen: Der Rote Franz fesselt noch rund 1700 Jahre nach seinem Tod - nicht nur die Gesichtsrekonstruktion. Quelle: Martin Steiner

Der Blick in seine Augen gehört zu einer hannoverschen Kindheit wie der Bummel über den Flohmarkt oder die Radtour um den Maschsee. Generationen von Schülern haben vor seiner Vitrine gestanden und zum ersten Mal im Leben einen Toten gesehen. Den meisten von ihnen bleibt von diesem Museumstag wenig im Gedächtnis. Doch noch nach Jahrzehnten erinnern sie sich daran, dass das Landesmuseum jener Ort ist, an dem der Rote Franz unter den Lebenden weilt, rund 1700 Jahre nach seinem Tod. Im Mosaik hannoverscher Identität hat die berühmte Moorleiche ihren festen Platz.

„Er gibt unserer Archäologieabteilung gewissermaßen ein Gesicht“, sagt Babette Ludowici hintersinnig. Die Oberkustodin des Landesmuseums steht vor der ovalen Scheibe, hinter der das Bündel aus Haut und Knochen liegt. Vor einem Jahr hat der Rote Franz hier seinen Platz gefunden, in einer Art Grabnische. Das Summen des Klimagerätes macht die Stille hörbar, die hier meist herrscht. Von der Seite her blickt man ihn an, aus pietätvollem Abstand. Nicht von oben herab wie früher, als er in einer Vitrine lag.

Man muss eine Weile vor ihm stehen, bis sich die Augen an das Dämmerlicht gewöhnt haben, das hier aus konservatorischen Gründen (und aus Respekt vor dem Toten) herrscht. „Aus wissenschaftlicher Sicht ist der Rote Franz eine Quelle ersten Ranges“, sagt Ludowici. Aber er ist eben nicht ausschließlich eine Quelle ersten Ranges: „Es berührt einen schon, wie er so daliegt – ein Mensch mit seiner Geschichte“, sagt die Oberkustodin.

Etwa 60 Moorleichen wurden bis heute in Niedersachsen entdeckt, und nicht immer ging man so respektvoll mit ihnen um. „Manche wurden auf einem Handkarren in die nächste Kneipe geschafft, wo sich die Dorfbewohner erst einmal mit Haaren oder Hautstücken als Souvenirs eindeckten“, sagt die Moorleichen-Expertin Sabine Eisenbeiß. Andere fielen postmortal ausgerechnet jenen zum Opfer, die sie schützen sollten – den Museumsleuten. So verschwanden die beiden 1949 entdeckten „Männer von Hunteburg“ auf Nimmerwiedersehen in einer chemischen Fabrik, wo sie konserviert werden sollten. Vermutlich fanden die Toten ihr zweites Ende in einem Trocknungsofen, der zu heiß eingestellt war.

Auch der Rote Franz hat in den vergangenen 109 Jahren auf mysteriöse Weise Zähne eingebüßt, und der linke Unterschenkel fehlt schon seit seiner Entdeckung. Er ist wohl einem Spatenstich des Torfstechers Bernard Herbers zum Opfer gefallen. Dieser stieß am 8. Juni 1900 im Bourtanger Moor bei Neu Versen in nur 50 Zentimetern Tiefe auf den Toten, der mit dem Gesicht nach oben im Moor lag, „die rechte Hand auf der Brust liegend, die linke Hand das Kinn stützend“, wie im örtlichen Kirchenbuch eingetragen ist.

Da die Emsländer nicht so recht wussten, ob der Tote nun ein guter Christ oder ein gottloser Heide war, bestatteten sie ihn zwar – aber lieber nur am Rande des Friedhofs. Erst Monate später, als das heutige Landesmuseum Wind von dem Fund bekommen hatte, wurde er exhumiert und nach Hannover geschafft. Vor einigen Jahren fanden sich noch Sandkörner in seiner Bauchhöhle, die wohl durch den Sarg gerieselt waren. „Nichts passiert, ohne Spuren zu hinterlassen“, sagt Ludowici. Und genau das macht den Roten Franz heute so wertvoll.

Wie ein beredter Zeitzeuge verrät er etwas über sein Leben und seine Epoche. Forscher können den Toten gewissermaßen zum Sprechen bringen: Heute weiß man, dass er zwischen 25 und 30 Jahre alt war, als er starb. Im Moor ist sein Körper auf 1,45 Meter geschrumpft, doch zu Lebzeiten war er etwa 1,80 Meter groß, hatte weder Karies noch Parodontose, und eine sogenannte C-14-Datierung ergab, dass er um 300 n. Chr. starb. Zur römischen Kaiserzeit also, als das heutige Niedersachsen von Germanen bevölkert und bei den Römern als „Barbaricum“ verschrien war.

Offenbar hat der Rote Franz oft im Sattel gesessen: „Die Muskeln und Sehnen am Oberschenkel zeugen davon, dass er vermutlich schon als Kind viel geritten ist“, sagt Ludowici. Sein Haar ist am Hinterkopf auf eine Kürze von nur einem Zentimeter getrimmt, auf dem Scheitel hingegen teils 20 Zentimeter lang, der Bart ist über der Lippe länger als am Kinn – eine akkurate Haartracht. „Ohne den Roten Franz wüssten wir kaum etwas über die Frisuren seiner Zeit“, sagt Ludowici. Legten die angeblich so ungehobelten Germanen vielleicht mehr Wert auf ein gepflegtes Äußeres, als das landläufige Bild von ihnen vermuten lässt?

Ein früherer Schlüsselbeinbruch (durch einen Sturz vom Pferd?) war verheilt, offenbar hatte man ihn medizinisch versorgt. Eine Verletzung am Oberarm rührte von einem spitzen Gegenstand her, möglicherweise einer Lanze oder einem Pfeil. Kämpfte der Rote Franz als germanischer Söldner im Dienste Roms? Oder war er in Stammesfehden verwickelt? „Vielleicht ist er auch nur in eine Wirtshausschlägerei geraten, als er zu viel Met getrunken hatte“, sagt Ludowici.

Der Rote Franz hat sich viele Geheimnisse bewahrt. Normalerweise wurden Verstorbene damals eingeäschert, den „Leichenbrand“ setzte man in Gruben oder Urnen bei. Bei ihm verfuhr man anders: War er vielleicht ein Mordopfer, das hastig im Moor entsorgt wurde? Schließlich diagnostizierte das Institut für Rechtsmedizin der Medizinischen Hochschule vor zehn Jahren, dass man ihm die Kehle durchgeschnitten hatte.

Der Rote Franz könnte freilich auch als Verbrecher hingerichtet worden sein oder als Kriegsgefangener rituell geopfert. Dafür könnte sprechen, dass er nackt war, als man ihn fand. Seine gekrümmte Haltung könnte von einer Fesselung herrühren. Andererseits ist es auch möglich, dass erst die Emsländer des Jahres 1900 ihn buchstäblich zusammengefaltet haben, ehe sie ihn in den Sarg legten. Und Kleidung aus Pflanzenfasern, etwa aus Leinen, zersetzt sich im Moor – er könnte ursprünglich also sehr wohl etwas angehabt haben. Seine Bauchdecke ist nicht erhalten, die Rippen liegen frei – das könnte dafür sprechen, dass anfangs nur sein Rücken im kühlen, sauerstoffarmen Moor lag und mumifiziert wurde. Angesichts so vieler offener Fragen wird der Tote wohl noch Generationen von Forschern beschäftigen.

Sein Rang als Publikumsliebling ist ohnehin unbestritten. Wohl schon in den zwanziger Jahren holte der Volksmund das Exponat mit der Nummer 17351 aus der Anonymität: Irgendjemand taufte ihn auf seinen Namen und gab ihm so posthum eine Persönlichkeit. Als er in den USA ausgestellt war, zierte der „Red Franz“ sogar Kaffee- und Schokoladenpackungen in Museumsshops.

„Rein rechnerisch gehören sämtliche Moorleichen Germaniens mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu den direkten Vorfahren jedes heute lebenden Mitteleuropäers“, sagt Expertin Eisenbeiß. Vorausgesetzt, er hatte Kinder, sind wir also Nachfahren des Roten Franz. Vielleicht bleibt der Besuch bei ihm uns auch deshalb so lange im Gedächtnis. Weil wir ahnen, dass er uns gar nicht so unähnlich ist.

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