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Isabel Schulz: Bruchkekse im Chaos
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13:48 20.06.2011
Von Johanna Di Blasi
„Schwitters wollte das Chaos ordnen“: Isabel Schulz im „Merzbau“ Quelle: Steiner
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Die meisten Menschen verfallen in El Lissitzkys „Kabinett der Abstrakten“ im Erdgeschoss des Sprengel Museums in eine Art Andachtshaltung. Wegen des historischen Gewichts des Werks, das hier in einer Rekonstruktion aus den sechziger Jahren zu erleben ist. Aber auch wegen der etwas sperrigen, konstruktivistischen Ästhetik. Die Kunsthistorikerin Isabel Schulz hat hingegen einen erfrischend zupackenden Zugang zu diesem Raum. Sie schiebt die rollladenartigen Wandteile energisch auf und ab. Die Scharniere knarzen und knattern. „Die Rekonstruktion ist inzwischen auch schon historisch geworden“, seufzt Schulz, „und könnte eine Erneuerung vertragen.“

Die Kunsthistorikern hat den Wandtext mitformuliert, der Besuchern die kunsthistorische Bedeutung von El Lissitzkys berühmtem Kabinett näherbringt. Ihre Hauptdomäne aber ist Kurt Schwitters. Schulz ist Mitarbeiterin im Kurt Schwitters Archiv und Geschäftsführerin der Kurt und Ernst Schwitters Stiftung, eine eigenständige Einrichtung mit Sitz im Sprengel Museum. Gemeinsam mit Karin Orchard hat sie zwischen 2000 und 2006 den Catalogue raisonné zu Kurt Schwitters herausgegeben. Unweit des „Kabinetts der Abstrakten“ findet man im Untergeschoss des Sprengel Museums eine Rekonstruktion von Schwitters' „Merzbau“. Dort blüht die Kunsthistorikerin förmlich auf – es ist, als würde die abenteuerliche Konstruktion auf sie abfärben. „Bemerken Sie die wechselnden Lichtstimmungen“, ruft sie begeistert aus. Die Lichtatmosphäre wird heute elektronisch gesteuert. Schwitters hatte noch mit primitiveren Mitteln, darunter Kerzen, versucht, wechselnde Stimmungen zu erzeugen.

Würde man heute eine neue Rekonstruktion des „Merzbaus“ herstellen, fiele diese weitaus detaillierter aus, denn die Schwitters-Forschung fördert laufend neue Details zum expressiv-dadaistischen Gesamtkunstwerk zutage. Zum Beispiel tauchen immer wieder Briefe auf. „In der rechten oberen Ecke war, wie wir heute wissen, eine Liege. Das kann man anhand der Reproduktion leider nicht erkennen“, sagt Schulz. „Dort hat Schwitters Künstlerfreunde einquartiert oder mit seinen Kindern Bahlsen-Bruchkekse gegessen. Die Familie musste ja sparen.“

Zu den Aufgaben der Kunsthistorikerin gehört es auch, die internationalen Schwitters-Ausstellungen zu organisieren. „Ich kommuniziere mit ausländischen Museen, nenne ihnen die Maße unserer Reisefassung des ,Merzbaus', organisiere die Transporte.“ Drei Tage dauert der Aufbau, jedes Mal werden enorme Mengen von Gips verarbeitet. „Es ist eine unglaublich staubige Angelegenheit“, sagt Schulz lachend. Die Reisefassung des „Merzbaus“ ist kürzlich überholt worden, aber auch die dauerhafte Replik im Sprengel Museum könnte inzwischen ein Facelifting vertragen.

„Schade, dass das Original des ,Merzbaus' in der Waldhausenstraße zerbombt wurde“, seufzt Schulz. In der Emigration in Norwegen und dann in England habe Schwitters versucht, daran anzuknüpfen. Doch die Bauten blieben Fragment. Wie lässt sich dieser ungebremste Schaffensdrang selbst noch des kranken Künstlers erklären? Die Kunsthistorikerin, die sich in ihrer Doktorarbeit mit Surrealismus, Psychoanalyse und Traumdeutung befasst hat, überlegt und sagt dann: „Ich glaube, Schwitters hat mit diesem Bauwerk versucht, eine Überfülle an Eindrücken ordnend in den Griff zu bekommen.“ Und lachend fügt sie hinzu: „Es ist ihm aber nicht wirklich gelungen, das Chaos zu ordnen.“

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