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Von Heinrich Thies
Im Glanze des Allmächtigen: Schloss Corvey, in dem Kaiser, Könige und fromme Mönche feierten, erhebt sich seit mehr als 1000 Jahren im Weserbergland nahe Höxter. Quelle: Heinrich Thies

Der Weg ins Mittelalter führt nach Höxter. Wenige Kilometer abseits der Fachwerkstadt an der Weser und gleich hinter der Landesgrenze zwischen Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen erhebt sich eine Kirche mit zwei Türmen, die schon vor mehr als 1000 Jahren in den Himmel ragten. Bei dem bräunlichen Gemäuer handelt es sich um das sogenannte Westwerk einer Klosterkirche, in der Könige und Kaiser sich einst im Glanze des Allmächtigen sonnten und fromme Mönche schlichte Gottesdienste feierten. Manche dieser Gottesdiener gingen in ihrem Glaubenseifer weit über das Weserbergland hinaus. Der Corveyer Mönch und Lehrer Ansgar kam mit seinen Missionierungsbemühungen bis nach Skandinavien und erwarb sich damit den Ehrentitel „Apostel des Nordens“ – von seinem Aufstieg zum Bischof von Hamburg-Bremen und der späteren Heiligsprechung einmal ganz abgesehen.

Ludwig der Fromme, der Sohn Karls des Großen, gründete bereits im Jahr 815 auf Wunsch seines Vaters in Hethis bei Höxter eine Propstei, aus der später das Kloster Corvey hervorging. Der Name rührt daher, dass Benediktinermönche aus dem französischen Corbie an der Somme im Jahre 822 ihre Wirkungsstätte an die Weser verlegten. Von diesem mittelalterlichen Kloster steht heute nur noch das Westwerk – ein Baudenkmal aus karolingischer Zeit, das europaweit seinesgleichen sucht und daher vermutlich schon bald in die Liste des Unesco-Kulturerbes aufgenommen wird – der Antrag wird gerade vorbereitet. Der übrige Teil der Abtei wurde während des Dreißigjährigen Krieges in Schutt und Asche gelegt.

Das Westwerk bildet heute den alten Kern einer riesigen dreiflügeligen Schlossanlage, die in der Barockzeit an historischer Stätte errichtet wurde und fortan Fürstbischöfen als Residenz diente. Kloster? Schloss? Von der stillen Herberge von Mönchen, die das Schweigegelübde abgelegt hatten, entwickelte sich die Anlage immer mehr zum repräsentativen Herrschaftssitz. Der Wandel spiegelt sich schon in den Titeln: Die Mönche durften sich schließlich Domherren nennen, und aus dem Abt wurde zunächst ein Fürstabt und am Ende ein Fürstbischof. Mit der Säkularisation im Jahre 1803 verwandelte sich das Kloster dann endgültig in ein Schloss.

Auf dem Wiener Kongress 1815 wurde das herrschaftliche Anwesen dann Preußen zugesprochen. Der preußische König entschloss sich einige Jahre später, das Schloss unter Wahrung seiner Oberhoheit an den Landgrafen Viktor-Amadeus von Hessen-Rotenburg zu übertragen – zusammen mit dem ehemaligen Kloster Ratibor in Oberschlesien. Herzog von Ratibor und Fürst von Corvey – dies sind die Titel, die der preußische König im Jahr 1840 dem Neffen des Landgrafen verlieh, der Schloss Corvey 1834 von seinem Onkel erbte. Bis heute sind das Schloss und die zugehörigen Ländereien im Besitz der Adelsfamilie.

Erstmals in der Familiengeschichte hat vor zwölf Jahren ein erbberechtigter Spross des Geschlechts seinen Hauptwohnsitz nach Corvey verlegt: Viktor Prinz von Ratibor und Corvey. Der 44-jährige Land- und Forstwirt lebt mit seiner Familie im sogenannten Teehaus an der Nordwestecke des Gartens. Zwei Mädchen im Alter von sieben und sechs sowie zwei Söhne im Alter von einem und vier Jahren können sich in der ehemaligen Orangerie austoben.

Die einstige Abtei wird nicht nur von der Prinzenfamilie bewohnt. Etwa 60 Menschen, mit und ohne Adelstitel, leben als Mieter im Schloss. Der Prinz ist auf die Mieteinnahmen angewiesen. „Die Erhaltung und Pflege des 21 000 Quadratmeter großen Areals verschlingt ein Vermögen“, sagt Prinz Ratibor. Er bezieht zudem Einnahmen aus seinem landwirtschaftlichen Betrieb, den der Land- und Forstwirt selbst managt. Weitere Einkünfte erzielt von Ratibor aus den Mieteinnahmen der Gewerbebetriebe, die sich auf seinem Schlossgelände angesiedelt haben – darunter ein Weinhandel und ein Schlossrestaurant.

Als Gesellschafter ist der Prinz am Kulturkreis Höxter-Corvey GmbH beteiligt, der die museal genutzten Räumlichkeiten betreut und Führungen sowie Kulturaktivitäten organisiert.
Der österreichische Dialekt verrät die Herkunft des Schlossherrn: Prinz Viktor ist in der Wachau bei Wien aufgewachsen und als Kind nur während der Ferien in Corvey gewesen. Sein Vater lebt nach wie vor in Österreich. Doch Franz-Albrecht, Herzog von Ratibor und Fürst von Corvey, mittlerweile 88 Jahre alt, sieht bisweilen auch noch in Corvey nach dem Rechten. „Er ist noch sehr fit für sein Alter“, sagt der Prinz. Gemessen an den alten Gemäuern darf sich in Corvey ohnehin jeder jung fühlen.

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